Gothics in Freiburg

Stefan Lederer

Schwarze Kleidung selbst im Hochsommer, gefärbtes Haar, blasses Make-Up: Gothics, Gruftis oder Waver, wie man sie einst nannte, lösen mit ihrem Aussehen bei vielen Befremden aus. Die einzige regelmäßige Party in Freiburg mit Musik aus diesem Spektrum findet jeden Donnerstag im Crash statt, und das bereits seit weit über 15 Jahren.



Anfänge

Der Weg in die Gothic-Szene war bei vielen ähnlich: „Ursprünglich definierte sich die Szene hauptsächlich über Musik. Und das sollte auch so sein, die ist ja der Spiegel der Empfindungen,“ meint DJ Falko, der hauptberuflich als Lehrer arbeitet. „Da erkennt man eben schnell, ob man auf einer Wellenlänge liegt.“ Der DJ kam 1984 erstmals mit Wave-Musik in Berührung, den Anfang machten Depeche Mode. Dann kam über Mixtapes von Bekannten schnell immer mehr dazu, eigene Plattenkäufe folgten und die Sammlung wurde über die Jahre immer größer.

Der Einstieg erfolgt auch heute noch meist musikalisch, mittlerweile jedoch eher auf dem Umweg über den Heavy Metal, oder populäre Musik mit düsterem Anstrich wie etwa Marilyn Manson. Erste Kontakte knüpfen viele dann über das Internet. „Gerade wenn man auf einem Dorf aufwächst, ist es ansonsten schwierig Leute mit ähnlichen Interessen zu finden“, sagt Johanna, angehende Studentin und seit einigen Jahren in der Szene.

Lebensgefühl der Gothics

Ein einheitliches Lebensgefühl sei schwer festzumachen, sagt Johanna: „Nicht jeder verbindet damit das gleiche. Es gibt eigentlich keine gemeinsamen Grundüberzeugungen, weder politisch noch ideologisch. Man trifft in der Schwarzen Szene sehr unterschiedliche Leute, dabei verhältnismäßig oft interessante.“

Für viele bedeutet "schwarz" zu sein vor allem Individualität und Abgrenzung. Für andere ist es einfach ein Ausgleich zum Alltag. „Ein Stück weit ist das schon auch eine Antihaltung gegen alles Durchschnittliche, selbstgefällig Verspießte,“ meint Falko. „Ohne dabei auszublenden, dass ich selbst auch ein Teil des allgemeinen Systems bin. Diese Haltung ist ja vor allem eine geistige, keine handlungsorientierte.“ Ein Hang zu Melancholie und dunkler Ästhetik spielt ebenfalls eine große Rolle.

Um Provokation geht es dabei den wenigsten Gothics. „Wie ich mich kleide und was ich höre, entspricht meinem persönlichen Geschmack, es gefällt mir und ich drücke damit meine Gefühle aus,“ sagt Christian, der als Azubi im Einzelhandel arbeitet. „Es wäre angenehm, wenn einem da etwas weniger Vorurteile begegnen würden“.

 

Die Musik

Bemerkenswert an dieser düster und oft unzugänglich wirkenden Subkultur ist vor allem die große musikalische Vielfalt. Diese reicht traditionell von gitarrenlastigem Gothic Rock und eher poppigem Wave über rein akustisch erzeugten (Neo-)Folk. Hinzu kommt rhythmusorientierte elektronische Musik (Electronic Body Music, kurz EBM) und schließlich Industrial, welcher für ungeübte Ohren oft nur wie strukturloser Lärm klingt.

Seit Mitte der 90er Jahre kamen auch verstärkt Einflüsse aus den Bereichen des Heavy Metal und der mittelalterlich beeinflussten Rockmusik dazu. Diese hatten zwar ursprünglich nichts mit dieser Subkultur zu tun, erfreuten sich aber bei vielen Szenegängern wachsender Beliebtheit. Gleiches passiert seit Beginn des neuen Jahrtausends mit Elementen aus den seichteren Bereichen des Techno.

All diese verschiedenen Genres innerhalb eines Abends unterzubringen ist offenkundig eine Kunst für sich. „Oft ist es schwer eine Balance zu finden zwischen dem eigenen Anspruch, den individuellen Wünschen und dem schwarzen Massengeschmack“, so DJ Falko.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Erwartungen der Gothics immer unterschiedlicher werden. Längst ist die Szene global betrachtet am Expandieren. Was die einen begrüßen, sehen andere mit Sorge. "Die Art Musik zu hören hat sich verändert," sagt Falko. „Früher war die Resonanz auf neue oder unbekannte Lieder positiver. Die Leute waren neugierig, wollten wissen, was das ist. Heute möchten viele nur noch hören, was sie ohnehin kennen und was die einschlägigen Szenemagazine nachdrücklich bewerben. Da hat die Musikindustrie die Gruftis heute fest im Griff."

Der schwarze Musikbereich verflacht zunehmend und wird für die Leute immer beliebiger. Vielerorts verdrängen immer mehr technoide Klänge in den Clubs die anderen Genres. Das Angebot wird dementsprechend gleichförmiger, was die innere Zersplitterung der einst einheitlicheren Subkultur noch verstärkt. Nicht alle Szenegänger sind bereit, diese neuen Entwicklungen mitzumachen. Die Konflikte innerhalb der Szene nehmen zu. „Das Problem ist, dass wir in Freiburg alle Bereiche an einem Abend irgendwie abdecken müssen. Wegen der hier relativ kleinen Szene lohnen sich Veranstaltungen speziell für bestimmte Genres kaum.“


 

Die Freiburger Szene

In ihrer Zusammensetzung ist die schwarze Szene in Freiburg genauso vielschichtig wie in anderen Städten. Man trifft Schüler, Studenten, Auszubildende und Berufstätige. Gerade letztere sehen im Alltag oft unauffälliger aus als in ihrer Freizeit. Ihre kulturelle Identität ist in der Regel trotzdem erkennbar: Sie kleiden sich schlichter, aber dennoch schwarz, wenn es ihre Arbeitstelle erlaubt.

Im Vergleich zu anderen Gegenden ist die Freiburger Szene verhältnismäßig klein. Falko schätzt den harten Kern der Gothics, die regelmäßig am Donnerstag ins Crash gehen, auf 40, im Großraum Freiburg auf vielleicht 120. Viele davon treten überhaupt nicht in Erscheinung. „Man sieht oft „Schwarze“ auf der Straße, die zwar in Freiburg wohnen, hier aber scheinbar nie ausgehen“, sagt Anne, die in Freiburg studiert und donnerstags regelmäßig das Crash besucht. Musikalisch sind viele konservativ, aktuelle Trends der Szene kommen in Freiburg erst mit Verspätung an.



Der Donnerstag

Die Meinungen über den Crash-Donnerstag gehen auseinander, die meisten Gäste sind froh, dass es ihn gibt. Der Abend ist eine Institution und mitverantwortlich dafür, dass sich die Szene in Freiburg trotz der provinziellen Lage über Jahre hinweg gehalten hat.

„Zum Glück gibt es drei DJs, die jeweils unterschiedliche musikalische Schwerpunkte haben“, sagt Harald, der im Alltag als Krankenpfleger tätig ist. Peter, Falko und Bernd legen im wöchentlichen Wechsel auf. Damit ist eine gewisse Abwechslung garantiert, auch wenn natürlich nie alle zufrieden sind und oft Genres zu kurz kommen.

„Das Einzige, was viele im Crash nervt, ist der gelegentliche Ärger mit Szenefremden, die die Gäste am Donnerstagabend mutwillig stören, albern auf der Tanzfäche herumhampeln oder Leute belästigen“ sagt Harald. „Nichts gegen bunte Besucher, aber sie sollten sich benehmen. In anderen Städten lässt man solches Volk zum Teil gar nicht erst rein.“ Abgesehen davon fühle er sich wohl, die Atmosphäre sei fast schon familiär.

Ausnahmslos alle bedauern das Fehlen einer schwarzen Veranstaltung am Wochenende. Der kleine Floor mit Musik aus den 80ern, der samstags im Crash zusätzlich zum normalen Programm betrieben wird, erscheint nur wenigen als vollwertiges Angebot. Viele fahren dann in Clubs nach Karlsruhe, Stuttgart oder in die Schweiz.

Immer wieder gab es im Freiburger Nachtleben Versuche, alternative Veranstaltungen zum Crash-Donnerstag aufzuziehen. Ende der 90er gab es im damaligen Sound einen regelmäßigen schwarzen Freitag. Ähnliches versuchten auch die Macher vom Keller 264 und davor vom MCC, lange gehalten hat sich jedoch keine dieser Partys. Die Freiburger Szene ist zu heterogen, hinzu kommt, dass Gothics oft weit weniger Alkohol konsumieren als das Publikum „bunter“ Partys. Damit lässt sich also auch weniger Gewinn machen, wie einer der ehemaligen Betreiber des Keller 264 aus eigener Erfahrung bestätigt.

Ausblick

Ob die schwarze Szene in Freiburg irgendwann eine ähnliche Größe annimmt wie in anderen Städten, bleibt abzuwarten. Ein gewisser Zulauf ist natürlich immer bemerkbar, aber wie viele andere Subkulturen auch ist der Gothic-Bereich ein Durchgangslager für Menschen, die in ihrer Jugend verschiedene Randgruppen durchlaufen, nur manche davon bleiben am Ende dabei.

Die Spaltung der Gothic-Szene in verschiedene Untergenres könnte sich in Zukunft noch verstärken. Schuld daran wäre unter anderem die immer kommerziellere Ausrichtung von Teilen der Szene. Viele Musikstile fallen unter den Tisch und kommen in einschlägigen Musikmagazinen kaum mehr vor. Bestimmte Labels und auch DJs tragen dazu bei, die schwarze Musik immer allgemeinverträglicher zu machen, um die Zielgruppe zu erweitern. Doch nicht nur der musikalische Anspruch sinkt hierdurch. Damit wird jedem möglich, sich zwar unglaublich alternativ zu fühlen, aber trotzdem seine poporientierten Hörgewohnheiten nicht aufzugeben. Entsprechend verändern sich natürlich auch die Menschen, die neu zur schwarzen Szene stoßen.

Als Gegenbewegung bildet sich innerhalb dieser Subkultur zunehmend ein eigener Underground, der sich kommerziellen Vereinnahmungsversuchen weitgehend widersetzt und sich vom Rest abzugrenzen sucht. Musikalisch interessantes passiert mittlerweile vor allem in diesen Bereichen, so Falko. Daneben halten auch zunehmend Bands die alten Tugenden hoch, die sich eigentlich gar nicht der Gothic-Szene zurechnen, sondern etwa im Alternative- oder im Postrock-Bereich beheimatet sind.

Mehr dazu:

Was: Wave Night
Wo: Crash, Schnewlinstraße 7, 79111 Freiburg
Wann: Jeden Donnerstag, 22 Uhr bis 3 Uhr
Eintritt: 3 €