Glamour-Fotos fürs Facebook-Profil: Zu Besuch bei einem Fotoshooting im Wald

Cristina Morales, Manuel Lorenz & Carolin Buchheim

Wer ein Facebook-Profil hat, kennt die Fotogalerien: Junge Männer und Frauen – vor allem Letztere – lassen sich perfekt gestylt und meist in verträumten Posen in der Natur fotografieren. Die glamourösen Porträtfotos erzielen in den sozialen Netzwerken oft Hunderte von Likes und Kommentaren. Wie so ein Shooting abläuft und was ein Profi-Fotograf und ein Soziologe dazu sagen:



Milla Dorst kniet auf den bunten Blättern, die den Boden in einem Waldstück im Freiburger Stadtteil Rieselfeld bedecken. Ihre roten Haare glänzen in der Wintersonne, und ein Ast mit letzten Laubresten wirft einen Schatten auf ihr Gesicht. Milla hebt ihren Arm über den Kopf.

„Das sieht zu gestellt aus! Schau so, als würdest du auf jemanden warten!“, ruft Fotografin Ana Happel ihrem Model von hinter der Kamera aus zu. „Wer wartet denn schon auf jemanden im Wald?“, antwortet Milla, und ihre Mundwinkel verziehen sich zu einem Grinsen, das schließlich in einem Lachen mündet. Für einen kurzen Moment unterbrechen Fotografin und Model das Shooting, Ana stellt das Stativ neu ein. Milla nimmt ein paar dünne Äste vom Boden und zerbricht sie nacheinander. Ana beobachtet sie beiläufig und sagt halbernst: „Toll! Jetzt ist meine Idee fürs nächste Foto im Arsch!“

Beide lachen.

Die 16-jährige Ana Happel hat schon mehr als 50 Jungs und Mädchen vor ihrer Kamera gehabt. Früher hat die Schülerin der Angell Akademie ausschließlich Freundinnen fotografiert, aber dann meldeten sich immer mehr fremde Mädchen bei ihr. Seitdem betreibt sie das Fotografieren als Nebenjob und bessert damit ihr Taschengeld auf. „Anfangs hab’ ich nichts dafür verlangt“, sagt die Freiburgerin. „Aber einige Leute haben es nicht ernst gemeint und sind nicht zum Shootingtermin gekommen.“ Inzwischen verlangt Ana für ein Outdoorshooting taschengeldfreundliche 20 Euro, für Studioaufnahmen 40 Euro.

Die Ästhetik: Gegenlicht

Der Profi-Fotograf Markus Ruf aus Freiburg berechnet seinen Kundinnen und Kunden oftmals ein Zehnfaches. „Facebook ist auch für mich ein wichtiger Werbekanal“, sagt der 31-Jährige. „Ich erhalte auf meine Bilder hin aber immerwieder Anfragen von Leuten, denen nicht klar ist, wie viel Fotoarbeiten eigentlich wert sind, weil junge Fotografinnen und Fotografen für so geringe Tarife oder umsonst arbeiten.“

Schlechtreden will er die Bilder der Jungfotografen, die „mit kleiner Spiegelreflexkamera und 50mm-Festbrennweite losziehen“, aber keinesfalls. „Auch jemand sehr junges kann hammermäßig gute Fotos machen.“ Er schätzt die Leichtigkeit in den Bildern, auch wenn konservative Fotografen sicher über extreme Farbschemata oder Überbelichtung meckern würden. „Die Jugendlichen probieren Sachen aus, fangen Stimmungen ein. Um das hinzukriegen, muss schon eine gewisse Kreativität da sein. Ihr Publikum schaut die Bilder ja gerade wegen dieser Ästhetik an.“



Ana (Bild oben) ist bei ihren Fotos wichtig, dass sie natürlich wirken. Sie erzählt von einem Mädchen, das zu einem Shooting so viel Gepäck mitgebracht hat, als würde sie im Anschluss verreisen wollen. „So viele Outfitwechsel braucht man doch gar nicht“, sagt sie.

Inspirieren lässt sie sich für ihre Fotos von Fotografen, deren Arbeiten sie in sozialen Netzwerken verfolgt – zum Beispiel von der 18-jährigen Waldkircherin Lara Wernet, die im Internet als „Farbenflut Photography“ firmiert. Ideen für Shootings kommen Ana oft beim Spazierengehen. „Ich frage mich, wie sich die Person fühlen würde, wenn sie hier wäre.“ Milla hat Ana schon mehrfach im Wald fotografiert: „Ihre natürliche Erscheinung passt so gut zur herbstlich-winterlichen Umgebung.“ Für das nächste Bild hat sie spontan eine neue Idee: Milla legt sich auf einen umgefallenen Baumstamm und blickt verträumt in die Kamera.

Schönheit schafft Aufmerksamkeit

Für den Freiburger Soziologen und Unterhaltungswissenschaftler Sacha Szabo sind solche Bilder eine Reaktion junger Menschen auf den immer öffentlicheren Charakter der ursprünglich privat gedachten sozialen Netzwerke wie Facebook. Szabo nennt das „optimierte Selbstdarstellung“: „Wenn Jugendliche in diesen Netzwerken glamouröse Fotos von sich verbreiten, sind sie selbst die Aktiven – oder glauben dies zumindest.“

Dass dies vor allem Frauen im Teenie-Alter tun, sieht er als eine Art „präemanzipatorische Romantik“ – Schönheit als verhältnismäßig machtloses Kapital, das einst dem Weiblichen zugeordnet war. „Insofern akkumulieren hier Nutzerinnen das symbolische Kapital Schönheit, indem sie sich von ihren Freundinnen und Freunden bewerten lassen“, sagt Szabo. Die Schönheit aber würde durch die Likes und Kommentare in Aufmerksamkeit umgewandelt, und Aufmerksamkeit sei Kapital. „Die jungen Frauen bewirtschaften das Kapital, das ihnen zur Verfügung steht. Sie handeln wie Marktteilnehmerinnen und bemühen sich, den Ertrag zu optimieren und eventuell Gewinn daraus zu ziehen.“

Das Outdoorshooting neigt sich dem Ende zu. Für ein paar letzte Bilder dreht sich Milla um ihre eigene Achse und lacht. Die Nachmittagssonne bringt ihre unzähligen Sommersprossen hervor. „Oh Gott! Ich liebe es!“, sagt Ana immer wieder. Sie ist sichtlich zufrieden mit ihrem heutigen Model. Drei Spaziergänger laufen an den Mädchen vorbei und mustern die Szenerie mit neugierigen Blicken. Sie lächeln, tuscheln,gehen weiter. Ana und Milla sind nicht aus der Ruhe zu bringen und fotografieren gut gelaunt weiter.

Ana Happel ist die Tochter eines Kameramanns und einer Hochzeitsfotografin. Schon als Kind begleitete sie ihre Eltern auf Hochzeiten und probierte sich dabei fotografisch aus. Die technischen Kenntnisse der Fotografie haben ihr ihre Eltern beigebracht.„Fotografie ist das, was mich hochbringt und glücklich macht, wenn es in der Schule stressig ist“, sagt sie. Anas Traumberuf ist aber nicht Fotografin, sondern Filmregisseurin – am liebsten in Berlin. Bis es soweit ist, filmt sie mit ihrem Vater auf Hochzeiten und schneidet die Filme zum Teil noch am selben Tag.

Für Model Milla ist das Shooting nur ein Zeitvertreib, sie stand bei Ana zum ersten Mal vor der Kamera. „Ich habe nie in Erwägung gezogen, Model zu werden“, sagt sie. „Wenn man im Fernsehen sieht, wie die sich ernähren müssen: Das ist überhaupt nicht mein Ding.“ Man glaubt ihr: Nach dem Shooting geht siezur nächsten Dönerbude und kauft sich erst mal einen Yufka.



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Foto-Galerie: Ana Happel

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