Ghostrider - der aberwitzigste Motorradfahrer der Welt

Markus Hofmann

Er nennt sich Ghost Rider, macht halsbrecherische, illegale Stunts und ist der aberwitzigste Motorradfahrer der Welt. Niemand weiß, wer sich unter dem schwarzen Helm verbirgt. Fast niemand. Vor gut zwei Jahren habe ich den Ghost Rider in Stockholm besucht. Auf fudder lest ihr die Reportage, die damals im Playboy erschienen ist. Special: Auf Google Video könnt ihr euch eines seiner Videos anschauen. Bitte unbedingt beachten: Never try this at home!



Die Polizisten im Streifenwagen wirken wie Vollidioten bei dieser Verfolgungsjagd und sind nur Statisten. Vor ihnen heizt ein pechschwarzer Motorradfahrer auf der Autobahn. Ohne Nummernschild. Er verhöhnt die Polizei. Er fährt viel zu schnell für sie. Irgendwann hebt der schwarze Biker die Hand zum höflichen Gruß und verschwindet. Eine Kamera blendet den Tachometer ein: 299 Stundenkilometer, und dies bei dichtem Verkehr. Der Mann auf dem Motorrad brettert an Autos und Lastwagen vorbei. Selbst bei diesem Tempo fährt er Wheelies auf einem Rad und Slalom wie auf einer Skipiste. Manchmal passt kaum eine Scheibe Knäckebrot zwischen ihn und die anderen Fahrzeuge.


Diese Szenen stammen nicht aus einem Playstation-Spiel, sie sind echt. Ein schwedischer High-Speed-Biker ist der irrwitzigste Motorradfahrer der Welt. Er nennt sich Ghost Rider. Noch irrwitziger ist, dass er diese Höllenfahrten filmt. Vor vier Jahren kam seine erste DVD auf den Markt: „Ghost Rider – The Final Ride“ (Film: Google Video). Eine Fortsetzung folgte in 2003. Er verkauft Zigtausende, weil sich per Mond-Propaganda herumsprach, dass auf den DVDs unfassbare Fahrten zu sehen sind. Höhepunkt: ein Höllenritt auf der Autobahn von Stockholm ins 70 Kilometer entfernte Uppsala in weniger als 15 Minuten – also mit einem Durchschnittstempo von 240 Stundenkilometern, vorbei an Lastwagen und Autos. Wahrnwitz, der beim Zuschauer Herzrasen verursacht  (Info: Ghostrider-germany.de).Im November 2004 erschien der dritte Teil: „Ghost Rider goes crazy in Europe“. Neue Strecken, noch mehr Tempo und noch mehr Action. Zum ersten Mal mit illegalen Fahrten in Deutschland.

Der Ghost Rider ist nicht nur der verrückteste Motorradfahrer dieser Tage, er ist auch der meistgesuchte: Würde die schwedische Polizei ihn erwischen, droht der Knast. Nur wenige Freunde wissen, wer sich hinter dem schwarzen Motorradhelm verbirgt. Der Ghost Rider ist ein Mythos.

Unsere Reise nach Schweden ist die Suche nach einem Phantom. Das Einzige, was der Ghost Rider von sich preisgibt, ist eine Handynummer: „Ruft an, sobald Ihr in Stockholm seid. Wir holen Euch ab.“ Doch an diesem Freitag nimmt unter der Nummer niemand ab. Irgendwann meldet sich eine Frau – Ghost Rider ist im Krankenhaus.Täglich kursieren in den Biker-Foren im Internet Gerüchte, der Ghost Rider sei an einem Brückenpfeiler zerschellt. Hat es ihn ausgerechnet heute erwischt? Zwei Stunden vor Mitternacht ein Lebenszeichen: „I’m sorry! Ein Notfall, meine Mutter! Heute klappt’s nicht mehr. Morgen früh um zehn.“ Am nächsten Morgen stoppt ein Subaru vor dem Hotel. Das Phantom ist da. Auf der Beifahrerseite steigt Stig aus dem Auto, ein Helfer des Filmteams. Am Lenkrad sitzt ein Mann mit einem schwarzen Kapuzenpulli. Er stellt sich als Mika vor. Auf dem Kapuzenpulli ein Schriftzug: Ghost Rider. Er ist es! Und Mika ist kein pubertierendes Crashkid, sondern ein erwachsener Mann weit über 30. Ein drahtiger Kerl mit der Muskelkraft eines Eishockeyspielers und gletscherwasserblauen Augen und schlohweißen Haaren.

In Wirklichkeit heißen Mika und Stig anders. Doch unser Treffen kam nur unter einer Bedingung zu Stande: keine Namen, keine Fotos ohne Helm. Der schwarze Helm mit dem düsteren Visier, das ist ein Markenzeichen des Ghost Riders. Wie auch die pechschwarze Lederschutzkleidung. Ähnlich unheimlich muss Darth Vader auf zwei Rädern aussehen. In den Bars von Stockholm kennen fast alle die wahnwitzigen Abenteuer dieses Highway-Zorros. In Bikerkreisen erzählt man sich, der Ghost Rider habe Familie. Darüber spricht der Maskenmann nicht.

Am späten Vormittag lotst Mika uns auf einer schwarzen Suzuki durch die sonnige Herbstidylle der schwedischen Mischwälder südlich von Stockholm. Dort befindet sich der still gelegte Militärflugplatz, den die Polizei heute als Hundeübungsgelände nutzt . Auf der alten Landebahn trainiert Ghost Rider manchmal, hier zeigt er uns seine Tricks. Schon seit 30 Jahren macht Mika Motorsport, früher ist er Rennen gefahren. Wenn Mika nicht Ghost Rider ist, übt er einen richtigen Beruf aus. Welchen, verrät er nicht. Er nennt dies nur „my other life“ – mein anderes Leben.



Irgendwo am Stadtrand von Stockholm liegt sein Versteck. In einer spießigen Wohngegend mit spießigen Familienhäusern und vielen Gartenzäunen. In einer Garage stehen die Motorräder. Eine Suzuki GSX-R-1000, die er in den Filmen fährt. Und die Hayabusa (Foto oben), das schnellste Motorrad der Welt, das Mika mit einem Turbo hochgezüchtet hat: 499 PS am Hinterrad. Mit allen Extras und Eigenkonstruktionen hat Mika 25.000 Euro in seine Maschine investiert. Um auf 300 Stundenkilometer zu beschleunigen braucht Mika 9,2 Sekunden. Das halten selbst die Spezialreifen der Hayabusa nicht lange aus – bei den Dreharbeiten wechselt Mika deshalb schon nach 80 Kilometern die Reifen. Auf einem Highway hat Mika einmal die 400er-Grenze geknackt. Doch die Reifen fingen bei 440 km/h an, sich aufzulösen - er bekam die Maschine gerade noch so zum Stehen. Er wird es nie wieder tun: „Zu gefährlich.“ Selbst in der Garage wirkt dieses Zweirad bedrohlich wie ein Marschflugkörper.



Es gibt viele aberwitzige Szenen in den Filmen. Aber auch viel Ironie und Slapstick. Auf der ersten DVD ist der schwedische Königspalast zu sehen. Gegenüber im Grand Hotel, am anderen Ufer des Sees, filmt ein Kameramann, wie Ghost Rider vor dem Palast ein monströses Burn-out fabriziert. Der Wachsoldat fürchtet einen Angriff und zückt sein Gewehr. Dann verhüllen ihn die Rauchschwaden der Gummireifen. Oft ist der Ghost Rider auch mit skurrilen Vehikeln unterwegs, mit Snowmobilen und einem BMX-Fahrrad für Kindergartenkinder. In voller Motorradkluft ließ er sich einmal auf diesem Fahrrad in einer Tempo-30 blitzen – und anschließend von den Verkehrspolizisten rügen. Um tatsächlich dem Richter vorgeführt zu werden, müsste der Ghost Rider – so ist das schwedische Recht – bei einem schweren Delikt in flagranti gefasst werden. Und nur weil Mikas Action-Orgien nach dem Gesetz keine Straftat, sondern eine Ordnungswidrigkeit sind, dürfen sie auf einer DVD vertrieben werden.

Alle Action-Fahrten werden vor dem Dreh geplant, sofern dieser Wahnsinn planbar ist. „Wir versuchen, alles so sicher zu machen wie möglich“, sagt Mika. Mehr als zehn Helfer sind an Drehtagen im Einsatz. Vor der Performance wird die Strecke abgefahren, um sich vor Fahrbahnschäden und Ölspuren zu wappnen. Ein Spion belauscht den Polizeifunk. Kameramänner postieren sich an Brücken und Tankstellen oder filmen aus fahrenden Autos. Die spektakulärsten Bilder liefern aber fünf feuerzeuggroßen FingerCams, die am Motorrad montiert sind. Zum Beispiel am Tank, so dass zugleich die Geschwindigkeit auf dem Tacho und das Blickfeld des Fahrers aufgenommen wird. Man kennt diese Perspektive aus dem 3D-Kino eines Erlebnisparks, wo Achterbahnen Schienenschluchten hinabstürzen. Allein: Ghost Rider fährt nie auf Schienen.

Selbst bei Tempo 350 scheint Mika ein furchtloses Wesen zu sein. Ist er aber nicht: „Um solche Dinge  zu machen, muss man auch Angst verspüren. Die Angst in dir ist dein bester Freund.“ Die Angst zum Beispiel, dass einem Unbeteiligten etwas zustoßen könnte. „Das wäre eine Tragödie.“ Schließlich kann der Ghost Rider bei jeder Jagd zum Mörder werden. Deswegen warnt er auf seiner Webseite alle davor, diesen Tempo-Irrsinn zu imitieren. Mika hatte Freunde, die auf dem Motorrad ihr Leben verloren haben. „That’s life“, sagt er später in einem Café. Das klingt gedankenlos. Doch bei diesem Interview wirkt der Ghost Rider nicht wie ein seelenloses Monster. Eher wie ein Besessener, der sich einredet, auch extreme Szenarien kalkulieren zu können. Vielleicht ist irgendwann sein eigener Tod auf einer DVD zu sehen ist.

Seit einigen Wochen läuft eine Comicverfilmung mit Nicholas Cage in den Kinos, der Titel heißt  „Ghost Rider“ (Trailer). Der Comiczeichner Marvel hat hier die Geschichte eines Motorradstuntmans erzählt, der einen Pakt mit dem Teufel schließt, um seinen schwer kranken Lehrmeister zu retten.

Video: Ghostrider: The Final Ride

http://video.google.com style="width:391px;height:320px" allowfullscreen="true" allowscriptaccess="always" type="application/x-shockwave-flash">

Man könnte nun glauben, die Abenteuer des verrückten Schweden entstammen den Köpfen cleverer Marketing-Strategen in Hollywood, die das Thema im Vorfeld absatzwirksam platzieren wollen. Guerrilla-Marketing also. Der echte Ghost Rider sagt dazu: „Wir haben keinen Deal, aber wir würden durch solch einen Hollywood-Movie sicherlich viele DVDs verkaufen.“



Bereits jetzt macht er gute Geschäfte. Weltweit wurden von den Filmen mehr als 100.000 DVDs verkauft, schätzen Insider. Die meisten davon in Deutschland. Dagegen ist das Budget des neuen Films vergleichsweise klein: 50.000 Euro, ohne die Motorräder. Nach Sonnenuntergang wird die Stadtautobahn Stockholms von Flutlichtmasten beleuchtet. Mika sitzt wieder am Lenkrad des Subarus und bringt uns zum Hotel. Und als wolle er beweisen, dass seine Filme weder Fake noch Hollywood-Marketing sind, tritt er plötzlich das Gaspedal durch. Ein Überholmanöver mit Tempo 200 – Mika fährt Slalom wie im Film. Vom Standstreifen auf die  Überholspur auf den Standstreifen. „Soll ich rechts oder links vorbei – entscheide dich schnell!“ Nachdem das dritte Auto im Rückspiegel verschwindet, muss Mika in die Eisen steigen. Vollbremsung. Keine wirklich aufregende Sache für den Ghost Rider: „Hey, das war nur kleiner Spaß. Aber du hast dir ins Höschen gemacht, stimmt’s?

Mehr dazu: