Aktionstag

Graffiti-freie Wände im Sedanquartier sind am nächsten Tag wieder beschmiert

Johannes Tran

Dutzende Helfer pinseln beim Freiburger Aktionstag gegen Graffiti. Doch die Freude über die frischen Fassaden "Im Grün" hält nicht lange an: Am Tag danach gibt es neue Schmierereien.

Es riecht nach frischer Farbe. Dutzende Männer und Frauen in weißen Malerkitteln säumen die Bürgersteige. Verschiedenste Pinsel lugen aus halbgeöffneten Farbeimern. Der "Aktionstag" im Rahmen des "Solidarmodells Anti-Graffiti Freiburg" ist an diesem Samstag in vollem Gange. Groß ist die Freude der Anwohner des Innenstadtquartiers "Im Grün", dass ihre vollgeschmierten Fassaden frisch gestrichen werden. Um so härter trifft sie der Tiefschlag am Sonntagmorgen: 15 Wände sind erneut beschädigt worden: "Nix is sicher", lautet der Schriftzug der Täter.


35 Häuser bekamen neue Anstriche

Bereits zum 13. Mal veranstaltete der Verein "Sicheres Freiburg" einen Aktionstag, bei dem ein Stadtteil von illegalen Schmierereien gesäubert werden sollte. "Im Grün" wollten die Organisatoren 35 Häuser in Angriff nehmen, darunter zwei komplette Straßenzüge.

So lange hatten die Anwohner diesen Tag herbeigesehnt, so lange hatten sie sich über die unzähligen Graffiti an nahezu jedem Haus geärgert. "Die Menschen fühlen sich nicht sicher. Das ist ein Angriff auf unser Eigentum", sagt Ursula Stüber. Auch ihr Haus wurde immer wieder beschmiert, sogar bis in den Eingangsbereich hinein. Das letzte Graffito hat sie erst vor Kurzem wegmachen lassen. Für 200 Euro. Heute hingegen arbeiten alle ehrenamtlich – die sieben beteiligten Malerfirmen verlangen kein Geld.

Ursula Stüber fotografiert die vielen Malerinnen und Maler, wie sie kratzen, schrubben, streichen. Die Schmierereien sind auf Hauswänden, Türen, Rollladen oder Vorsprüngen, in Knie- oder zwei Metern Höhe. Lange hatten sie "Im Grün" das Gefühl, es tue sich nichts. Die Anwohner berichten von der überlasteten Polizei und um so skrupelloseren Sprayern. Viele Hausbesitzer hätten resigniert. Anca Rosler-Koslar, Vorsitzende des Lokalvereins, berichtet von zahlreichen Briefen wegen des Aktionstags. Tenor: "Uns reicht’s, endlich kümmert sich jemand."

Fette Signaturen – keine Kunstwerke

Gerade deshalb geht es für viele um mehr als die Entfernung unliebsamer "Kunstwerke". Es geht darum, ein Zeichen zu setzen – gegen eine Straftat, die von vielen Sprayern als Lappalie angesehen wird. "So können wir immerhin der Zunahme von Graffiti Einhalt gebieten", sagt Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach, der als Schirmherr mitmacht.

Dass die Hoffnung trügt, ahnt er so wenig wie Eberhard Knerlein, der zu seinem Haus in der Alten Gießerei führt. Dutzende Graffiti zieren sein Mehrfamilienhaus. Kreativität lassen die meisten Sprayer vermissen, es überwiegen fette Signaturen in allen erdenklichen Farben. Die Täter kämen immer nachts und überwiegend am Wochenende, erzählt er. Als die Maler anrücken, serviert Knerlein ihnen frisch gebrühten Kaffee. Enthusiastisch stehen er und die anderen Hausbewohner um die Männer herum, die die Hausfassade schon nach wenigen Minuten wieder in gewohntem Hellrot glänzen lassen.

"Dass es hier so extrem ist, hätte ich nicht gedacht", sagt Malermeister Matthias Disch, während er die großflächigen Schmierereien in Augenschein nimmt. Mit zwölf Malern ist er angerückt. Der Aktionstag sei durchaus auch Werbung für die Firma.

Für die Hausbewohner um Eberhard Knerlein hätte die Entfernung der Graffiti bis zu 3000 Euro gekostet. Jetzt blicken sie voller Freude auf eine blitzsaubere Wand, wie sie sie schon lange nicht gesehen haben. "So gefällt mir das absolut", sagt Knerlein. "Mal schauen, wie lange das so bleibt." Vielleicht sollten sie eine Nachtwache aufstellen, scherzen die Anwohner.

"Die wollen uns ihren Lebensstil aufzwingen." Anwohnerin
Es war kein Scherz, sondern Prophezeiung. Unbekannte haben in der Nacht an 15 Häusern der Belfortstraße und Adlerstraße erneute Graffiti-Botschaften hinterlassen. Darunter sind auch zahlreiche Häuser, die am Vortag gereinigt worden waren. Eine Anwohnerin, die ihren Namen aus Angst nicht in der Zeitung lesen möchte, ist aufgebracht und verbittert.

Die Schriftzüge sind eine höhnische Kampfansage an die Organisatoren des Aktionstages: "Nix is sicher im Leben". Und ein hinterlassenes Flugblatt endet mit der Drohung: "Unser Entsetzen hat Folgeschäden". Die Anwohnerin vermutet, dass die Täter aus dem linksalternativen Teil des Viertels kommen. "Die wollen uns ihren Lebensstil aufzwingen."

Die Eigentümer können eine dreimonatige Garantie des Aktionstags in Anspruch nehmen, wonach die Malerfirmen erneute Schmierereien kostenlos beseitigen. Dafür müssen die Hausbesitzer allerdings Anzeige erstatten. Am Sonntag war bereits eine Polizeistreife vor Ort.