Goapartys: Überwachtes Feiern

David Weigend

Zwei fudder-Leser sind an Ostern auf einer Goaparty in der Schweiz gewesen. Da sie während der Feier von eher untypischen Besuchern ständig auf Drogen angesprochen wurden, verließen sie die Party mehr genervt denn amüsiert. Der Fall wirft einige Fragen auf, vor allem: inwieweit darf die Polizei auf solchen Partys V-Männer einsetzen?



Es ist nicht das erste Mal, dass der 24-jährige Thomas S. aus Freiburg eine Goaparty besucht. Auf der Website goatrance.de findet er die Ankündigung fürs Osterdelirium, eine Goaparty in Olten im Schweizer Kanton Solothurn. Die Party soll über das gesamte Osterwochenende andauern: Freitag, 10. April, 21 Uhr bis Montag, 13. April, 12 Uhr. Gut 20 DJs sind für die Party angekündigt.


Am Ostersamstag fährt Thomas mit seinem Freund Max nach Olten. Thomas freut sich, da er auf der Party in seinen Geburtstag reinfeiern will. Nach einigem Suchen (die im Internet angegebene Hausnummer ist falsch) finden sie das Areal: ein ehemaliges Fabrikgebäude in der Oltener Industriestraße.



Am Einlass bekommen die beiden ein Bändchen mit der Aufschrift „Geometrix 3“ ums Handgelenk gebunden. Seltsam, heißt die Party nicht eigentlich „Osterdelirium“? Thomas und Max schauen sich das Areal mit den zwei Dancefloors an. Auffallend ist die extrem aufwändige und teure Lichtanlage, die man eher auf einer Großveranstaltung wie dem Fusion Festival erwartet hätte. Um 19 Uhr verstummt die Musik komplett, sie wird erst um 21.30 Uhr wieder losgehen, und zwar gleich sehr heftig, ohne sanftes Reinkommen. Später erklärt man Thomas, die lange Pause habe an „einem DJ-Wechsel“ gelegen.



Nur etwa 200 Partybesucher sind vor Ort. Thomas und Max nehmen die meisten von ihnen von Anfang an als „total unentspannt“ wahr, was untypisch ist für Goa-Partys. Alle zehn Minuten kommt jemand auf die beiden zu, um ihnen Drogen anzubieten, meist Pep und Gras. Auch werden sie gefragt, ob sie „LSD in größeren Mengen organisieren“ könnten. Außerdem werden sie darauf hingewiesen, dass es da einen gebe, der ihnen Pillen verkaufen könnte.

Den beiden Freiburger Goafreunden kommt das Ganze ziemlich verdächtig vor: Vom Hippiestyle, wie man ihn von anderen Goapartys kennt, keine Spur; stattdessen auffallend viele Verkehrspolizisten, die die parkenden Autofahrer einweisen. „Als ob es bei einer Goa-Party je jemanden interessieren würde, wer wie parkt“, denkt sich Thomas.



Partystimmung kommt keine auf, dafür werden die seltsamen Partybesucher, die Thomas nach Drogen fragen, nicht weniger. „Es lief immer gleich ab: Sie kamen zu dir hin und sobald sie gemerkt haben, dass du nichts verkaufst, haben sie dich stehenlassen, da warst du für sie uninteressant.“ Auch den anderen Angereisten, die übers Internet auf die Party aufmerksam wurden, finden die Oltener Festivität „sehr komisch“.

Bald haben Thomas und Max genug von der Veranstaltung. Eigentlich wollten sie über Nacht bleiben, aber unter diesen Umständen haben sie keine Lust auf Feiern: „Wir hatten das Gefühl, dass die ganze Party nur aus Zivilpolizei besteht.“ Dieser Verdacht verhärtet sich, als sie auf dem Rückweg zum Bahnhof von einer auffällig unauffälligen Frau angesprochen werden, wieder wegen LSD. „Es ist schon unangenehm, wenn man permanent das Gefühl hat, die Polizei wolle einen zu Straftaten verleiten“, sagt Thomas.



Wir versuchen, der Sache auf den Grund zu gehen. Zunächst, indem wir den angeblichen Organisator der Party kontaktieren. Wählt man die auf der Website angegebene Handynummer, meldet sich grundsätzlich nur die Stimme einer Mailbox. Wir schicken an die angegebene Mailadresse eine Nachricht mit der Bitte, Kontakt mit uns aufzunehmen. Fehlanzeige, bis heute kam keine Antwort.

Zweiter Versuch: die zuständige Polizeibehörde. Wir telefonieren mit Urs Eggenschwiler von der Kantonspolizei Solothurn. Herr Eggenschwiler zeigt sich erstaunt, als wir ihm von besagter Goaparty erzählen. „Da war gar keine Party am Osterwochenende“, sagt er. „Es ist uns jedenfalls nichts darüber bekannt.“ Als wir ihm den Flyer schicken, ändert das nichts an seiner Überzeugung. Mehr noch: „Das stimmt ganz sicher nicht, der Vorwurf mit den Zivilpolizisten. Solche Maßnahmen, das geht gar nicht bei uns. Wir dürfen keine Mittelsmänner einsetzen. Das ist bei uns noch nicht so weit.“



Wirklich? Wir fragen nach bei Günter Heine, Professor für Strafrecht an der Universität Bern. „Die Rechtslage ist ähnlich wie in Deutschland“, sagt Heine. „Die Polizei darf V-Männer nicht einsetzen, um bislang unbescholtene Jugendliche dazu zu animieren, Drogen zu konsumieren. V-Männer dürfen aber eingesetzt werden, wenn die Polizei einen Anhaltspunkt für organisierte Rauschgiftkriminalität hat.“

Das heißt: wenn die Polizei im Internet sieht, dass jemand anders eine Party plant, darf sie sich mit ihren V-Leuten dort einschleusen – sofern die Polizei einen konkreten Verdacht hat, dass auf dieser Party Drogen in größeren Mengen abgesetzt werden sollen. „Aber diese V-Leute dürfen nicht die Initiative ergreifen“, sagt Heine. „Das heißt: sie dürfen nicht via Internet alle möglichen Leute dazu animieren, zu dieser Party zu kommen und dann dort Drogen anbieten. Das wäre nach Schweizer Verständnis unzulässig.“ Wenn man der Polizei diese Vorgehensweise nachweisen könnte, würde sie sich strafbar machen, weil sie Rauschgiftmittel in Verkehr bringt.

Interessant scheint in diesem Zusammenhang auch die Frage: wieviel oder wiewenig muss die Polizei in der Hand haben, um einen "konkreten Verdacht" begründen zu können?



Unabhängig davon ist die Freiburger Goaszene sehr vorsichtig geworden, was Ankündigungen von Partys im Internet angeht. Ein Freiburger Goa-DJ sagt: „Ich gehe nicht auf Partys, die im Internet stehen. Denn du musst grundsätzlich damit rechnen, dass solch eine Party infiltriert ist.“ Die Polizei, insbesondere eine „Soko Goa“, würde Leute einschleusen und versuchen, diejenigen rauszunehmen, die in großen Mengen mit Drogen handeln. „Ich gehe nur noch auf Partys, die sich vom Hörensagen rumsprechen oder die auf 20 Flyern angekündigt werden. Wenn man den Flyer in der Hand hatte, gibt man ihn weiter an Leute, die man wirklich kennt.“

Ulrich Brecht, Sprecher der Freiburger Polizei, streitet allerdings ab, dass eine „Soko Goa“ immer noch existiere: „Da gab’s mal was, aber das ist Jahre her. Aktuell läuft da gar nichts, Goa ist im Moment kein Thema. Was nicht heißt, dass wir Auffälligkeiten bei Partys nicht verfolgen würden.“

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