Große Kunst für Klitzekleine: Babykonzert im Theater Freiburg

Rebekka Sommer

Vor knapp zwei Jahren fand in Theater Freiburg das erste Babykonzert statt. Mittlerweile hat sich das Format mit drei Terminen pro Spielzeit etabliert. Katharina Mohr, künstlerische Leiterin für den Bereich Junges Theater/Musik, sprach mit Rebekka über die Umsetzung und den Erfolg der Babykonzerte.

Am 18. Oktober findet im Stadttheater das siebte Babykonzert statt. Vermutlich runzelt immer so noch manch ein Freiburger verwundert die Stirn über die Idee, einen Krabbelteppich im Winterer-Foyer auszubreiten. War es eigentlich schwierig, dieses Konzept nach Freiburg zu bringen?


Katharina Mohr: Innerhalb des Hauses war es überhaupt nicht schwer. Ich hatte aus Köln von der Idee der Babykonzerte gehört und gleich gesagt: Das möchte ich auch mal machen. Die Intendantin und der Generalmusikdirektor fanden die Idee witzig, und der Erfolg bestätigte sofort, dass wir mit der Zielgruppe der Eltern von 0- bis 2-Jährigen einen Nerv getroffen hatten. Die Babykonzerte liefen von Anfang an sehr  erfolgreich.  

Aus welchen Reihen kam Kritik?

Beim Auftakt der Babykonzerte war die öffentliche Aufmerksamkeit groß, und manche Kritik ging in die Richtung: „Und, was bringt's?“ Ich denke, einige Leute vermuten dahinter eine frühkindliche Bildungsmotivation, und es ist einfach noch nicht in aller Munde, wie gut das Konzept funktioniert.

Ich bin zu 100 Prozent sicher, und das sieht auch jeder, dass Babys auf die Konzerte reagieren. Anfangs herrscht noch großes Gebrabbel - und beim ersten Ton des Konzerts ist Mucksmäuschenstille. Die Eltern dagegen sind froh über eine Aktivität, die über Sandkastenbuddeln hinaus geht. Wenn Angebot und Nachfrage stimmen, wenn Kinder und Eltern entspannt und glücklich aus dem Konzert gehen, dann ist doch alles in Ordnung. Es geht mir nicht darum, die Babys zu schulen oder ihren Geschmack zu prägen.

Apropos Geschmack: Wer wählt die Musikstücke aus? Und nach welchen Kriterien?

Wie Babys hören, und was sie unterscheiden können, dazu habe ich anfangs ein bisschen geforscht. Es gibt aber auch Erfahrungswerte. Zum Beispiel dachte ich, wir könnten viel Neue Musik einbringen, weil Babys dafür noch ganz offen sind. Aber als wir beim ersten Konzert experimentelle Stücke von Luciano Berio spielten, sorgten sich manche Eltern, dass es dem Gehör ihrer Kinder schaden könnte.

Wenn die Eltern skeptisch oder mit einer Musikrichtung nicht vertraut sind, überträgt sich das im Konzert auf die Kinder. Babykonzerte sollten in jeder Hinsicht abwechslungsreich, aber nicht zu extrem sein. Übergänge dürfen nicht ruckartig oder überraschend kommen, und ganz leise Töne nehmen Babys noch nicht wahr. Alles Tänzerische, Rhythmische, Wiegenliedartige ist super. Das letzte Konzert hieß „Kinderlieder aus aller Welt“, diesmal gibt es Musik für Streichquartett, zum Beispiel Mozarts "Kleine Nachtmusik" oder "Minimax" von Hindemith.

Wie geht es denn den Musikern mit ihrem Publikum?

Natürlich gibt es Musiker, die es komisch finden, für Babys zu spielen, aber die wenigsten sagen „nee, mach ich nicht!“. Viele kommen schon auf mich zu, weil sie das einmal ausprobieren wollen. Einige spielen immer wieder mit, anderen Musikern reicht ein Versuch. Natürlich sind Babys ein spezielles Publikum. Ich ermutige die Musiker zum Beispiel, eine Klangimprovisation einzubauen , auch mal aufzustehen und am Instrument zu verdeutlichen, was sie tun, denn darauf reagieren die Babys.

Eltern, Kinder, Musiker und Theaterleitung: Alle sind glücklich. Ist das nicht ein guter Grund, das Theaterprogramm auf Kleinkinder auszuweiten?

Uns ist bewusst, dass die Gruppe der 3-Jährigen etwas vernachlässigt ist, und wir denken darüber nach, wie sich das Programm erweitern lässt. Anfangs war ich etwas skeptisch, aber nachdem Eltern von positiven Erfahrungen mit größeren Geschwisterkindern berichtet hatten, haben wir die Babykonzerte auch für 2-Jährige geöffnet. Auch zu den Sitzkissenkonzerten in der Reihe „Die Samstags- oder Montagssitzer“ kommen immer wieder kleinere Kinder, die keine Angst vor verkleideten Menschen haben und etwa 30 Minuten stillsitzen können.

Allerdings haben 3-Jährige einen großen Bewegungsdrang, kleben beim Mitmachtheater jedoch oft auf dem Schoß der Mutter fest, wenn die Gruppen zu groß sind und sie die Umgebung nicht kennen. In dem Alter ist es vielleicht sinnvoller, regelmäßig Musikgarten oder ähnliches zu machen.



Welche Theaterformate gibt es denn im Stadttheater für Kinder?

Ab etwa vier Jahren gibt es neben den szenischen Sitzkissenkonzerten das Adventssingen oder interaktive Theaterstücke. Jetzt im Oktober wird zum Beispiel das Musiktheater „Marsmännchen“ gespielt, in dem die Musiker gleichzeitig Schauspieler sind und gemeinsam mit den Kindern experimentieren. Die Kinder gestalten das Bühnengeschehen aktiv mit und helfen den Marsmännchen auf der Bühne, ein Problem zu lösen: Das Marsmännchen Tuki hat seine Stimme verloren und muss sie zwischen allerlei Klängen und Melodien wiederfinden.

Die „richtigen“ Kinderstücke sind meist ab fünf oder sechs Jahren geeignet. Abgesehen von Angeboten für Kinder als „zahlendes Publikum“ gibt es auch zahlreiche Angebote zum Mitmachen:  Wir haben einen Kinderchor, ein Kinderorchester und den Club der „Theatermäuse“, der sich einmal im Monat trifft, um das Theater zu erforschen. Ab etwa zehn Jahren können Kinder in einem unserer sieben Spielklubs eigene Bühnenerfahrungen sammeln. Insgesamt haben wir am Theater Freiburg in jeder Spielzeit über dreißig Projekte und Produktionen, an denen Kinder und Jugendliche teilnehmen können. 

Zur Person

„Es gibt wahrscheinlich wenige Jobs, die so vielseitig sind, wie meiner“, sagt Katharina Mohr, 29, die in Lüneburg Angewandte Kulturwissenschaften studierte. Nebenher nahm sie Gesangsunterricht, gab Kurse in musikalischer Früherziehung und absolvierte ein Aufbaustudium in diesem Bereich.

Seit drei Jahren hat Mohr am Theater Freiburg  einen Traumjob: Als Künstlerische Leitung für Junges Theater/Musik konzipiert und organisiert sie nicht nur Projekte für und mit Kindern und Jugendlichen, sondern steht auch manchmal selbst auf der Bühne: Ab dem 9. Oktober 2011 wird sie als Marsmännchen Tuku im Werkraum zu sehen sein.  

Mehr dazu:

Was: Babykonzert
Wann
: Dienstag, 18.10.2011, 15 und 17 Uhr
Wo
: Winterer Foyer, Stadttheater
Tickets
: normalerweise 4 Euro für Erwachsene, für Babys kostenlos; das kommende Konzert ist leider schon ausverkauft [Fotos: Nina Hofmann, Katharina Heinemann, Katharina Moor]