Götz Aly: Wie totalitär waren die 68er?

Helena Barop

...ist ihr Kampf gegen den Faschismus mit der nationalsozialistischen Jugendbewegung der 1920er und 1930er Jahre vergleichbar? Und warum führen wir heute diese Debatte? Am Dienstag sprachen der Berliner Historiker und Journalist Götz Aly und der Freiburger Soziologieprofessor Wolfgang Eßbach vor vollem Hörsaal über kontroverse Kontinuitätsthesen und die Historisierung der 68er-Bewegung.



Götz Aly (Foto) war selbst 68er. Wenn er von Protestbewegung und Sit-ins, von Leidenschaft und Verblendung, von Nazivätern und Totalitarismus spricht, dann immer in der Wir-Form.


Nach der Journalistenschule und dem Geschichts- und Politikstudium in Berlin (1.Semester: 1968!) wurde er Heimleiter in Spandau. Er kümmerte sich um die benachteiligte Jugend, wie es dem linken Selbstverständnis entsprach, und wurde 1972 wegen seines politischen Engagements im linken Milieu von diesem Dienst kurzzeitig suspendiert. Später wurde er Historiker, schrieb für die taz, die Berliner Zeitung, die FAZ.



Mit dieser Biographie könnte er sich ohne weiteres unauffällig unter die normal bis etwas schräg gekleideten Menschen mittleren Alters mischen, die sich momentan so gern in den Talkshows treffen, um ihr 40-jähriges Jubiläum zu feiern. Doch er fällt aus der Reihe. Mit seinen Diskussionsbeiträgen entfernt er sich von den Grabenkämpfen, von denen Wolfgang Eßbach, sein Diskussionspartner auf dem Podium, den Eindruck hat, sie hätten sich seit damals nicht verändert.



Götz Alys umstrittene These: Die Strukturen der Studentenbewegungen von 1968 und 1933 weisen Ähnlichkeiten auf. Die revoltierenden Kinder der schuldbeladenen Kriegsgeneration verfielen in die Denkmuster ihrer Eltern. Nicht inhaltlich, aber doch strukturell sei 68 ein neues 33 gewesen.

Auf eine Zeit der Verdrängung nach 1945 folgte nach Alys Argumentation eine Zeit des Protestes, als die erste unbelastete Generation in Deutschland erwachsen wurde. Die Jugendlichen waren desorientiert. Sie fanden keine väterlichen Fußstapfen vor, denen sie hätten folgen wollen, also setzten sie sich ihre Ziele selbst und taumelten unwillkürlich doch in ebendiese Fußstapfen.

Das heißt nicht, dass diese protestierenden Studenten späte Nazis waren. Der Protest richtete sich gegen die Eltern, gegen den „Faschismus“ und gegen die Autorität. Aber er hatte totalitäre Züge, so Götz Aly.



Ein Stück weit konnte Professor Eßbach gestern Abend diesen Gedanken folgen. Der Protest richtete sich gegen alles Mögliche, doch Eßbach beobachtet: Sobald der Protest einsetzte, hörte die inhaltliche Auseinandersetzung der Revoltierenden mit den Verbrechen der Nationalsozialisten auf. Er nennt das den „Export“ von Schuld und Problemen.

„Faschismus“ hieß das Feindbild. Damit waren auch die Nazis gemeint, aber vor allem die "aktuellen Faschisten" in Washington und in Bonn, das aus Sicht der Revoltierenden drohte, ein zweites Weimar zu werden. Die Schuld wurde auf die Feinde verlagert, es war ein Zurückweichen vor der Schuld der eigenen Eltern.

Man schien sich einig zu sein: Strukturelle Vergleiche sind erlaubt und unter Umständen auch plausibel. Die Historisierung der 60er und 70er Jahre machen einen kritischen Blick auf Zusammenhänge möglich und genau das kann die Debatte weiterführen.



Damit ist jedoch das letzte Wort noch nicht gesprochen. Der große Kritikpunkt an Alys "Unser Kampf", in dem er seine umstrittenen Thesen veröffentlicht hat, war gestern Abend die "Fiktion von 68 als kohärentes Phänomen", auf deutsch: Die 68er waren ein zerrissener Haufen. Da sind Erklärungen, die von einer einheitlichen Gruppe mit einheitlichen Verhaltensmechanismen ausgehen, nicht ausreichend.

Im überfüllten und schlecht belüfteten Hörsaal wechselten sich Aly und Eßbach fast zwei Stunden am Rednerpult ab, kaum unterbrechbar von Moderator Ulrich Herbert (Historisches Seminar). Im Publikum wuchs mit der Zeit merklich das Bedürfnis nach Mitsprache. Erst um kurz vor zehn entlud es sich dann bei einer jungen Globalisierungsgegnerin, die eine ganz andere Sichtweise der Dinge vorschlug, als die Herren auf dem Podium.



Sie vermutete hinter den aktuellen Debatten einen aktuellen Zweck. In Wirklichkeit gehe es nicht um die 68er, erklärte sie empört, sondern es gehe um die neuen linken Strömungen, die Globalisierungsgegner, die Unzufriedenheit über die wachsende Ungleichheit in der Gesellschaft. Der Faschismusvorwurf komme aus der konservativen bis national-konservativen Ecke und richte sich eigentlich nicht gegen die 68er sondern gegen diejenigen, die heute auf die Straße gehen.