Gute Nacht, Feierabend

Carolin Buchheim

Im Arbeitsvertrag ist die 40-Stunden-Woche vereinbart, doch viele junge Berufstätige sind ständig bei der Arbeit. Dank Handy und Laptop ist das Büro überall: im Café, im Club und im heimischen Wohnzimmer. Und so arbeiten wir vor der Arbeit und nach der Arbeit und eigentlich immer. Darüber beklagen will sich niemand, denn schließlich lieben wir unsere Berufe und sind froh, überhaupt einen Job zu haben. Und trotzdem: ticken wir eigentlich noch richtig?



Freitagabend, 23 Uhr. In einer Kellerkneipe in Freiburg steht Florian (alle Namen geändert) am Tresen. Wir feiern heute den Geburtstag eines Freundes. Statt Bier trinkt Florian eine Cola-Marke mit besonders viel Koffein – die Woche war lang. Die Flasche hat er auf dem Tresen abgestellt, und in der Hand hält er sein iPhone. In beeindruckender Tipp-Geschwindigkeit beantwortet er die E-Mails von seinem Arbeits-Account.


„Nur eine noch“, sagt er abwesend, als auf das Geburstagskind angestoßen werden soll. „Ich muss nur noch kurz einen Termin für morgen abklären. Das ist total wichtig.“ Natürlich ist es total wichtig. Keiner der Anwesenden meckert. Jeder von uns weiß, wie das ist, wenn unbedingt noch etwas für die Arbeit erledigt werden muss.

Meinen Freunden und mir ist unsere Arbeit wichtig
. Wir haben ausführlich studiert, Studienfächer gewechselt, Praktika gemacht, waren im Ausland und überhaupt hat es eine Weile gedauert, bis wir endlich die Berufe und die Jobs gefunden hatten, die zu uns passen. Jetzt haben wir sie, welch großes Glück, und wollen uns und allen beweisen, dass all diese Jahre nicht verschwendet waren. Verantwortung? Immer her damit!

Florian trägt viel Verantwortung. Er ist 26 und arbeitet als Projekt-Manager bei einem großen Unternehmen. Er hat sich seine Stelle aussuchen können, ein seltener Luxus, den in der Generation Praktikum fast nur ITler kennen. Als er seinen Arbeitsvertrag unterschrieben hat, war ihm klar, dass er deutlich mehr arbeiten muss als 40 Stunden in der Woche. Und so halt eben auch jetzt. Nur kurz, mal eben.

Während Florian seine E-Mail tippt, schaue mich um. Marlene verteilt Flyer für die Party, die sie am kommenden Wochenende veranstaltet und Jonas steht derweil hinter der Bar und diskutiert beim Biere zapfen, Musik auflegen und ein bisschen mit den Mädchen flirten, wie er die Platten, die er seit einigen Monaten auf seinem Mini-Label herausbringt, besser vermarkten kann. Derweil diskutieren Frank und Lucy, beide selbstständig, die Feinheiten der Kunden-Mailings.

Es ist Freitagabend, 23 Uhr. Sollten wir nicht mal langsam aufhören zu arbeiten und uns alle ein wenig entspannen, bitte?

Das Kein-Feierabend-Problem ist ein ziemlich neumodisches Ding. Unsere Eltern kannten das nicht. Sie haben zwar auch viel und lange gearbeitet, aber wenn sie zu Hause waren, waren sie zu Hause. Gut, da waren wir Kinder, klar, das ist auch Arbeit, aber eben anders. Es gab Arbeitszimmer in den Wohnungen unserer Eltern, aber dort wurde nicht gearbeitet, sondern große, teure Möbel zur Schau gestellt.

Meine Freundinnen und Freunde haben heute keine Arbeitszimmer in ihren Wohnungen. Ihre Arbeitszimmer sind Cafés mit freiem W-Lan, Clubs, in denen das iPhone Empfang hat und natürlich die eigenen Wohn- und Schlafzimmer. Dort werden Nächte mit Kundenpräsentationen, Design-Entwürfen und der Promo-Arbeit für die eigenen Band auf MySpace verbracht. Und der Laptop wärmt das Kopfkissen vor.

Das Kein-Feierabend-Problem betrifft nicht nur die Inhaber vermeintlich kreativer Styler-Berufe. Meine Freundin Andrea, Friseurin, verbringt ihre Wochenenden damit, Freunden und Verwandten die Haare zu schneiden und an sich selbst neue Techniken auszuprobieren. Kfz-Mechaniker Tobias bastelt am eigenen Auto herum und besucht Tuning-Messen, und Bankkaufmann Sebastian geht abends anstatt in den Feierabend auf die Berufsakademie und überlegt sich beim Sonntagsfrühstück Verbesserungsvorschläge für die Abläufe in der Filiale. Denn dafür gibt es ein Nicken vom Chef und eine kleine Prämie.

Die berechtigte Frage ist natürlich: Warum machen wir das? Und: Was ist daran jetzt eigentlich so schlimm? Wir können doch froh sein, dass wir unsere Jobs haben! Das sind wir auch. Und wir brauchen das Geld. Für die Studien-Kredite, die Handyrechnung und, so wie der Rest der Welt, für die Miete. Der eigentliche Grund für die Plackerei ist banal: Wir haben Angst. Denn von uns gibt es viele. Wir können alles und nichts. Wie sollen wir aus der Masse herausstechen, wenn nicht durch unseren leidenschaftlichen Arbeits-Masochismus?

Manchmal finden wir das alles auch gar nicht so schlimm. Dann erzählen wir uns stolz gegenseitig Heldengeschichten. Von Deadlines, die wir dank ignorierter Wochenenden einhalten konnten und von Präsentationen, die wir zittrig vom legalen Aufputschmittel des Jungarbeitnehmers, Coffeinum 0,2g, gehalten haben. Diese Geschichten verschaffen uns Befriedigung. Denn wenn Stress der Preis für einen Job den wir lieben ist, dann zahlen wir ihn gern.

Zu dumm nur, dass unser Freundeskreis mit seinen kollektiven psychosomatischen Beschwerden locker ein Fachbuch zum Thema  „Stress und seine Folgen“ ausfüllen könnte. Magenbeschwerden, Reizdarm-Syndrom, Rückenschmerzen, Schlaflosigkeit, Spannungskopfschmerzen, Tinnitus, Hörsturz, Depressionen – alles schon da gewesen.

Wir kennen die besten Physiotherapeuten für unsere verkrampften Körper und die besten Psychologen für unsere verkrampften Seelen. Schade, dass wir die Termine dort immer wieder verschieben müssen. Wegen der Arbeit.



Und dann wären da ja auch noch unsere meist nicht so gut funktionierenden Beziehungen. Babys haben nur die, bei denen das aus Versehen passiert ist. Wenn einem diese Freunde begegnen, samstags im Innenstadt-Café, wir mit dem Laptop auf dem Tisch, sie mit dem Kinderwagen daneben, dann machen sie einen viel glücklicheren Eindruck als noch vor ein paar Monaten, als sie neben uns saßen und man sich um die Steckdosen stritt.

Kurz nach Zwölf verabschiedet sich Florian aus dem Club. „Um 9 fängt die interne Schulung an“, sagt er in die Runde. „Und nachmittags seht noch eine Telefonkonferenz an.“

Morgen ist Samstag.
Wir nicken. Wir Spinner.