Großstadtgeheimtipps: Tel Aviv

Kathrin Schäfer

Tel Aviv, sündige Perle am Mittelmeer. Hier leben Israels "Leftis", die nichts am Hut haben wollen mit den Orthodoxen Jerusalems oder dem Nahost-Konflikt. Das Essen ist geil, die Partys wild, das Leben schön:



Die bunte Perle am Mittelmeer

Tel Aviv - das ist die bebende Stadt des Nahen Ostens, die zwischen Party, Kultur, Essen und Strandurlaub alle glücklich machen kann. Dem Hauptmotto "Genieße dein Leben in vollen Zügen" treu, sind die Cafés und Restaurants am Schabbat gefüllt und an den Stränden und der Strandpromenade tummeln sich die Schaulustigen. Tel Aviv ist voller Unterschiede, Parallelität, Gegensätze und Kontraste, aber es ist grade diese Vielfältigkeit, die diese Stadt so anziehend macht.

Die übersehende Sehenswürdigkeit

... ist für mich Tel Aviv's Graffiti-Szene, die ihre Gesellschaftskritik in bunten Bildern und Collagen an die Hauswände der Stadt projizieren. Die meisten und bekanntesten Graffitis befinden sich im Viertel Florentin. Inzwischen werden schon Touren angeboten, um sich diese Schmuckstücke zeigen zu lassen, aber man kann auch einfach selbst durch die Straßen Florentin's wandern und die zahlreichen Grafittis für sich entdecken.

Kaffeepause

Eine Kaffeepause sollte man unbedingt in einen der Kioske am Rothschild Boulevard einlegen. Am besten man leiht sich eines der grünen Tel-O-Fun Fahrräder aus und hält dann am Kiosk seiner Wahl an. Auf dem mit Bäumen bepflanzten Boulevard finden sich Bänke, freies WLAN und jede Menge Hunde, die hier Gassi geführt werden.

Magengrummeln



Essen ist der Dreh und Angelpunkt der israelischen Kultur. Viele Gerichte und Speisen kommen aus dem arabischen Raum. Über das beste Hummus oder die perfekte Falafel kann man hier stundenlange Diskussionen führen. Ich kann das Hummus im Abu Marwa in der Nahalat Binyamin Street empfehlen. Wenn einem mal nicht nach Humus ist kann man gegenüber im Schnellimbiss Sabih ausprobieren, frittierte Auberginen, mit Süßkartoffeln, hart gekochten Eiern, Tahini und Mangosauce im Pita Brot. Wichtig ist aber vor allem, dass man Shahouka, ein Gericht aus Tomaten, Ei, Käse und  Auberginen, in der Pfanne serviert, als Katerfrühstück wenigstens einmal zu sich nimmt.

Shop till you drop

Auf dem Shuk HaCarmel kann man zwischen den mit Obst und Gemüse beladenen Ständen, nach einer geeigneten Kippa oder Minorah als Mitbringsel für zu Hause suchen. Gegenüber liegt die King George Street, hier findet sich alle mögliche Arten von Geschäften. Ob Tattoo, Piercing, Bücher, Kleidung, Secondhandshop, Falafel, frisch gepresste Fruchtsäfte, alles ist dabei. Am Freitag Vormittag kurz vor Shabbat werden am Eingang zum Meir Garden sogar Hundewelpen verkauft. In der Nähe befindet sich auch das Fotogeschäft von Rudi Weisstein, der vor allen für seine Fotografien aus der Gründungszeit Israels bekannt wurde und als einziger Fotograf Fotos, von Israels Unabhängigkeitserklärung durch Davis Ben Gurion 1948 schoss. Heute leitet sein Urenkel das Geschäft in der Tschernichovski Street 5. Wer noch nicht genug vom Essen hat, kann ein paar Spezialitäten auf der Levinsky Street einkaufen. Dort gibt es auch den besten Börek der Stadt.

Meet the locals



Tel Avivians, wie sie sich selbst nennen, kann man immer und überall kennen lernen. Immer hilfsbereit, aufgeschlossen und erstaunlich Berlin-affin, kommt man sehr schnell in Kontakt. Am besten eignet sich dafür natürlich ein Café oder eine Bar. Im Café Albi am Ende der Hagdud Ha'ivri, in der Nähe der Allenby Street, findet man sicher keine Touristen - dafür aber sehr interessierte Locals, die mit dir gerne über Gott und die Welt philosophieren. Empfehlenswert ist auch eine Bar, dessen Name wohl geheim bleiben soll. Sie befindet sich in einer der Seitenstrasse des Shuks, in der Rabbi Meir Street 38.

Nachtschwärmer

Tel Aviv steht vor allen für seine Partyszene und wird auch deswegen von Israelis gerne mit Berlin verglichen. Die wichtigste Straße für die Clubgänger ist dabei die Allenby Street. Besonders beliebt unter den Hipstern ist das Sputnik oder Kuli Alma. Ein Klassiker der Clubszene ist das Radio E.P.G.B. Wenn man diesen Club nach einer durchtanzten Nacht verlässt, wird man am Ausgang von einem netten älteren Mann empfangen, der aus Omas Kochtopf eine warme Speise serviert. 

Diejenigen, die mehr auf einen "underground electro flair" Wert legen, sollten "The Block" in der zentralen Busstation an der Levinsky Street, aufsuchen. Wer Konzerte sucht wird fündig in der Tachles Bar, Ecke Herzl/Yokhai Street. Hier trifft sich das "Who is Who" der israelischen Punkszene.

Für ein bisschen Berlin-Atmosphäre sorgt Hoodna, eine Kneipe in der Nähe eines alten Industrieviertels, in der man für einen halbwegs akzeptablen Preis von 20 Shekeln (5 Euro) sein Bier bei live Musik oder in dem Getümmel auf der Straße trinken kann. Arabische Musik findet man in Jaffa in der AnnaLouLouBar, einer der wenigen Orte, wo Palästinenser und Israelis noch zusammen feiern gehen.

Für Romantiker

Unbedingt sehenswert ist der Stadtteil Jaffa. Die ursprüngliche alte arabische Stadt, des früheren Palästinas, besticht durch seine sandfarbenen gepflasterten Gässchen, in denen es viele kleine Galerien gibt. Besonders am Shabbat zieht es die Tel Aviver für einen Spaziergang in den alten Stadtkern auf dem Hügel. Oben angekommen gibt es einen Park, von dem aus man an lauwarmen Nächten das im Mondschein glitzernde Meer und die Skyline von Tel Aviv betrachten kann.

Wer danach Hunger verspürt, sollte sich zum Jaffa Port begeben. Dort gibt es das wunderbare Restaurant mit der Hemingway-Anspielung "The old Man and the Sea". Falls man noch einen Tisch ergattern kann, ist dieser im Nu gefüllt von allen nur erdenklichen arabischen Vorspeisen. Ein Hauptgericht ist danach kaum noch schaffbar.

Fine Art

Das beste Kunstmuseum Israels ist das Tel Aviv Museum of Art. Neben einer wechselnden, meist zeitgenössischen Ausstellung, bietet das Museum, neben den üblichen Verdächtigen von Roy Lichtenstein bis Van Dycke, eine bedeutende Sammlung israelischer Künstler, wie Reuven Rubin und Yosef Zaritsky. Mehr von Rubin gibt es im Reuven Ruvin House zu sehen. Dort werden weitere Werke des Künstlers ausgestellt, die seine Hingabe und Liebe zum Zionismus und Judentum zeigen und den Betrachter in eine idealisierte und verklärte Welt, vor der Besetzung 1976, entführt.

Ein bisschen mehr Verständnis für die teilweise bizarre Architektur Tel Avivs erlangt man im Bauhaus Center an der Dizengoff Street. Hier werden unter anderem Touren angeboten. Wenn man sich einmal mit den Paradebeispielen der Bauhausarchitektur beschäftigt hat, wird man die Nachklänge dieses Architekturstils in der ganzen Stadt wiederfinden.



Politische Touren

Auch wenn die meisten Tel Aviver verzweifelt versuchen, den Israel-Palästina Konflikt aus ihrem alltäglichen Leben zu verbannen, gibt es eine paar Organisationen die für eine Aufklärung über die Besetzung Palästinas  arbeiten und Touren auf hebräisch und englisch anbieten. So zeigen zum Beispiel ehemalige IDF-Soldaten bei "Breaking the Silence" welchen Einfluss die Siedlungen in den besetzten Gebieten auf die Infrastruktur und das Leben der Palästinenser hat.

Mit Ir Amim kann man Touren durch Ost-Jerusalem und entlang der "Separation Barrier" machen. Beide Organisationen bieten einen Bustransport von Tel Aviv aus an. Wer einen Ausflug nach Jerusalem startet, sollte einmal in das Wadi Hilweh Information Center in Ostjerusalem reinschauen. Das Zentrum arbeitet mit traumatisierten palästinensischen Kindern, die als Minderjährige verhaftet wurden und klärt über die "House Demolitions" in Silwan auf.

Hotline for Refugees and Migrants hingegen beschäftigt sich mit der gesetzlichen Lage und Lebenssituation von Flüchtlingen in Israel. Die NGO bietet vor allem rechtliche Beratung für Flüchtlinge aus Nordafrika, die in Auffanglager in der Negev festgehalten werden. Man kann sich aber auch für Touren in den Süden Tel Avivs anmelden, dort wohnen die meisten Migranten und Flüchtlinge.

Die Tippgeberin

Katrin Sarah Schäfer studiert Kunstgeschichte an der Uni Freiburg und absolviert zurzeit ein Praktikum bei der "Heinrich Böll Stiftung" in Tel Aviv. Durch einen einjährigen Studienaufenthalt an der Hebrew University in Jerusalem hat sie ihre Liebe zum Nahen Osten entdeckt und bereiste seitdem Israel, Jordanien, Palästina und zuletzt den Libanon. Auf ihrem Blog hält sie die Fotografien von ihren Reisen fest.

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Fotos: Kathrin Schäfer

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