Hämmerles Welt: So entstehen Freiburg-Krimis

David Weigend

Einmal wird OB Salomon in einem Windrad auf dem Rosskopf eingesperrt, ein andermal der Bademeister im Westbad ermordet: bereits zehn Fälle musste Privatdetektiv Jean-Marie Hämmerle lösen. Ein Gespräch mit Autorin Renate Heyberger (54) und Verleger Hans-Albert Stechl (59) unter dem Motto: "Sterben, wo jeder zweite Deutsche leben möchte."



Zum Reinkommen

„Die Zeiten, in denen dichte Rauchschwaden Freiburgs Kneipen und Köpfe vernebelt hatten, gehörten einer längst vergangenen liberalen Epoche an, in der man auf den Straßen noch trinken und seine Fahrräder abstellen durfte. Damals war es sogar noch erlaubt, in den Straßenbahnen zu essen. Ältere Freiburgerinnen und Freiburger erinnerten sich wehmütig an diese goldenen Jahre und luden sich von Zeit zu Zeit zu heimlichen Ess-, Trink- und Rauchgelagen in die verborgenen Winkel des öffentlichen Raums ein.“

Die Kicker-Connection, Seite 25



Wirklichkeit oder Persiflage?

Es ist manchmal nicht ganz einfach, zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu unterscheiden in den Freiburg-Krimis, die Renate Heyberger und Udo Marquardt seit 1995 schreiben. Auf der einen Seite ist es genau die Lebenswelt, die man kennt, teils durch gründliche Recherche der Autoren vertieft und ausgeschmückt; auf der anderen Seite sind die Charaktere dieser Krimis so überzeichnet, dass sie zur Freiburger Karikatur geraten.

Da gibt es zum Beispiel den Ex-OB Rolf Böhme, der seit seiner Pensionierung meistens in der Casa Espagnola abhängt und nebenbei als Linienrichter fungiert beim Match der Thekenmannschaften Wir sind Wir aus Haslach gegen die Humpen-Elf aus Denzlingen; oder den Kriminalkomissar Harry Stefan (ein Schelm, der bei der Ähnlichkeit zur Heinrich-von Stephan-Straße Böses denkt), der sich für Columbo hält und so ziemlich alles vermasselt, was er in die Hand nimmt.



„Wer diese Bücher liest, weiß, dass das Parodien sind“, sagt Heyberger. „Das ist nicht ernstzunehmen. Dieser Freiburger Komissar Harry Stefan ist ein totaler Volltrottel, eine Kunstfigur.“ Was man von Herrn Böhme nicht gerade behaupten kann. Wie reagieren reale Personen darauf, wenn sie sich ungefragt in parodistischen Romanen wiederfinden?

„Ich hab’ mich bei einer Veranstaltung, bei der wir beide zu Gast waren, geoutet, dass ich diejenige bin, die diese Bücher schreibt“, erzählt Heyberger. „Das war schon etwas riskant, er ist ja so groß und ich konnte auch nicht weg. Aber er fand’s toll.“

Der Sternwald Verlag

Die Genese der Freiburg-Krimis begann vor 14 Jahren. Renate Heyberger und Udo Marquardt lernten sich über ihre Arbeit beim Radiosender FR1 kennen. Das Berufliche ging auseinander, dennoch wollten die beiden weiterhin in ihrer Freizeit etwas auf die Beine stellen. So schrieben sie ihren ersten Freiburgkrimi, den Katzen-Killer.



Der Prozess des Schreibens könnte bei den beiden gemeinsamer nicht sein: „Udo und ich sitzen dann nebeneinander am Laptop und schreiben wirklich jeden Satz zusammen. Wir streiten manchmal über ein Wort, aber ansonsten funktioniert das. Ich finde, man kann so eine Geschichte zu zweit viel besser weiterspinnen, als allein. Allerdings muss man dafür einen ähnlichen Sinn für Komik haben.“

Den „Katzen-Killer“ ließen sie auf gut Glück 1000 Mal drucken und in den lokalen Buchhandlungen auslegen. Nach vier Wochen waren die gelben Krimis vergriffen. Es war dies auch die Zeit, als noch nicht jedes deutsche Nest seinen eigenen Lokalkrimi hatte, es gab vielleicht vier oder fünf dieser Gattung.

Heyberger und Marquardt hatten auch erkannt, dass man im Ballungsgebiet Bächle „nicht mit Hardcore-Kriminalität“ kommen könne, sondern dass es vielleicht ratsamer sei, das Ganze etwas zu ironisieren. Das kam ganz gut an und nach einem Jahr verlangten die Buchhändler von Herder Nachschub.



Der Hobbyverleger

Inzwischen sind zehn Freiburg-Krimis erschienen, im Sternwald Verlag, für den Hans-Albert Stechl verantwortlich zeichnet. Stechl, 59, ist Rechtsanwalt und sieht den Verlag als Hobby, bei dem nebenbei ein wenig Geld rausspringt. Seit 1998 gibt es im Sternwald-Verlag auch Schwarzwald-Krimis mit Titeln wie „Das Kirschtortenkomplott“. Stechl sagt: „Mir werden im Jahr etwa zehn Manuskripte unaufgefordert zugeschickt. Leider schaffe ich es zeitlich gar nicht, mich um diese Texte auch noch zu kümmern. Ein Hobby ist da zu einer Art Zweitberuf geworden." Gut 90.000 Freiburg-Krimis hat Stechl bislang verkauft.

Die Vorstellung, man könne seinen Lebensunterhalt allein vom Verkauf solcher Bücher bestreiten, ist übrigens eine Illusion. Stechl sagt: „Von aller Belletristik, die in Deutschland verlegt wird, erreichen nur vier Prozent eine Auflage von über 5000. Das Autorenhonorar sind 10 Prozent vom Ladenpreis. Nehmen wir ein gebundenes Buch, das 30 Euro kostet; da bekommt der Autor pro verkauftem Exemplar drei Euro; bei 5000 verkauften Büchern kann man sich schnell seinen Lohn ausrechnen und man fragt sich, wie lange er davon leben soll."



Verfilmung von Hämmerle?

Realistischer wird so ein Autorenleben vielleicht dann, wenn er die Rechte seiner Geschichte auch noch an eine Filmproduktionsfirma verkaufen kann, welche die Story dann in ein Drehbuch umschreibt. Die Bavaria Film hat vergangenes Jahr Interesse an den Schwarzwald-Krimis gezeigt, vielleicht wird da was draus. 2004 hatte es bereits beim SWR Überlegungen gegeben, die Freiburg-Krimis mit ihrem Protagonisten Jean-Marie Hämmerle, dem taz-lesenden Taxifahrer, als 13-teilige Serie zu verfilmen. Das Pilotbuch steht bei Heyberger und Stechl, die ein Paar sind, in ihrem Schrank in der Sternwaldstraße. Aus der Serie wurde leider nichts. Auch, weil im SWR offenbar die Meinungen über die Hämmerlegeschichten auseinander gingen.

Kritiker

Feuilletonisten verreißen Bücher wie „Breisgau-Bohème“ oder „Münstermörder“ und sie beziehen sich dabei häufig auf die angesprochene Klischeehaftigkeit ihrer Figuren. Renate Heyberger, im Übrigen stellvertretende Chefin des Freiburger Studentenwerks, kommentiert diesen Vorwurf so:

"Meine Güte, was ist ein Klischee? Wenn ich aus dem Fenster rausschaue, hier auf die Bertoldstraße, sehe ich lauter Klischees rumlaufen. Es gibt so viele Sachen, über die man auch schmunzeln kann, wenn man sich die Leute auf der Straße anschaut. Wann wird ein Typ zu einem Klischee? Ich weiß es nicht. Nehmen wir den Karotten-Broccoli-Cocktail im ,Fit-Inn' in Herdern: klar ist das ein Klischee. Aber wenn Sie in so ein Fitness-Studio gehen, sehen Sie, dass es solche ähnlichen Drinks wirklich gibt und auch Leute, die sie trinken. Wo ist die Grenze? Ein Literaturwissenschaftler könnte ihnen das vielleicht sagen. Wir gehen damit etwas unbefangener um und setzen uns so auch der Kritik aus, das ist uns bewusst."



Anspruch der Autoren

Typen wie Hämmerle oder sein Goldkettchen-Kumpel Dieter Pikulski sind nicht fürs Feuilleton gedacht, sondern eher für den Lokalteil. Dieses Missverständnis sehen jedenfalls die Autoren, denen es beim Schreiben eigentlich nur um den Spaß an der Sache geht und weniger um große Literatur. An zehn Wochenenden im Jahr treffen sich die beiden, setzen sich ans Laptop, tippen ein wenig, klappen das Ding abends zu, machen einen Rotwein auf und lassen sich von Verleger Stechl bekochen. So läuft das in der Sternwaldstraße.

Das nächsten Hämmerlebuch wollen Heyberger und Marquardt 2010 raushauen. Um was es geht, deutet die Autorin am Ende an: „Hämmerle wird 50. Vielleicht findet die Party im Europapark statt, jedenfalls wird während der Feier irgendwas passieren.“

Verlosung

fudder verlost fünf Freiburg-Krimis aus der Hämmerle-Serie.

Um an der Verlosung teilzunehmen, schickt eine E-Mail mit Eurem Namen, Eurer Adresse und dem Betreff "Sternwald" an gewinnen@fudder.de. Einsendeschluss ist am Montag, 2. Februar 2009, 11 Uhr. Die Gewinner werden nach dem Ende der Verlosung per E-Mail benachrichtigt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Mehr dazu:

Web: Sternwaldverlag