Hach, der Flori!

Lorenz Bockisch

Am Freitag war der fahrende Zirkus namens "Frühlingsfest der Volksmusik" in der Freiburger Rothaus Arena, samt Stargastgeber Florian Silbereisen und vielen Überraschungsstargästen. Und Lorenz war für fudder mit dabei, vom Anfang bis zum bitteren Ende. Hier nun die Analyse eines Abends mit fahlen Witzchen, seichten Melodien, Ohrenbluten von DJ Ötzi und dem unterdrückten Zappreflex.



Eigentlich ist es ein wunderschön sonniger Maiabend, aber niemand will ihn mit mir verbringen. Was aber nicht an mir lag (frisch geduscht), sondern an der vermeintlichen Verkörperung allen menschlichen Grauens: Florian Silbereisen. Also stiefele ich allein zur Rothaus Arena, mich durch einen Riesenandrang von zwei bis drei Generationen vor mir geborenen Menschen kämpfend. Diese ist beinahe ausverkauft: Der Blick über die Reihen erinnert an ein Blumenkohlfeld mit leichten Tupfern von silberglänzendem Violett. Schon lange vor Beginn der Show wird man von seichten Geigen-Melodien an poppigen Rhythmen berieselt, vom Walzer bis Celine Dion.


Zu Beginn tanzt das DDR- MDR-Fernsehballett eine Funkenmariechenparade, bis endlich der von allen herbeigesehnte Star mit der berühmten Volksfest-der-Volksmusik-Erkennungsmelodie die Bühne betritt. Feuchte Augen bei den Damen um mich herum, und der Flori flirtet eine Mittfünfzigerin aus der ersten Reihe an. Kontakt zum Publikum nennt man soetwas wohl.

Seine Ansage für die erste Künstlerin ähnelt unheimlich allen darauf folgenden (von denen jeder zweite ein Überraschungsgast ist): Ungefähr 18 Platinmusikkassetten in 26 Ländern, Echos, ausverkaufte Konzerte weltweit seit ... (Lieblingszahl einfügen) Jahren, und sowieso der/die netteste Person mit der schönsten Stimme der Welt. Lobhudelei nennt man soetwas wohl.

Die Künstler



Angela Wiedl heißt die erste, gewandet in volkstümlich anmutendem Dirndlverschnitt, und sie singt noch ein Begrüßungslied, eines über „Mama Theresa“, und eines über das Jodeln, was sie natürlich nicht lassen kann: Beim Höhepunkt klatscht und johlt das bejodelte Publikum, als hätte Eddie van Halen grad ein Gitarrensolo hingelegt – nur eben mit einem gewissen Niveauunterschied.

Es folgen Ossi-Schnauzbart Achim Mentzel, der knödelnde „Startenor“ Johannes Kalpers, die beiden alten Schunkelschachteln Margot und Maria Helwig, Alt-68er-„Mama“-Kind Hein Simons alias Heintje, der kollektiven Schunkelzwang ausruft, die zum Glück nicht singende Grit Böttcher und – wohl als vorläufiger Höhepunkt – DJ Ötzi. Bei dessen „Ein Stern“ kommen alle Arme in die Luft, alle Rentner von ihren Stühlen und mir fast die Galle hoch. Dass ich nicht vor diesem Aprés-Skihüttensänger klatschend aufstehe, beschert mir beim Umschauen verständnislose bis abschätzige Blicke. Aber beim besten Willen möchte ich nicht mal eine Hand vor einem Österreicher heben, der auf einer Bühne zusammenhangloses Zeug von sich gibt.

Nach diesem Auftritt ist zum Glück Pause. Ich sprinte zum Getränkestand, um den Schmerz mit Alkohol zu stillen. Erste Überlegungen, die Flucht anzutreten, verwerfe ich wieder. Denn wie schrieb schon Strittmatter: „Kurz und gut, man muss sich in die Stiefel seichen, wenn es der Anstand erfordert.”

Ja, die Show hat auch ein paar gute Seiten: So zum Beispiel die Band, die hervorragend und live (zu wirklichem Live-Gesang) musizierte und der man den Spaß ansah, sobald mal etwas aufwändigere Rhythmen und Harmonien vorkamen. Nicht jeder ausgebildete Musiker kann schließlich in einer Independent-Freejazz-Combo verhungern. Und das Fernsehballett des MDR ist – wie eigentlich seit Jahrzehnten – eine Profitruppe, die ihre perfekt eingeübten Choreographien stets lächelnd darbietet: Die können richtig gut tanzen.

Dass Margot und Maria Hellwig zu den größten der Volksmusikszene gehören, sollte eigentlich zum Ruhestand reichen. Doch dass die 88-jährige Mutter Maria trotz unüberseh- und -hörbaren Beschwerden beim Gehen und beim Tönetreffen immernoch auf die Bühne muss, grenzt an Tierquälerei. Und Heintje, die Nulpe aus Amsterdam, braucht anscheinend wieder Geld. Sonst würde er sich nicht zu so einer Tingeltour zwingen lassen. Ihm war anzusehen, dass er keinerlei Lust zum Auftreten und Singen seiner alten Lieder hatte.

Das Showkonzept


Zwischendurch gibt es immer wieder kleine Überleitungsshoweinlagen: ein kleines Scherzchen hier, eine belanglose Thomas-Gottschalk-Wetten-dass-Frage da, dann ein gespielter Sketch im Flugzeug. Alles gefällig aneinandergereiht. Jeder der Künstler darf etwa drei Liedchen von sich geben, davon muss einer ein alter Hit zum Mitsingen sein, einer darf aktuell sein und einer ein Duett mit dem Gastgeber. Zum Ende hin dürfen alle nochmal gemeinsam auf die Bühne und das Schlusslied intonieren. Auch nach der Pause beim silbrig ergrauten Nino d'Angelo und der knackig-jungen Helene Fischer immer und immer wieder das Selbe, wenn auch mit kleinen Variationen.



Als Auflockerung kommen regelmäßig die durchtrainierten Körper des Fernsehballetts zum Dran-satt-sehen auf die Bühne. Und Zoten dürfen natürlich auch nicht fehlen; Höhepunkt der Zwischengags ist ein Auftritt von Silbereisen und Mentzel in Frauenkleidern. Das scheint eine Vorliebe der Showmacher zu sein, kamen doch schon vor Jahren die Wildecker Herzbuben in Dirndln auf eines von Silbereisens Volksmusikfesten. Aber auch da: die Menge grölt. Und was auch nicht fehlen darf: die süßen blumenbringenden Kinder aus der ersten Reihe; sie im hübschen Kleidchen, er mit umgedrehter Baseballmütze und Sport-T-Shirt und die Mutter im Dirndl. Die Kunstblumen in der Bühnendeko wirken echter.

Der Showmaster



Nicht nur bei dieser Transennummer erinnert der mit blondwallendem Haar grinsende Florian Silbereisen sehr an eine alte Größe des Showgeschäfts: Rudi Carrell. Zweifellos hat Silbereisen sehr viel bei ihm abgeschaut, was Konzeption, Publikumsnähe und massentaugliche Gags betrifft. Auch wenn einige nicht zünden – wenn etwa DJ Ötzi sich den Text nicht merken kann und auch nicht dazu in der Lage ist, auf dem riesigen Spickzettel im Inneren seines Jacketts nachzuschauen. Vielleicht hätte man es mit dem Eimer-Wasser-übern-Kopf-Klassiker versuchen sollen.

Silbereisen jedenfalls versteht sein Handwerk, das er von diesem alten niederländischen Meister abgeschaut hat, und weiß mit seinen Kunden, dem Publikum, umzugehen. Dass er sich dazu diese (durchaus zahlungskräftige) Zielgruppe ausgesucht hat, kann man ihm nicht vorhalten. Dazu gehört wohl auch sein unvermeidliches Lied über Gott: „Ich glaube an Gott, ich glaub daran, ich bin ein Teil von seinem Plan.“ Naja, wer's glaubt... Und soviel sei verraten: Den Busserl-„Weltrekord“ schafft er natürlich. 83 Küsschen in 2:05 Minuten.



Im Vorfeld wurde ich schief angesehen, was mich zu so einer Veranstaltung treibt. Faszinierend war diese extreme Anziehungskraft der Volksmusik auf vor allem Ältere schon lange, doch konnte ich nie eine Show im Fernsehen durchstehen. Der Zappreflex kam stets nach spätestens zwanzig Sekunden Mutantenstadl oder Marianne und Michael. Eingesperrt in einer großen Halle konnte ich nicht entfliehen, dennoch zuckte mir des öfteren unwillkürlich der Daumen – aber keine Fernbedienung weit und breit.

Insgesamt war es doch nicht so schlimm wie befürchtet. Der Silbereisen war, zu meiner Überraschung, noch der erträglichste Teil an der ganzen Veranstaltung. Aber wie jemand freiwillig solche niveaufreie „Musik“ mit zusammenhang- und belanglosen Texten über die immer gleichen Themen Herz & Schmerz & Paradies & Glück & Heimat aushalten kann, wird mir wohl ewig ein Rätsel bleiben. Wer's mag, soll's sich antun. Ich nie wieder.

Fleißig Geld kann man mit so einer durch die Lande tingelnden Show anscheinend verdienen: Zwischen 51 und 61 Euro bezahlten die Zuschauer, zuzüglich fünf Euro für das spärliche Programmheft. Vor allem viele der zahlreich anwesenden geistig und körperlich "Benachteiligten" zückten freudig die kleinen blauen Scheine. Auch eine zahlungsfähige Zielgruppe, allerdings mit einem gewissen Gschmäckle.

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[Nachtrag: Die Überschrift ist ein Zitat einer alten Dame, als sie die Treppe an der Messehalle hinunterging, gehört beim eiligen Wegfahren.]