Grönemeyer in Freiburg: Ganz lieb und wunderbar

Carolin Buchheim

40.000 Leute waren am Samstagabend auf die Neue Messe gekommen, um unter freien Himmel Herbert Grönemeyer zuzuhören. Caro war mit dabei. Und von der geringen Fandichte überrascht.



"Glück auf, Glück auf, der Steiger kommt", singt Herbert Grönemeyer und gestikuliert erwartungsvoll in Richtung Publikum. Sie sollen das Steigerlied, ein traditionelles Bergmannslied, das man als Ruhrpottkind auch heute noch spätestens in der Grundschule lernt, und mit dem er die Hymne an seine Heimatstadt – Bochum – stets beginnt, weiter singen. Doch da kommt nur wenig zurück, vom Publikum. Textsicher sind am Samstagabend auf dem Gelände der Neuen Messe nur die wenigen Konzertbesucher, die in diesem Moment Schals des VFL Bochum schwenken.


Kein Wunder, eigentlich. Bochum ist weit weg von Freiburg; Bergbau gab es hier nur am Schauinsland, und die Bergleute dort haben sicher nicht das Steigerlied gesungen. "Und er hat ein helles Licht bei der Nacht", singt Grönemeyer den nächsten Vers vor und singt dann routiniert selbst weiter.

Erst als der eigentliche Song anfängt, da klappt es dann doch, mit dem 40.000 Stimmen-Mitsing-Chor. Das erste "Tief im Wästäääähn" des Songs, das kann dann doch fast jeder mitsingen. Selbst wenn man noch nie in Bochum war. Oder nicht weiß, was Grönemeyer im Vers danach schnell hinterher nuschelt. Egal. "Tief im Wästäääähnn!"

Egal, genau. Natürlich können 40.000 Grönemeyer-Konzertbesucher nicht 40.000 Hardcore-Grönemeyer-Fans sein. Zumindest nicht in Freiburg. Bei einem Großkonzert auf der Neuen Messe geht es weniger um Musik, weniger um Fantum, als um das Gesamterlebnis.

Und das ist am Samstagabend eigentlich kein Schlechtes.

Eine nette, von der letzten Grönemeyer-Tour abgespeckte Bühne, vier Tribünen (man mag bei so was ja lieber sitzen), Bier aus den Rückentanks fleißiger Studenten, Brezeln aus den Bauchläden ebensolcher, ein Egal-Warm-Up-Act, der kaum zu hören war (Philipp Poisel), ein Leider-zu-vielen-Egal-Warm-Up-Act, der zur Feier des Tages besonders Grönemeyer-Nasal rappte (Dendemann), eine Band aus guten Musikern und ein bestgelaunter Gastgeber, der seine Setlist aus den letzten beiden Alben "12" und "Mensch" sowie seinen größten Hits zusammen gebastelt hatte.

Schon ab dem dritten Song bedankt sich Grönemeyer beständig beim Publikum. "Klasse, vielen Dank, das wird ein guter Abend!"

Und das wird er dann auch. Irgendwie, zumindest.

Nur das große Gefühl, das will sich den ganzen Abend über nicht recht einstellen.

Zu routiniert hupft Grönemeyer den Laufsteg ins Publikum hoch und runter und wackelt mit den Hüften, zu oft witzelt er über seine Figur, sein Aussehen, sein Outfit, sein Gitarrenspiel. Zu nah dran sind seine Ansagen an denen auf seiner Tour-DVD und zu absurd ist der abrupte Wechsel von Armschwenk-Bitten ("Und jetzt auf der Gegengrade alle mal die Arme heben!") zur AIDS-Betroffenheits-Ansage ("Wir nennen uns hier im Westen Christen und in Afrika sterben Menschen weil wir ihnen Medikamente verweigern").

Irgendwie passt es nicht so richtig, an diesem Abend. Ohne, dass man genau sagen kann, warum nicht.

Natürlich ist es schön, dass Grönemeyer nicht immer noch so gefühlsschwanger unterwegs ist, wie vor fünf Jahren auf der Mensch-Tour. Damals blieb im Publikum kaum ein Auge trocken, wenn der frisch verwitwete Grönemeyer "Der Weg" und "Mensch" sang. Beide Songs sind zwar auch am Samstagabend Highlights des Gigs, aber routinierte Highlights, Songs, die das Publikum erwartet, Songs, die es geliefert bekommt. Da kann selbst ausgedehnter Scat-Gesang bei "Mensch" nicht mehr überraschen.

Die besten Momente des Konzerts sind die, in denen Grönemeyer nicht herumhupst, nicht redet, nicht im Fußballtrainer-Tonfall zum Armeschwenken auffordert, nicht über die Bühne rennt, sondern im Zentrum der Bühne am Flügel oder am Keyboard sitzt und mit seiner nöhlenden, nuschelnden, am Versende gerne ins Falsett schweifenden Stimme einfach nur singt.

Wie bei "Halt mich", zum Beispiel, bei dem die Pärchen im Publikum intensivst Knutschen und Wunderkerzen und (ja, wirklich, welch Freiburg-Klischee) Fahrradlampen geschwenkt werden. In diesen Momenten freut man sich darauf, dass Grönemeyer in zehn, fünfzehn Jahren sicher einmal ein Unplugged und Solo-Programm als Mann am Klavier machen wird. Dann sicher mit weniger Knutschen und weniger Fahrradlampen-Schwenken im Publikum, aber mit mehr von diesen konzentrierten Songs.

Die Band darf sich, natürlich, auch noch ein bisschen Austoben, und das tut sie, angetrieben von ihrem ausgezeichneten Drummer und Percussionisten-Duo, bei "Alkohol" und "Was soll das" ganz besonders gut. In den gefühligen Momenten dürfen übrigens immer wieder die Streicher und der Saxophonist 'ran.

Im Publikum werden derweil schüchtern Arme geschwenkt, Frauen springen bei "Männer" auf, Männer bleiben sitzen, und so richtig laut wird das Publikum erst zum zweiten Zugabenblock, als es – es ist ja beinahe noch WM, ach was, EM, halt,  irgendwas mit Fußball - "Zeit das sich was dreht" fordert und dann auch bekommt. Grönemeyer erfüllt das Soll.

"Ganz lieb, danke. Wunderbar", bedankt er sich irgendwann zum Ende des Konzerts.

Lieb. Welch seltsames Wort, in diesem Zusammenhang. Welch passendes Wort. Lieb war es. Lieb und nett. Ein Konzert, an dem es rein gar nichts zu meckern gibt. Aber auch nichts, das einen besonders angerührt hätte.

Mehr dazu:

 

Warum sind hier keine Fotos?

Gerne hätten wir Euch, wie sonst auch, schöne Fotos vom Konzert mitgebracht, um Euch einen noch besseren Eindruck vom Abend zu verschaffen.

Leider hat, wie zuvor schon bei Konzerten von Pink und den Ärzten, das Management des Künstlers es abgelehnt,  einen unserer Fotografen zu akkreditieren. fudder war - als reines Online-Portal - bei der Veranstaltung nicht willkommen.

Alle unsere Bemühungen, Euch doch Bilder vom Abend zu organisieren, waren leider vergeblich. Wir tun unser Möglichstes, um zu verhindern, dass so etwas noch einmal vorkommt!

Auf BZ-Online könnt ihr allerdings eine Foto-Galerie des Grönemeyer-Gigs angucken.