"Halligalli und Saufen haben mit der Tradition nur wenig zu tun"

Christian Deker

Raphael Rinkenauer ist ein Fasnets-Fan wie aus dem Bilderbuch. Der 24-jährige Inhaber einer Künstleragentur verpasst kaum einen Umzug in Südbaden und forscht sogar für ein Buch in den Archiven von Zünften. fudder-Autor Christian Deker traf den Hobby-Brauchtumsforscher im Freiburger Fasnets-Museum. Ich bin ein echter Fasnets-Muffel, deshalb gleich die Frage: Was ist für Dich das Tolle an Fasnet?Es ist einfach faszinierend, das Brauchtum zu erleben, das zum Teil ja schon Jahrhunderte alt ist. Es gibt Zünfte, die inzwischen schon 150 oder 200 Jahre lang existieren. Ich finde es toll, heutzutage Fasnet so zu erleben, wie es schon früher vonstatten ging. Was ist das Interessante für die vielen Menschen am Straßenrand? Warum kommen so viele?Es gibt zwei Gründe: Immer mehr kommen wegen Party, Halligalli und Saufen. Es gibt aber auch ein paar wenige, die dank ihrer Groß- und Urgroßeltern tatsächlich noch einen Bezug zur Tradition haben. Findest Du es schade, dass nur noch wenige der Tradition wegen kommen? Ja, schon! Die Tradition sollte wieder viel mehr im Vordergrund stehen: Warum feiert man Fasnet, woher kommt dieser Brauch? Ja, vielleicht kannst Du diese Frage gleich selbst beantworten: woher kommt denn Fasnet? Früher hat man oft gesagt, dass der Brauch vom Austreiben des Winters kommt. Das stimmt aber nicht. Der eigentliche Hintergrund ist das Feiern vor dem Beginn der Fastenzeit. Die letzte Nacht vor dem Fasten, deshalb “Fastnacht” oder badisch “Fasnet”. Es wurde geschlachtet, gegessen und Alkohol getrunken. Außerdem wurden auch andere Dinge gemacht, die während der Fastenzeit verboten waren.

Dass ein junger Mensch wie Du sich so dem Brauchtum verpflichtet fühlt, ist eher ungewöhnlich. Oder liege ich da falsch? Nein - ich denke, dass es schon ungewöhnlich ist. Ich interessiere mich seit meiner Kindheit dafür. Der erste Umzug, auf dem ich als kleines Kind war, hat mich sehr bewegt und mitgenommen. Dann hat mich das Fasnets-Fieber gepackt und ich habe im Lauf der Jahre eben so einiges an Fachwissen angesammelt. Es sollte mehr junge Leute geben, die sich dafür interessieren. Schließlich ist Fasnet ein Kulturerbe, das man nicht so einfach verloren gehen lassen sollte. Haben die Zünfte denn Nachwuchssorgen? Vor allem diejenigen Zünfte haben Sorgen, die strenge Aufnahmebedingungen haben. Es gibt zum Beispiel die so genannte “Leue”. Das bedeutet, dass die Mitgliedschaft in der Zunft immer an den männlichen Part der Familie weitervererbt wird. Die neueren Zünfte schießen dagegen wie Gras aus dem Boden. Bei denen steht eher Halligalli im Vordergrund - sie nehmen jeden auf und haben entsprechend wenig Nachwuchsprobleme. Bei wie vielen Umzügen warst Du inzwischen schon? In gut 16 Jahren werden es wohl an die 200 gewesen sein. Du arbeitest an einem Buch über Fasnet in Baden-Württemberg. Worum soll es darin genau gehen? Es soll um die Frage gehen, warum sich Narren überhaupt treffen und wie diese Treffen entstanden sind. Zusätzlich soll das Buch ein Verzeichnis über alle Narrentreffen enthalten, die in der Vergangenheit stattgefunden haben. Ich recherchiere dafür in den Archiven von Zünften. Ich würde mir übrigens wünschen, dass noch mehr Zünfte ihr Archiv für mich öffnen würden. Gerne können sich neben den Zünften auch Privatpersonen bei mir melden, wenn sie Interesse an einer Mitarbeit haben.

Hast Du bei Deinen Forschungen ein Vorbild? Ja, mein Vorbild ist Brauchtumsexperte Professor Dr. Werner Mezger von der Uni Freiburg, der ja auch im Fernsehen immer die Umzüge kommentiert. Den würde ich gerne mal persönlich treffen und vielleicht könnte ich ja mit ihm sogar zusammenarbeiten... Warum ist Fasnet für die heutige Jugend nicht mehr so interessant? Die jungen Menschen haben offenbar keinen Bezug mehr zu Fasnet. Es sind keine Großeltern mehr da, die das Wissen weitergeben. Den heutigen Jugendlichen geht es zum größten Teil nur noch um Party und Saufen. Aber auch die Fasnets-Traditionalisten sind doch öfters besoffen?Das kommt von früher: Man hat eben vor dem Beginn der Fastenzeit gut gegessen und getrunken - aber sicher nicht so übertrieben wie heute. Und wann kann man Dich das nächste Mal in Aktion erleben? Eigentlich die ganze Fasnets-Zeit über bei Umzügen. Und natürlich bin ich auch am Rosenmontag in Freiburg am Straßenrand dabei. Ich werde mir den Umzug anschauen und die Zünfte bewundern.