Gute Aussichten: Weingarten, wie man es nicht erwartet

Lara Charmeil, Robert Gloy & Sonja Kättner-Neumann

Hässliche Hochhäuser und Kriminalität: Das Freiburger Viertel Weingarten leidet seit Jahren unter seinem schlechten Ruf. Dabei zeichnen Menschen, die sich in dem Viertel engagieren, ein ganz anderes Bild: jenseits vom grauen Alltag.



Wer an Weingarten denkt, denkt meist an graue Hochhäuser. Doch es gibt sie auch dort, urbane Wohlfühlorte. Grün, leuchtend, futuristisch: Wie ein Ausrufezeichen streckt sich das Hochhaus an der Buggingerstraße 50 in den Himmel. Die „Buggi 50“ ist das erste Hochhaus der Welt, das genauso viel Energie produziert, wie es verbraucht.


Christel Werb sieht in dem Gebäude eine gute Möglichkeit, das Image von Weingarten zu verbessern. Doch sanieren alleine reicht nicht. Seit 2004 leistet Christel Werb Quartiersarbeit in Weingarten-West. Dabei geht es darum, die dort lebenden Menschen zu beteiligen und ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu schaffen - ganz unter dem Motto „Was muss sich ändern, damit Wohnen im Hochhaus schön wird?“, wie es die 54-Jährige formuliert.

Seit einem Jahr ist die „Buggi 50“ wieder bewohnbar. Das Haus wurde komplett entkernt, sogar die Grundrisse der Wohnungen wurden verändert. Auf 16 Stockwerken leben dort 250 Menschen aus 25 Ländern. Sie entscheiden gemeinsam über die Hausordnung, darüber, wer einziehen darf oder über gemeinsame Kochabende. „Natürlich gibt es auch hier Leute, die keinen Kontakt möchten, die sind aber in der Minderheit“, sagt Werb. Ihr Büro befindet sich im Erdgeschoss der „Buggi 50“, die meisten Bewohner kennt sie mit Namen.

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Als es schick war, in Weingarten zu wohnen

Ob der gesamte Stadtteil Weingarten von Anonymität gekennzeichnet ist, lässt sich ohnehin bezweifeln. Laut Joscha Metzger, Mitarbeiter des Instituts für Kulturgeographie der Universität Freiburg, stellt sich die Wirklichkeit vielschichtiger dar. Seiner Meinung nach sei es in Freiburg „sowieso abwegig, von Problemvierteln zu reden“. Der 29-Jährige erklärt, dass es anfangs in den 60er Jahren als „schick“ galt, in dem aus Wohnungsnot entstandenen Viertel zu wohnen.

Komfort kombiniert mit Ausblick – für viele Menschen ein Argument, damals in die Hochhäuser zu ziehen. Doch ab den 70er Jahren schon zog die Mittelschicht aus – und die leeren Räumlichkeiten wurden wahllos von der Stadtbau gefüllt. „Reiche wohnen, wo sie können – Arme, wo sie müssen“, so Joschas Erklärung zu der heutigen Wohnsituation in Weingarten. Hier wohnen knapp 11.000 Menschen aus über 70 Nationen.

Chenar Bamerni, eine 50-jährige Irakerin, die schon seit 1994 im Stadtviertel wohnt, ist glücklich hier. Ihre Zukunft sieht sie in Weingarten, „ein lebhaftes Viertel, in dem alles und alle sich vermischen“. Im Stadtzentrum ist sie nur einmal im Monat, sonst bewegt sie sich eigentlich hier – vor allem, seitdem sie jeden Tag in der Spinnwebe arbeitet. Im Erdgeschoss reihen sich Sofas, Regale und Tische verschiedenster Farben und Formen aneinander; DVDs, Gläser und Toaster stapeln sich und von der Decke baumeln Lampen und Harlekine. Aber die Spinnwebe ist mehr als ein bloßer Secondhand-Laden, denn sie bietet Langzeitarbeitslosen die Möglichkeit, ins Berufsleben zurückzufinden.

Orte des Austausches

Bernhard Neyer ist seit fast zehn Jahren Geschäftsführer der Einrichtung und kennt das Viertel und seine Bewohner. Alles beschönigen möchte er nicht: „Das Viertel ist natürlich durch seine Architektur und seinen hohen Anteil an Menschen ohne Arbeit oder mit Migrationshintergrund geprägt“, so der Sozialarbeiter. Doch gerade deshalb bewege sich hier auch viel. Kulturen stößen aufeinander, vermischten sich.

Die Menschen fühlten sich hier weniger alleine als zu Hause, wo ihnen oft die Decke auf den Kopf fiele. Und: Sie werden richtig gebraucht, kriegen Geld und ermöglichen auch anderen, sich Sachen zu leisten, die sie sich sonst nicht leisten könnten. Chenar kann das nur bestätigen. Die Irakerin strahlt und streicht sich ihre langen schwarzen Haare aus dem Gesicht: „Es ist eine Freude, morgens anzukommen und zu sehen, dass die Leute schon vor der Ladentür warten.“ Die Spinnwebe ist im Laufe der Jahre für viele im Viertel zu einem Ort des täglichen Austausches geworden.

So auch das Mehrgenerationenhaus, eine der ersten sozialen Einrichtungen in Weingarten. Seit 1973 trifft sich dort Jung und Alt. Die Einrichtung bietet ein breites Spektrum an Aktivitäten. Ob Yoga, Schach, Aerobic oder gemeinsame Speisen - Ziel ist es, so viele Menschen wie möglich zusammenzubringen. Kuno Feierabend ist seit 2004 Leiter des Mehrgenerationenhauses, das unter anderem vom europäischen Sozialfonds gefördert wird.

Münster, Münsterwurst und Weingarten?

Hat er in den vergangenen Jahren Veränderungen im Viertel festgestellt? „Für mich ist Weingarten ein sehr lebendiges Viertel. Natürlich gibt es hier sehr unterschiedliche Lebenswelten, manchen geht es sehr gut, manchen wirklich schlecht. Trotzdem glaube ich nicht, dass hier mehr unglückliche Menschen leben als anderswo.“ Auch wenn die etwa 100 Ehrenamtlichen versuchen, alle Bewohner des Viertels zusammenzubringen – Jugendliche und Leute mit Migrationshintergrund sieht man in der Begegnungsstätte eher selten. Kuno Feierabend sieht einen einfachen Grund: „Die haben eben andere Treffpunkte, wo sie sich austauschen.“

Doch von Ghettoisierung ist Weingarten weit entfernt. Für Bernhard Neyer, dem Geschäftsführer der Spinnwebe, ist die Sache klar: „Von einem sozialen Brennpunkt kann gar keine Rede sein. Wenn ich höre, dass es hier Security im Viertel geben soll, dann ist das für mich so, als würde man mit Kanonen auf Spatzen schießen.“ Auch ein Blick in die Polizeistatistik beweist: Weingarten ist nicht gefährlicher als andere Bezirke in Freiburg. Wieso wird Weingarten also seinen schlechten Ruf nicht los? Bernhard Neyer beschreibt das Dilemma: „So lange die Leute von außerhalb keinen Grund sehen, häufiger in das Viertel zu kommen, wird das Image schlecht bleiben. Auch ein Einkauf in der Spinnwebe kann leider vorgefasste Meinungen so schnell nicht ändern.“

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Christel Werb hingegen blickt positiv in die Zukunft. Sie hofft, dass Touristen eines Tages wegen der sanierten Hochhäuser nach Weingarten kommen. „Und wer weiß, vielleicht gehört zu einem Freiburgbesuch bald – neben Münsterbesuch und Münsterwurst – auch ein Zwischenstopp in Weingarten. Die Aussicht, die man von den Hochhäusern aus genießen kann, ist einzigartig in der Stadt. Die Leute wissen es nur noch nicht.“

Soziale Einrichtungen in Weingarten



[Lara Charmeil (23), Robert Gloy (25) und Sonja Kättner-Neumann (24) studieren am Frankreich-Zentrum der Albert-Ludwigs-Universität. Diese Multimedia-Reportage ist entstanden im Rahmen eines Seminars über Online-Journalismus]

 

Fotos: Ein Streifzug durch Weingarten