Glückwunsch, MTV!

Carolin Buchheim

Die Debatte um die geplante Ausstrahlung der Cartoon-Serie Popetown auf MTV geht weiter. Werbekampagnen werden zurückgezogen und dann doch weitergeführt, Verbände jeder Couleur und Politiker fordern 'Konsequenzen' von Gesetzesverschärfungen bis hin zum Entzug der Senderlizenz von MTV (fudder berichtete). Nur ausgerechnet von Katholiken im MTV-Alter hört man gelassene Töne. Grund genug für fudder-Autorin Caro, sich einmal mit Thomas Braunstein, dem Geistlichen Leiter der Katholischen Jungen Gemeinde (KjG) im Diözesanverband Freiburg über 'Popetown' zu unterhalten.





Wie bist Du auf Popetown aufmerksam geworden?

Ich bin von Jugendlichen auf die Serie hingewiesen worden. Sie hatten die Zeitungswerbung mit dem vom Kreuz aufs Sofa herabgestiegenen Jesus und den Trailer im Internet gesehen. "Hey Thomas, das kann nicht sein", haben sie zu mir gesagt, "Was meinst Du dazu?" .

Die Jugendlichen fanden das sehr, nun ja, befremdend ist dann schon ein nettes Wort. Ich hab das Werbemotiv dann auch zu sehen bekommen, und habe mich geärgert. Ich empfand das Bild als verletzend. Kurz darauf gab es dann vom BDKJ, dem die KjG angehört, auch eine offizielle Erklärung, auf satirische Art. Wir haben MTV zur Popetown Werbe-Kampagne gratuliert.

Hast Du die Kampagne als besonders verletzend empfunden, weil es kurz vor Ostern war und die Werbung ganz klar mit dem Leiden und der Auferstehung Jesu 'spielte'?

Ja, schon. Die Kampagne war in dieser Hinsicht schon hervorragend gemacht, genau so lanciert, um ins Gespräch zu kommen. Das ist eine typisch mediale Geschichte: Der Spiegel macht ja auch zu Weihnachten immer einen Christentum-kritischen Aufhänger.



Wie ging es dann weiter? Hast Du die Serie schon selbst gesehen?

Nein, das habe ich noch nicht. Einer der Jugendlichen, der die Werbung und den Trailer im Internet als verletzend empfunden hatte, hat sich allerdings daraufhin die DVDs bestellt, um die Serie beurteilen zu können.

Was hat der Jugendliche, der die DVDs gekauft und geguckt hat, Dir erzählt?

Um mal was vorauszuschicken: Wir sind hier die katholische junge Gemeinde, wir machen auch mal einen Joke über den Papst, oder über die Eigenheiten, die er so hat, oder über die Vorurteile, die der Katholischen Kirche so anhaften. Mit Vorurteilen kann man ja am besten humorvoll umgehen, und wie haben Humor.

Der Jugendliche hat mir erzählt, dass er die Serie als sehr stark überzeichnet empfunden hat, und als des Öfteren ganz klar mitten drin in der Geschmacklosigkeit. Genau diese Überzeichnung ist natürlich das Stilmittel von Satire. Er meinte aber auch, dass er schon auch manchmal lachen musste bei ein paar Dingen, und das finde ich persönlich ganz spannend. Ich hab es leider halt noch nicht geschafft, selbst mehr zu sehen als nur den Trailer.



Hat der BDKJ nach dem beglückwünschenden Brief an MTV noch weiter etwas unternommen?

Ja, letzte Woche gab es eine weitere Erklärung zu Popetown. Wir haben nicht den Boykott von Popetown gefordert, sondern die kritische Distanz dazu. Verbots- und Boykottaufrufe stärken ja letztendlich nur das Interesse an der Serie.

In der Presse hieß es unter anderem 'Was jammern die Katholiken so rum, dass mit Popetown der Glaube verunglimpft wird?' In der Serie gehe es nicht um den Glauben, sondern allein um Satire über die Institution Kirche, den Vatikan, und eben auch den verstorbenen Papst Johannes Paul II. Katholiken müssten da 'drüber stehen' . Was meinst du dazu?

Das Werbemotiv für die Serie mit dem vom Kreuz zum Fernseher heruntergestiegenen Jesus, das hat für mich nichts mit Witzen über die Institution Kirche zu tun, das geht darüber hinaus und für mich eindeutig zu weit. Diese Werbung verunglimpft meinen Glauben und macht sich über das Leiden Jesu lustig. Da merk ich bei mir: das mach' ich nicht mit, das ist nicht sauber.

Witze über die Institution Kirche und den -jetzt ja weniger- gebrechlichen Papst, machen wir auch selbst, doch darum geht es hier ja gar nicht. Die eigentliche Frage, die sich mir stellt, ist: Was soll das, mit dieser Serie? Was bezweckt MTV damit? Popetown ist immerhin schon drei Jahre alt, der produzierende Sender, die BBC, hat sie aus ethischen Gründen nie gesendet, es geht um den verstorbenen Papst, der ja direkt nach seinem Tod am besten sofort heilig gesprochen werden und jetzt von seiner Heiligkeit heruntergeholt werden sollte.

Warum? Will oder braucht man das zum Ablachen? Ist das Motto ''Lach dich kaputt über die Institution, die die Wahrheit verkündet'? Denn das ist die Kirche schon für mich, die Institution, die die Wahrheit verkündet; sonst würde ich ja auch nicht in dem 'Laden' arbeiten. Satire über die 'Institution' bringt meiner Meinung nach das Risiko mit sich, dass die Wahrheit die sie verkündet, verblasst, weil Witze über Äußerlichkeiten gemacht werden.

MTV geht es hier ganz klar allein um die alte marktwirtschaftliche Geschichte: Aufstand kreieren um damit in die Presse zu kommen, damit die Leute letztendlich davor hocken, denn das tun sie ja, wenn irgendetwas hochgepusht wurde. Es geht um Werbeeinahmen, und sonst um gar nichts.



Was hältst du von den Forderungen, die Serie zu verbieten, die Ausstrahlung strafrechtlich zu Verfolgen oder MTV die Sendelizenz zu entziehen?

Ich bin gegen ein Verbot und die strafrechtliche Verfolgung. Hier in Deutschland herrscht Meinungsfreiheit, und Satire ist erlaubt. Wenn ich Meinungsfreiheit für alle fordere und auch für mich in Anspruch nehmen will, dann muss ich eben die Satire in Kauf nehmen, auch wenn sie meine Gefühle verletzt und ich sie nicht für die eleganteste Lösung halte. Natürlich sage ich persönlich: Guckt mal rein, damit ihr wisst wovon die Leute reden, bildet euch eine Meinung darüber und erzählt es anderen Leuten.

Es ist ja schon wichtig zu wissen, aus welcher Richtung Angriffe kommen, welche Vorurteile verstärkt werden, welche Bilder sich bei Menschen einprägen. Manchmal ist es ja so, dass Satire nicht mehr als Satire wahrgenommen wird, sondern als Tatsache, als Wahrheit, und um damit umgehen und gegensteuern zu können, muss ich die Serie geguckt haben um zu wissen wovon die anderen reden. Und außerdem hilft die Konfrontation ja durchaus dabei, eine eigene Meinung genauer zu definieren.

Wenn ich meine Meinung äußere, dann trage ich auch die Verantwortung dafür, was mit meiner geäußerten Meinung passiert, und deswegen hat ein Fernsehsender meiner Meinung nach den Auftrag, genau hinzugucken, was sie ausstrahlen. Fernsehsender sind meinungsbildend, sie können eine Gesellschaft beeinflussen, sie haben Macht. Ich finde Fernsehsender müssen mit dieser Macht umgehen, Verantwortung übernehmen und eben auch merken: Was richte ich mit meinem Programm an? MTV tut das nicht, mir gehen sie mit Popetown eindeutig zu weit, und nicht nur mit Popetown.

Jackass halte ich zum Beispiel auch für ethisch problematisch. Leute machen das nach. Und mit Popetown wollen sie wohl bewusst die religiösen Gefühle von Katholiken verletzten.

Du findest es also Schade, dass MTV seine Chance nicht nutzt, um positiver auf Jugendliche einzuwirken?

Genau, das ist aber generell bei MTV so. Es geht nicht um die Songs oder um die Musik; die ist okay; es geht um die Kultur die sie nebendran pflegen, wie sie versuchen Quote zu kriegen.



Die Bistümer München und Freising haben gefordert, dass MTV bis Ende der Woche eine Unterlassungserklärung leistet und Popetown nicht sendet. Nehmen wir an, MTV gibt diese Erklärung nicht ab, die Frist läuft aus, und nächsten Mittwoch läuft die erste Folge Popetown. Was wäre Deine Idealvorstellung; was soll passieren, nachdem die Sendung gelaufen ist?

Ich seh' es ja so, wie es im offenen Brief vom BDKJ stand: Glückwunsch, MTV. Ihr habt eine gute PR-Kampagne gemacht, geil gemacht, perfekt gemacht. Ich hoffe nur, dass die Kampagne letztendlich nicht so perfekt funktioniert. Ich hoffe natürlich, dass die Quote nicht die Allerbeste wird, schon rein satire-mäßig: "Pech gehabt, MTV, das war der falsche Schuss." Ich wünsche mir, dass danach was zurückkommt von den Jugendlichen, die das geguckt haben, und eben gerade nicht von den Kirchenoberen, die in der Serie karikiert und satirisch behandelt werden. Jugendliche können zwischen Satire und verletzender Geschmacklosigkeit unterscheiden, und ich hoffe sie melden sich danach bei MTV und sagen "Hey, das ist mir zu viel. Hört damit auf. Punkt." Das muss keine Massenbewegung sein, aber so viel und genau von ihrer Zielgruppe, dass MTV ins Nachdenken kommt. Und dann wäre es natürlich gut, wenn es auch die Firmen, die um Popetown herum Werbung schalten, merken, dass es wirtschaftlich keine hervorragende Geschichte ist, dass es ihrer Firma schadet. Und von mir aus darf Popetown dann auch gerne sang- und klanglos auslaufen.

Mehr dazu:

  • Thomas Braunstein ist 42, kommt aus Mahlberg bei Freiburg und ist seit 2002 Geistlicher Leiter der KjG im Diözesanverband Freiburg, eine Stelle an die er von Jugendlichen bereits zum dritten Mal gewählt wurde. Dort arbeitet er in einem paritätisch besetzten Team mit 3 Frauen und 2 weiteren Männern.
  • Die KjG im Diözesanverband Freiburg hat rund 10.000 jugendliche Mitglieder und ist damit der stärkste KjG Diözesanverband Deutschlands. Die Mitgliederzahl ist gleich bleibend hoch.