Interview

Gunnar Spies über Mias Band-Jubiläum und Demokratie-Feinde

Peter Disch

Auf ihrem Jubiläumstour kommt die Band Mia auch nach Freiburg. Ein Interview über Zweitfamilien, Geburtagsgeschenke und wie es um die Demokratie steht.

Als Mia 2002 ihr Debüt "Hieb & Stichfest" veröffentlichten, galt die Band manchen als kurzlebiges Revival der Neuen Deutschen Welle. 20 Jahre nach der Gründung 1997 gibt es das Quartett immer noch. Kollegen wie Madsen, Balbina, Nisse, Milliarden, Gregor Meyle und Alle Farben haben aus diesem Anlass Mia-Songs neu interpretiert. Jetzt sind Mia auf Jubiläumstour. Peter Disch hat mit Schlagzeuger Gunnar Spies zurück- und vorausgeblickt.


BZ: Gunnar Spies, wie alt sind Sie jetzt?
Spies: Ich bin jetzt 46.

BZ: Dann haben Sie fast das halbe Leben mit Mia verbracht. Ist die Band eine zweite Familie?
Spies: Ich bin mit Abstand der Älteste in der Band. Und ich bin der Neue. Ich kam erst 2001 dazu. Aber wir sind schon eine Gang, eher Familie als entfernte Verwandtschaft.

BZ: Die Band hat das Jubiläum genutzt, Songs von anderen Musikern neu interpretieren zu lassen. Wie kam es dazu?
Spies: Die typische Idee der Musikindustrie wäre ein Best-of-Album gewesen. Wenig überraschend, wenig originell. Im Prinzip war das dann so eine Küchentischidee: Was können wir machen, was nicht so abgedroschen ist? Wir sind eher zweckpessimistisch rangegangen und hätten nicht gedacht, dass alles so reibungslos funktioniert. Balbina war die Erste, die wir kontaktiert haben. Sie war sofort begeistert. Und so ging das weiter. Manche wollten mehr Input von uns, andere haben völlig autark gearbeitet.

Die Planungen für das Jubiläum haben Ende 2016 begonnen. Spies
BZ: Warum wurden aus diesen Interpretationen kein eigenes Album?
Spies: Die zum Bandjubiläum entstandenen Kollaborations-Songs sind jeweils direkt nach der Fertigstellung veröffentlicht worden. Wir haben ganz bewusst darauf verzichtet, das Ganze auf einem Tonträger zusammenzufassen, weil uns das Spontane, Zwanglose in diesem Zusammenhang sehr wichtig war. Es ist das beste Geburtstagsgeschenk, was man sich selbst machen kann: Zeit mit denen und mit etwas zu verbringen, was Spaß macht.

BZ: Wie sieht es mit neuen Songs aus?
Spies: Wir sind dran. Aber wir haben nach der 2015 erschienenen Platte "Biste Mode" festgestellt, dass es gut ist, wenn wir uns Zeit nehmen. Damals sind wir nicht fertig geworden und mussten die Veröffentlichung verschieben. Dazu kommt: Die Planungen für das Jubiläum haben Ende 2016 begonnen. Obwohl es so einfach klingt – wir rufen ein paar Leute an und die interpretieren dann einen Song: Der Aufwand ist doch größer gewesen, als wir uns das vorgestellt haben.

BZ: Als Mia 2003 "Es ist, was es ist" veröffentlichten, gab es viel Kritik von links an diesem Lied, das man als Versuch einer unverkrampften, unpatriotischen Annäherung an den Fakt sehen kann, Deutscher zu sein. Heute steht die Diskussion ganz woanders. Patriotismus, Nationalstolz sind politische Kampfbegriffe geworden, die rechts von der Mitte massiv eingefordert werden. Hätten Sie eine solche Wendung für möglich gehalten?
Spies: Die Idee wurde damals auch in der Band sehr kontrovers diskutiert. Angesichts des Wissens um die Geschichte bestand bei manchen gar nicht das Bedürfnis, ihr Deutschsein unbeschwert nach draußen zu tragen. Für mich hat sich damals die Frage gestellt, ob das überhaupt nötig ist. Die negative Resonanz hatte auch damit zu tun, dass wir damals als Band klar links verortet wurden, wir haben zum Beispiel auf dem Antifa-Wagen vor der Volksbühne gespielt. Das war natürlich auch ein Tabubruch. Dass das Krach schlagen würde, war klar. Auf die Art und Weise der Diskussion und ihre Vehemenz waren wir nicht vorbereitet.

BZ: Was hat sich seither verändert?
Spies: Damals war es möglich, sich darüber zu unterhalten, sachlich und von Angesicht zu Angesicht. Das ist etwas, was der heutigen Zeit abzugehen scheint. Die Leute, die sich heute hinstellen und sagen, dass sie das Meinungsspektrum erweitern wollen, sind eigentlich die, die es abschaffen wollen. Das ist das Gefährliche an ihnen. Es sickert so langsam ein. Aber man kann diesen Leuten nicht vorwerfen, dass sie nicht sagen würden, was sie vorhaben. Sie haben ernsthaft vor, die Demokratie zu entsorgen – das ist gleichermaßen irre wie gefährlich. Angesichts dessen ist es höchste Zeit, sich der historischen Parallelen dieser Entwicklung bewusst zu sein, aufmerksam zu bleiben und die Stimmen all derer zu bündeln, die für ein friedliches, offenes, emphatisches und gerechtes Miteinander einstehen.

BZ: Zurück zur Tour. Was für ein Programm erwartet das Publikum beim anstehenden Auftritt in Freiburg?
Spies: Die Konzerte sind an manchen Stellen ein bisschen unberechenbar. Natürlich machen wir keine Stand-up-Comedy. Aber es wird viel erzählt auf der Bühne. Es werden tatsächlich Songs von allen sechs Alben gespielt. Wir haben die externen Neubearbeitungen unserer Songs nochmal für die Bühne neu bearbeitet. Also das Cover vom Cover gemacht. Und auf Freiburg freuen wir uns sehr. Das ist keine Floskel. Ich habe Verwandtschaft und Freunde dort und bin oft in eurer Stadt. Außerdem ist der Auftritt das Finale der Tour. Und das ist immer etwas Besonderes.
Konzert: Sonntag, 29. April, Freiburg, Jazzhaus, 20 Uhr. Im Vorprogramm spielen Prada Meinhoff.