Ha ja, das isch de Hölletäler

Thomas

Wer kennt ihn nicht, den fiesen Wind, Höllentäler genannt, der uns im statistischen Mittel an 164 Tagen im Jahr nachts um die Ohren saust? Als Neuling in Freiburg hatte ich mir zunächst keine Gedanken über das unter Meteorologen so genannte Phänomen "Talwind" gemacht. Aber es kommt keiner an ihm vorbei:

   

Es geschah auf dem Augustinerplatz, ich nuckelte genüsslich an einer Markgrafenbräu-Flasche, die ich zuvor von einem netten Herrn, dessen Lieblinswort "Proscht!" ist, erworben hatte, und erfreute mich in meinen Flipflops, Shorts und meinem T-Shirt des Lebens. Um circa 21.30 Uhr war es dann soweit: Ein kühler Luftzug fegte über den Platz.   Anfangs erscheint mir dies immer als angenehme Abkühlung, doch nach einer Weile friere ich an Zehen, Armen und Beinen. Die nächste logische Konsequenz ist ein Schlottern am ganzen Körper, welches im Extremfall die gute Laune verdirbt und mich und meine Freunde wegen Mangels an Luftzug-Anpassungsfähigkeit weg von den Plätzen rein in die Kneipen treibt.   Alteingesessene Freiburger werden sich nun wissende Blicke zuwerfen, ihre Turnschuhe und Kapuzenpullis wohlwollend betrachten, und immerzu ist der Satz zu hören, der einem Zugezogenen so ziemlich schnell in Erinnerung bleiben wird: "Ha ja? das isch de Hölletäler?. grummel? brummel?. Hölletäler fegt heut wie wild".  

Der Höllentäler also. Bei der ersten Begegnung mit unserem Lokalwindchen hatte ich mir nicht viele Gedanken dazu gemacht. Aber nach und nach ging mir die nächtliche Abkühlung im Bereich des Münsterplatzes, des Schlossbergs und des Augustinerplatzes so ziemlich auf den Sack. Auch der immerzu wiederkehrende Spruch "ui? der Holletäler isch do" war mir irgendwann mal so im Ohr, dass ich sogar nachts davon träumte.   Irgendwann war es soweit, dass sich das Thema selbst in meine Diskussionen eingeschlichen hatte. Sogar dann, als ich mit einem netten Gegenüber anderen Geschlechts auf dem Schlossberg saß und mir trotz der Romantik der Gesprächsstoff ausging (was in diesem spezifischen Beispiel dann so um etwa halb zehn Uhr abends der Fall war).   Ich habe beobachtet, dass sich die Leute ziemlich schnell daran gewöhnen. Der Talwind stellt also einen ziemlich guten Indikator dar, wenn ich differenzieren will, wie lange sich jemand schon in Freiburg aufhält. Erstis und andere Frischzugezogene werden jeden Abend in leichter Kleidung in der Höllentalzone aufzufinden sein, wobei sie sich sehr leicht durch ein Schlottern unterscheiden lassen. Touristen erkenne ich ebenfalls sofort. Sie trinken ihr Bier im Feierlinggarten schnell leer und machen sich in wärmere Gefilde auf, während die Christengruppe aus Wisconsin am Ende des Tisches die Ohren spitzt und alarmiert bemerkt: "He said something about Hell Valley..."    

Nun ja, dass der Wind existiert und dass er auf das Freiburger Innenstadtleben einen gewissen, wenn auch nur subtilen Einfluss verübt, ist mir nach einiger Zeit, die ich in der Höllentalzone verbracht habe, klar geworden. Spätestens nachdem unser Billig-Ikeaplastiktisch vom Balkon gefegt wurde und wir ihn auf der Strasse aufsammeln durften, wurde ich sogar ein wenig sauer auf ihn. Doch wie entsteht der Wind eigentlich, wo kommt er her, wo geht er hin und warum nervt er so?   Wenn abends die Sonne untergeht, kühlen sich die Berghänge an den Seitentälern der Dreisam ab. Da kalte Luft bekanntermassen dichter und schwerer ist als warme, beginnen die Luftmassen an den Tälern entlang in die Tiefe zu sinken. Jedoch erwärmen sich die Luftmassen bei ihrem Weg nach Freiburg nicht auf (allgemein erwärmt sich Luft beim Abstieg), weil sie über die kalten Wiesen des Dreisamtals hinwegfegen und die Höhenunterschiede zu gering sind, als dass sich der Talwind aufgrund des unterschiedlichen Druckniveaus wesentlich erwärmen könnte.   Demnach haben wir es bei dem Höllentäler mit einem kühlen Luftzug zu tun. Im Freiburger Osten ist der Höllentäler am wirksamsten, da er bei der Engstelle Schlossberg und Sternwaldwiese zusammengedrückt und beschleunigt wird. Danach fegt er über den Augustinerplatz, Münsterplatz bis zur Kronenbrücke, wo ihm dann die Luft ausgeht.    

Die Bereiche nördlich des Schlossbergs wie Herdern und Zähringen sowie weiter westlich gelegene Stadteile wie Haslach und Landwasser werden vom Talwind nicht mehr berührt. Die da können also länger grillen und müssen ihre Sonnenschirme im Normalfall nicht im Boden verankern. Da Herdern ohne Höllentäler auskommen muss, wurde sogar mal darüber diskutiert, unterhalb des Rosskopfes eine Schneise in den Wald zu schlagen, damit der Wind ebenfalls die Menschen in den besagten Gebieten beglücken würde. Die Idee wurde jedoch verworfen, wie so viele andere Projekte, die von Klimaforschern ausgeheckt wurden. (Es gab sogar mal einen Typen, der aufgrund der Gefahr, dass der Assuanstaudamm in Ägypten das Mittelmeer “aussüßen” könnte, welches die Meeresströmungen im Atlantik beeinflussen würde, die gesamte Straße von Gibraltar zubetonieren wollte? das war 1997?hmm?)   Ebenfalls sehen einige Meteorologen durch die Bebauung des Dreisamtals und der damit verbundenen Verlangsamung des Höllentälers ein ernst zu nehmendes Problem. Der Höllentäler wäre somit zu schwach, um die dreckige Stadtluft aus der Innenstadt wegzublasen.   Man kann denken was man will, auf jeden Fall hat der Wind bestimmt auch sein Gutes. Er verschafft uns eine ab und zu willkommene Abkühlung in sehr warmen Spätsommernächten, freut die Menschen, welche in der Stadt eine Kneipe besitzen, fegt die Abgasluft der Autos aus der Innenstadt, sorgt für oberflächlichen Gesprächsstoff und in Littenweiler oftmals für das Verschwinden der Nebelsuppe. Andererseits lässt er unsere Plastiktische wegfliegen, unsere PH-Mädels auf dem Fahrradweg verzweifeln und beißt uns in unsere Waden.   Das nächste Mal, wenn ihr nun in der Innenstadt unterwegs seid und euer Gegenüber beeindrucken wollt, dann sagt einfach um halb zehn Uhr abends: “Hey? ich glaub, dass isch de Hölletäler”? Mit einer Chance von 44,8 Prozent werdet ihr damit richtig liegen.