Graffiti: Fffffffscht wie Feuerstein

David Weigend

Wenn es fschhhht und ffftt macht und irgendwo auf der Welt jemand die Dose schüttelt, um ein Graffiti zu malen, dann kann es gut sein, dass ein Mann aus Lahr den Inhalt dieser Dose erdacht hat: Jürgen Feuerstein, 43, ist Chef von Molotow und einer der wichtigsten Hersteller von Spraydosen überhaupt. Dass er so auch Werkzeug für den Vandalismus herstellt, streitet er gar nicht ab. Gleichwohl bemüht er sich seit Jahren, Sprayern den Schritt in die Legalität zu erleichtern. Ein Besuch beim Herrn der Dosen.



Feuersteins Turnschuhe knirschen im Schnee. Er geht über das weitläufige Betriebsgelände seiner Firma. Früher war dies das Kasernenareal der Kanadier. Feuerstein lief hier schon als Kind Schlittschuh, später mischte er für die Soldaten Panzerfarbe an, fassweise: „Furchtbare Lösungsmittel, die haben richtig scharf gerochen.“



Er kreuzt eine Lagerhalle und betritt einen kleineren Raum, sein Farblabor: Regale voller Spraydosen, Test-Sprühereien auf Styroporplatten, Ventile, Lackeimer. Hier tüftelt Feuerstein an seinen Produkten und vergleicht sie mit der Konkurrenz: „Spritznebel, Läuferbildung, all diese typischen Sprühdosen-Schwächen konnten wir weitgehend eliminieren“, sagt er. Andere können einzelne Essenzen von Parfums herausriechen, Feuerstein erriecht Lösungsmittel.



2008 verkaufte er Sprühdosen im einstelligen Millionenbereich. Seine Kunden: Graffitikünstler, in den USA, in Japan, in Europa, überall. Der Vertrieb läuft übers Internet. 16 Leute arbeiten in Lahr, Versand und Logistik übernimmt größtenteils die Kwasny Gruppe in Sinsheim. Feuerstein, der 2002 das Farbengeschäft der Eltern übernahm, spezialisierte sich darauf, die Dosen für die Bedürfnisse von Writern zu optimieren: „Ich mache Auftragswerkzeuge für Leute, die ihre Kunst ausleben.“

Dass dies in der Regel nicht legal geschieht, weiß Feuerstein. Und er geht mit dieser Tatsache pragmatisch um: „Man muss einfach zur Kenntnis nehmen, dass Leute malen wollen, dass die den Wunsch haben, sich öffentlich mitzuteilen.“ Natürlich sei es negativ, wenn Leute Bilder auf Wände malen, die dafür nicht freigegeben wurden; und natürlich handele es sich hierbei um eine Straftat.



Was Feuerstein jedoch kritisiert, ist, dass der Staat die Kunstform Graffiti immer noch kriminalisiere, anstatt ihr mehr Fläche einzuräumen. Diese Haltung sei kontraproduktiv. „Wenn Kommunalpolitiker eine Hall of Fame schließen, zwingen sie die Leute in die Illegalität. Das ist umso bitterer, als Grafitti in meinen Augen immer noch zu den kreativsten Jugendbewegungen überhaupt gehört. Klar ist da auch Vandalismus dabei. Aber 70 Prozent der Bilder, die illegal entstehen, haben meiner Meinung nach einen künstlerischen Ansatz.“



Es liegt auf der Hand, dass Feuerstein durch seine Produkte in Konflikte gerät. Die Bahn etwa, deren Waggons mit Sicherheit auch aus Molotowdosen zugebombt wurden, versuchte, Feuerstein zu verklagen. Erfolglos.

Das könnte auch daran liegen, dass der Dosendealer die Strategie verfolgt, Straßenkünstler in die Galerien zu bringen, ihnen den Schritt in die Legalität zu erleichtern und Graffiti als Kunstform zu etablieren.



Der Spruch „Use cans for art, not for vandalism!“, den jede Lahrer Dose ziert, mag zwar als Alibi gelten; andererseits organisiert Molotow den Graffiti-Wettbewerb Write4Gold in 20 Ländern, ein Sprühwettkampf, der diese Kultur auf legale Art fördert und bei dem 250.000 Writer weltweit teilnehmen.

Doch auch diese Maßnahme hat Kritiker, die Feuerstein den „Ausverkauf der Szene“ vorwerfen. „Na und?“, ruft Feuerstein. „Es geht doch darum, der Szene weiterzuhelfen. Ein Sell-Out wäre für mich, wenn ich Geld mache mit einer Szene und ihr dafür nichts zurückgebe.“



Die Pole der Jugendkultur Graffiti: Auf der einen Seite der illegale Untergrund, in dem vor 25 Jahren alles begann; auf der anderen Seite Galeristen, die inzwischen erkannt haben, dass sie mit dem Verkauf der legalisierten Aerosolkunst viel Geld verdienen können; irgendwo dazwischen Feuerstein, der sagt, er habe vor beiden Seiten Respekt. Das ist aus dem Munde eines Unternehmers nicht verwunderlich.



Gleichwohl ist er tatsächlich ein Vermittler zwischen den beiden Lagern. Ein Beispiel dafür ist sein Baby K 31: 2004 eröffnete er in Lahr die bis dahin einzige Galerie für Kunst aus der Spraydose. Feuerstein will, dass die „ganz normalen Bürger sich das anschauen und Achtung davor gewinnen.“ Künstler wie Loomit, Daim, Toast und Codeak stellten hier aus. Dieses Konzept fand Nachahmer, auch die Weiler Carhartt-Galerie mit ihrem Kurator DARE ist ein K 31-Ableger. Viele Galeristen rufen bei Feuerstein an, denn er hat gute Kontakte in die isolierte Graffitiwelt. Im Übrigen war Stefan Strumbel, inzwischen Uhrendesigner für Karl Lagerfeld, Feuersteins erster Angestellter.

Feuerstein zwängt sich flink durch ein Loch im Maschendrahtzaun und schlendert hinüber in die alte Kasernenhalle, wo früher die kanadischen Militärtrucks standen.



Er weist auf einen silber-schwarzen Schriftzug, der das schmutzig-weiße Mauerwerk bedeckt. OS+GEMEOS steht da, Buchstabenarchitektur in Knochenform. Dieses Graffiti haben die beiden brasilianischen Zwillingsbrüder Otavio und Gustavo Pandolfo hier vor etwa zehn Jahren hinterlassen.

Damals haben Bilder von Os Gemeos etwa 1000 Mark gekostet. Inzwischen werden sie von einer New Yorker Galerie vertrieben. Ihre günstigsten Werke bekommt man ab 10.000 bis 15.000 Euro. Feuerstein sagt: “Wer noch nicht kapiert hat, dass es sich hier um eine anerkannte Kunstform handelt, ist einfach etwas spät dran.”

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Foto-Galerie: David Weigend

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