Einzelhandel

Großbaustelle in Freiburg: Bagger buddeln den Händlern ein Umsatzloch

Holger Schindler

Die Großbaustelle am Siegesdenkmal und mitten auf der Kaiser-Joseph-Straße in Freiburg sorgt für Frust. Bauzäune, Baulärm und Staub vermiesen den Händlern das Geschäft.

Rechts oder links lang? Diese Frage muss derzeit jeder für sich beantworten, der vom Bertoldsbrunnen aus auf der Kaiser-Joseph-Straße nach Norden geht. Denn auf Höhe der Sparkasse zur Linken und Breuninger zur Rechten stößt man auf die Kanalbaustelle, die quasi nahtlos in die Straßenbahnbaustelle am Siegesdenkmal übergeht. Nur an den Seiten ist ein Durchkommen möglich. Egal, welchen Weg man wählt, die Läden auf der jeweils anderen Seite sind damit außer Reichweite. Bauzäune, Baulärm und Staub vermiesen den Händlern nach deren Aussage ganz schön das Geschäft.


"Wir haben nur noch halb so viele Kunden, seit wir die Baustelle vor der Nase haben", sagt die Chefin der Desigual-Filiale im Karstadt-Gebäude. Die Dependance der Modekette registriere per Sensor automatisch jeden Besucher im Laden. Der Frequenzeinbruch sei daher exakt nachzuvollziehen. Der Umsatz habe sich ebenfalls halbiert, sagt eine Mitarbeiterin, die nicht namentlich genannt werden will. "In wenigen Tagen kommt ein Kollege aus der Zentrale in Barcelona, dann besprechen wir, wo wir sparen." Die Miete sei ein Ansatzpunkt, aber im schlimmsten Fall auch die Personalkosten. Derzeit arbeiten acht Menschen im Geschäft.

Ungefähr die Hälfte des Umsatzes fällt weg

Ein paar Meter weiter im Telekom-Laden steht es ähnlich. Eine Mitarbeiterin berichtet ebenfalls von halbierten Umsätzen. "Mich als Angestellte trifft das auch persönlich im Geldbeutel, denn ein Teil meines Gehalts ist variabel – und die Ziele, die ich erreichen soll, kann ich wegen der Baustelle schon jetzt abschreiben", sagt die Verkäuferin, die ebenfalls anonym bleiben will. Die Einbuße treffe gleichermaßen auch ihre sechs Kollegen im Geschäft.

Jenseits der Bauzäune, der Bagger und übrigen Baumaschinen, auf der Westseite der Kaiser-Joseph-Straße in der Douglas-Filiale ergibt sich das dasselbe Bild. Die Halbierung des Passantenstroms lässt offenbar auch dort die Umsätze auf rund die Hälfte zusammenschmelzen, zeigt sich auf Nachfrage der BZ. "Ungefähr die Hälfte fehlt, ja das haut hin", erklärt Alexandra Wilfert, die Chefin der Parfümeriefiliale mit 38 Beschäftigten. "Außerdem ist uns wegen der Vibrationen schon eine Fensterscheibe gesprungen", so Wilfert weiter. Viel tun könne man jedoch leider nicht. "Wir haben allerdings schon vorne, wo die Baustelle beginnt, Flyer mit Rabattangeboten verteilt, damit die Passanten zu uns finden", berichtet die Filialchefin. "Gerne hätten wir auch Werbung auf dem Bauzaun gemacht, das war aber nicht erlaubt. Nun hat man uns zugesagt, dass es auf dem Zaun immerhin bald einheitliche Hinweise zu den Geschäften entlang der Baustelle geben soll – einen Monat nach Beginn der Arbeiten."

Passanten vermissen Querverbindung

Die Passanten zwängen sich derweil beiderseits der Baustelle entlang. Zwischen Bauzaun und Hauswand kann es dabei durchaus eng werden. "Nervig ist das!", sagt eine Freiburgerin, die mit ihrem Mann zum Einkaufen in die Fußgängerzone gekommen ist. "Man hätte zumindest noch eine Querverbindung für Fußgänger einplanen sollen", regt ihr Gatte an. Beide wollen lieber anonym bleiben. "Natürlich gehen wir trotzdem in die Stadt, wenn wir etwas brauchen – die Baustelle muss halt sein", sagt die Passantin. Vergnügen bereite ihr Shopping dort indes nicht – im Gegenteil: "Oh Gott, ich bin froh, wenn ich nicht hin muss."

Anders empfindet eine Konsumentin aus Elzach, die am Bauzaun entlang eilt. "Ich finde Freiburg sehr schön und komme gern zum Einkaufen her", sagt sie, "gerade bin ich aber im Stress, weil ich ganz vergessen hatte, dass ich von Zähringen, wo ich mein Auto abgestellt habe, nicht bis zum Bertoldsbrunnen durchfahren kann." Die langen Fußwege hätten sie etwas in Zeitnot gebracht.

Etliche Leerstände

Nicht ganz so negativ sehen die Händler in zweiter Reihe die Großbaustelle. "Bei uns kommen in der Tat mehr Menschen vorbei", berichtet Nicolai Bischler, der gemeinsam mit seinem Bruder Stefan Bischler die Geschäfte beim Bonanza-Modehaus im Karlsbau führt. Wer an den Siegesdenkmal-Behelfshaltestellen aussteigt und ins Zentrum will, muss nun dort vorbei. "Aber es sind leider letztlich nur wenige, die stehen bleiben und etwas kaufen", berichtet der Unternehmer, der rund 40 Menschen beschäftigt. "Die Verantwortlichen bei der Stadt geben sich erkennbar Mühe, dass die negativen Folgen der Baustelle möglichst gering bleiben – aber insgesamt ist es auch für uns ein Dämpfer. Und die Baustelle dauert ja noch bis in den Winter", so Nicolai Bischler.

Etliche Leerstände sind mittlerweile entlang des weitläufig umzäunten östlichen Friedrichrings zu sehen, wo ebenfalls die Bagger am Werk sind – etwa beim Umstandsmodengeschäft "Bella Mama", dessen Besitzerin Anne Venter aufgegeben hat, an der Ecke zur Merianstraße, wo ein Goldankauf dichtgemacht hat, und direkt neben dem Bankhaus Mayer.

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