Griechenland–Argentinien: Desaster im Dimitra

Clemens Geißler

Griechenland-Argentinien, Rundenfinale Gruppe B bei der WM. Erwartungshaltung: Enthusiastische Hellenen, die mit Rosenkränzen in der Hand mitleiden, in weißblauen Trikots Schlachtgesänge auf König Otto I. schmettern, vor Liebe zum Vaterland mit glutroten Augen dahinschmelzen und über 90 Minuten vor lauter Ekstase nicht ansprechbar sind. Und was bekamen wir?



Eine Mischung aus zartem Pflänzchen Hoffnung und dominanter Resignation, die vom Anpfiff weg spürbar ist. Hier scheint keiner den Griechen etwas zuzutrauen. Erster Gefühlsausbruch: „Lauf, du alte Sau!“ – keiner weiß, wer eigentlich gemeint ist: Der Kellner, der Ballführende, der Ersatzspieler? Egal, Schweigen im Wald.


Aber plötzlich geht Nigeria in Führung und das Dimitra tobt: Griechenland ist in diesem Moment im Achtelfinale. Für eine eingehende Spielanalyse fehlt uns neben der Kompetenz vor allem die Sicht: Zwischen kahlrasierten Stiernacken und aufgestützten Ellbogen erkennt man allenfalls schemenhaft die Umrisse der Akteure. Einige brauchen etwa eine halbe Stunde, um festzustellen, dass es die Griechen sind, die heute in Weiß spielen.

Auch die Hinzugekommenen, die sich den Weg durch die Wandbehänge von homerischen Schlachtszenen („Achill schleift Hektor um Troja“) bahnen, wirken eher desorientiert: „Steht‘s immer noch 0-0? Von hier siehts aus wie Nulleins.“ Antwort: „Es sind zwei verschiedene Spiele: Bei einem steht‘s 0-0, beim andern 0-1“ - „Aaah, jetzt ja!“



Insgesamt sind wir etwa 20 Leute, überwiegend Männer, von denen dreiviertel „Malacka“ fluchen, als Südkorea zum 1-1 ausgleicht. Wir denken wehmütig an den schönen Sommerurlaub an der Ägäis und leiden mit.

Spontan wird da und dort eingestimmt, als „Salpingidis“-Rufe aufkommen. Vorausgegangen war allerdings das 2-1 für Südkorea und einige entgeisterte Äußerungen: „Was macht dä Torrwart?“ Der Rest ist einfach Galgenhumor: Heiseres Kichern bis hin zu irrem Gekreische, das sich noch mehr aufbäumt, als Nigeria eine Tausendprozentige verstolpert. Als mehr oder weniger neutraler Beobachter muss man feststellen, dass die wichtigen Ereignisse des Abends ausnahmslos  n i c h t  beim Griechenland-Spiel stattfinden. Egal, Effcharisto für die nächsten beiden Biere! Jassas!

Ob’s am Bier lag oder am Ouzo: Der Kellner kniet jedenfalls auf den nackten Steinfliesen, als Nigeria einen Elfmeter ausführt: Tooor! Und wieder braucht Hellas nur noch ein Tor, um die nächste Runde zu erreichen.

Dumm nur, dass Stolper-Demichelis jetzt plötzlich noch seinen Torriecher entdeckt und die Griechen hintenliegen. „Chand, das war doch Chand!“ Dieser leidenschaftliche Verbaleinwurf verhallt indes ungehört und schlimmer noch, folgt dem ersten alsbald der zweite Streich der Gauchos: 2-0, Malacka, Ochi, Scheise, Tschuss Hellas!



„Woran lag’s?“, fragen wir den Ober, während unser Blick über die lecker anmutende Speisekarte schweift. Mmmh, Dimitra-Platte für vier Personen. „Ist Rehhagel schuld?“ – „Nein, bis jetzt war es soweit ok, aber dass er diesen Zwerg eingewechselt hat, diesen 20-Jährigen, das war ein Fehler. Wir brauchen große Leute vorne drin.“ Mehr kann er im Moment nicht sagen, so groß ist seine Enttäuschung. Aus 32 mach 16. Griechenland fährt heim. Schade!

Mehr dazu: