Google startet sein 3D-Abenteuer Lively

Christoph Müller-Stoffels

Es ist bunt, es ist neu, es ist Google! Lange wurde darauf gewartet, viel wurde spekuliert, jetzt ist das da, was als Googles Antwort auf Second Life gilt: Lively. Und Lively ist ganz anders als es die Spekulanten erwartet hatten. Ist es deshalb eine Enttäuschung? Keineswegs!



Bereits zu Beginn des medialen Hypes um das Metaversum Second Life (SL) vor anderthalb Jahren gerüchtelte es, Google wolle etwas ähnliches auf den Markt bringen. Eine virtuelle Welt sollte es werden. Googles Produktpalette wurde in die Spekulationen mit einbezogen. Wenn es schon Google Earth gab, so die Vermutung, dann könnte man doch damit eine virtuelle Umgebung erschaffen, die der physischen täuschend ähnlich sehen könnte. Nicht zu vergessen die Möglichkeiten von Google Street View.


Jetzt ist die Katze aus dem Sack und die Verwunderung groß. Die Katze heißt Lively und ist auf den ersten Blick eine Enttäuschung.

Was als Frontalangriff auf Second Life angekündigt oder zumindest vermutet wurde, kommt eher als eine Armee von Heckenschützen daher. Eine Chat-Plattform in 3D-Optik, einzelne Räume, die nicht miteinander verbunden sind. Die Äußerungen der einzelnen Figuren schweben in Sprechblasen über den Avataren, die Räume sind auf 20 Teilnehmer begrenzt.

Lively ist bunt, Lively ist knutschig, Lively ist retro. Aber Lively ist auch genial.



Optisch hoch professionell, kann Lively etwas, was andere Plattformen wie Habbo Hotel oder IMVU nicht können, dafür aber YouTube, ein anderes Google-Produkt: es kann überall eingebaut werden.

Wie die YouTube-Schnipsel kann man Lively in seine Homepage einbauen, kann Freunde in seinen eigenen kleinen Chat-Room einladen und diesen nach eigenem Geschmack und Vorlieben einrichten. Natürlich ist es da wenig verwunderlich, dass sich auch bei Lively kurz nach dem gestrigen Start vieles um Sex dreht, das war beim WWW und Second Life nicht anders. Die am stärksten frequentierte Räume heißen "sex (und etwas auf Hebräisch)" und "Disco-A-Go-Go".



Bislang lässt sich Lively in normale Webseiten, Blogs und bei Facebook einbauen. Bald soll es auch bei MySpace funktionieren. Einbauen, um überall präsent zu sein, dass scheint das primäre Ziel von Google zu sein. Denn den eigenen Angaben nach besteht derzeit nicht die Absicht, die Lively-Räume zu Werbezwecken zu nutzen.

Da dürften auch die schlechten Erfahrungen von Second Life eine Rolle spielen, wo zwar viel Fläche für Werbung zur Verfügung steht, aber auch das Problem existiert, dass die nötigen Konzepte noch fehlen. Werben wie im Internet geht nicht, werben wie in der physischen Welt ist zu aufwändig. Wenn das Problem von SL oder seinen Kunden gelöst sein wird, dürfte Lively da nachziehen.

Bislang besteht aber gar nicht die Notwendigkeit, sich durch Werbung zu finanzieren oder den Dienst kostenpflichtig anzubieten. Allein die Einbindung in eine Webseite und die ständige Präsenz von Google überall sind Werbung genug, sei es als YouTube, Lively, Google Maps oder Google Earth.

Lively treibt das noch weiter, denn in die Chat-Räume könne auch YouTube-Filme in Form von virtuellen Fernsehern eingebaut werden.

Lively ist also weniger das von Spiegel Online kolportierte "Gegen-Second Life", sondern eher eine Art Anti-Second Life. Kleine Gefängniszellen, die nicht miteinander verbunden sind, stehen der großen Gemeinschaftszelle Second Life gegenüber. Unendliche virtuelle Weiten sehen anders aus.

Allerdings "kontert" (Netzzeitung) Second Life nun den Google-Angriff und plant den Ausbruch: Mit dem Partner IBM sei es gelungen, SL-Bewohnern den Weltenwechsel zu ermöglichen, quasi den Sprung in ein Paralleluniversum. Man habe Avatare aus dem Computernetz von Second Life über eine offene Schnittstelle auf einen anderen Server (OpenSim World Server) transferiert.



Was bedeutet das für den nicht 3D-affinen Internetnutzer? Wenig bis nichts. Zumindest noch. Second Life hat immer noch Kinderkrankheiten, auch wenn sich diese verändern. Lively läuft bislang nur auf Windows Vista und XP.

Aber es kommt Bewegung in die 3D-Welten. Lively wird Erfolg haben, daran bestehen keine Zweifel. Und auch wenn Second Life auf dem absteigenden Ast zu sein scheint (kann man bei 14 Millionen registrierten Nutzern, über 500.000 aktiven und täglich zwischen 30.000 und 60.000 davon reden?), ist das nicht mehr als ein Zwischentief der virtuellen Welten.

Mehr dazu:

Chat-Rooms in 3D-Optik:
Mehr über Lively: