Haken im Rücken (2)

Müslüm Erikci

Müslüm ist in Malaysia angekommen und wird dort angestarrt wie ein Marsmännchen. Es kommt ihm jedenfalls so vor. Sein Zimmer ist chaotisch, er teilt es sich mit zwei Brüdern seiner Gastfamilie. Ansonsten hat er Schauriges von einer religiösen Zeremonie zu berichten.



Ich bin gesund in Malaysia angekommen und überrascht darüber, dass ich dem Jetlag nicht zum Opfer gefallen bin. Der Klimakontrast meiner Reise war bemerkenswert: In Breisach hat es geschneit bei fünf Grad minus; an meinem Reiseziel Kuala Lumpur messe ich 30 Grad im Schatten, bei einer Luftfeuchtigkeit von 80 Prozent.


Landung, ein Ankunftscamp für uns Austauschschüler im Hotel, zwei Tage Vorbereitung aufs Land. Dann wurde ich meiner Gastfamilie vorgestellt. Wir sangen gemeinsam ein malaisches Volkslied. Schwer vorstellbar, vor einer Gruppe Fremder zu stehen und ein Lied zu singen, dessen Text man kaum aussprechen kann.



Wir Deutsche was aus unserer Heimat singen. Wir entschieden uns für die Nationalhymne, danach begeisterten wir das Publikum mit "54, 74, 90, 2010".

Nach dieser Aufführung wurde ich mit meiner Gastfamilie zum ersten gemeinsamen Foto nach vorn gebeten.

 

Der erster Tag mit meiner neuen Familie war fantastisch. Die Familienmitglieder sprechen sehr gut englisch. Mutter und Vater interessierten sich insbesondere dafür, wie ich mit dem örtlichen Essen zurechtkäme. Die zwei Tage im Hotel waren in dieser Hinsicht die reinste Folter. Zum Frühstück weder Müsli, Brötchen noch Marmalade. Dafür richtig deftige Soßen mit Chilli und Fisch sowie Curry. Ich probierte einen Esslöffel davon und bekam fast keine Luft mehr.

Damansara ist ein Vorort von Kuala Lumpur und beinahe so groß wie Freiburg. Was einem zuerst auffällt, sind die Unterschiede der einzelnen Bezirke.



Reiche Malaien oder Chinesen leben in so genannten Einfamilienhäusern, die von Mauern umgeben sind. Die Anwesen der Einfamilienhäuser sind nochmals ummauert und 24 Stunden von Sicherheitskräften bewacht. Die reinsten Gefängnisse. Die Sicherheit nimmt proportional zum Vermögen der Bewohner ab. Die Häuser sind meist so eingerichtet, dass das untere Stockwerk piccobello aufgeräumt ist und das obere eine einzige Katastrophe.
Bei uns in der Nachbarschaft überall diese Häuser mit Garten und ihren europäischen Mittelklassewagen, dann das neue Zuhause mit Privatgarten und drei Autos, davon zwei Mercedes.

Ich öffnete dann die Tür meines Zimmers, das ich mit zwei älteren Brüdern teile. Erster Eindruck Chaos.

An den folgenden Tagen gewöhnte ich mich an die Feststellung, dass in den Einrichtungsgegenständen komplett andere Dinge waren, als sie es vermuten ließen.

Die Woche über war ich damit beschäftigt, Schulsachen, Schuluniform und andere Utensilien zu besorgen. Abends ging ich mit meinen Brüdern raus, sie haben schon Führerschein. Außerdem waren wir bei mehreren Verwandten zu Gast. Dort wurde ich als eine Art Attraktion gehandelt. Auch auf der Strasse gafft man mich an, als wäre ich ein Marsmännchen. Anfangs hat mich das wütend gemacht, mittlerweile achte ich nicht mehr darauf.



Ein Highlight bisher war ein Ausflug mit meiner Austauschorganisation zu einem religiösen Festival. Ich lernte dabei einige Austauschschüler kennen, die schon seit sieben Monaten hier sind. Sie kommen aus Grönland, Australien, Estland, Spanien, Ägypten, Japan und so weiter.

Die Hauptgruppe bilden 17 deutschen Schüler. Gemeinsam waren wir mit einem Regionalzug unterwegs. In einen Waggon passen maximal 500 Personen. Mit uns waren schätzungsweise 1000 drin. Jedesmal, wenn sich die Türen öffneten, drängten noch mehr Leute hinein.



Als wir ankamen, sah ich zum ersten Mal solch eine riesige Menge von Menschen auf einem Haufen.
Da wir in einer großen Gruppe gekommen waren, hielten wir uns an der Hand fest, um nicht verloren zu gehen.

Für die Inder bedeutete dieses Festival sehr viel, denn wenn ihr Wunsch in Erfüllung ging, rasierten sie sich die Haare, Männer wie Frauen.

Sie pilgerten etwa 700 Stufen, um eine heilige Höhle zum Beten zu erreichen.

Man sah auch Pilgerer, die sich selber Schmerzen zufügten, indem sie sich eine Art Haken in den Rücken steckten. Den Haken banden sie an ein Seil, dessen zweites Ende sie jemandem in die Hand drückten, der dann zurück ging, so dass der Rücken zu bluten begann.

Also macht's gut!

MfG Müslüm