Ghana–Deutschland im Schwarzen Diamanten

Manuel Lorenz

WM Fieber im Schwarzen Diamanten in Zähringen: Wir haben die vermeintlich afrikanischste aller Freiburger Pinten aufgesucht, um dort das Spiel Ghana gegen Deutschland zu verfolgen. Der Abend verlief dann anders als geplant. Aber lustig war's trotzdem.



Verkehrte Welt. In der afrikanischsten Kneipe Freiburgs, dem „Schwarzen Diamant“ in Zähringen, bin ich umgeben von Urdeutschen. Ich könnte genauso gut in einer Eckkneipe in Berlin-Lichterfelde sitzen – neben mir vier rüstige Bobbele, an der Bar die üblichen Kiezgestalten. Die einzige Afrikanerin steht hinter dem Tresen: Assana, die Wirtin.


Was hatte ich mir auch gedacht? Ich hätte in den Eschholzpark gehen sollen oder sonst wohin. Aber nein, ich wollte dem Gastkontinent der WM auf den Zahn fühlen, hatte klischeehafte Bilder von tanzenden, mit der Zunge schnalzenden Exilafrikanern vor meinem inneren Auge, das, was die Medien einem seit Wochen tagein, tagaus ins Hirn schütten, stellte mir vor, dass bei jedem ghanaischen Tor suppiges Frei-Mbege ausgeschenkt würde, dazu irgendwelches exotisches Fingerfood aus Süßkartoffeln oder Kochbanane – das ganze stereotype Programm halt. Spätestens aber, als die Deutschen in Schwarz und die Black Stars in Weiß auflaufen, ist mir klar, heute ist alles andersherum.


„Des isch der brutalschte,“ kommentiert der Skatbruder neben mir Kevin-Prince Boateng, den die Kamera nicht lange genug ins Bild fassen kann. Der Prügelprinz und Rasenrambo, dessen brutale Spielweise jedes Match zu einem K.O.-Spiel werden lässt. Alle mussten sie ihn porträtieren, von der ZEIT bis zur Süddeutschen Zeitung. Zu ergiebig war die Story vom ungleichen Bruderpaar: dem bürgerlichen, vorbildlich integrierten Jérôme und dem widerspenstigen Ghetto-Kid Kevin-Prince. Fast biblisch, wie bei Kain und Abel. Bloß, dass Kevin-Prince nicht seinen Stiefbruder sondern dessen Mannschaftskameraden Michael Ballack erschlug. Heute kann er alles Richtig machen, denn: Löw stellt tatsächlich Jérôme auf den Platz.

Die Partie geht los, ich bestelle ein Bier. Sechs afrikanische Gerstensäfte hat Assana im Angebot, und da ich – noch – das Afrika-Feeling forcieren will, nehm’ ich eins aus Togo. Alle anderen trinken Fürstenberg.



Zwei Asiaten haben mittlerweile in den „Schwarzen Diamanten“ gefunden und, ich traue meinen Augen kaum, auch zwei Afrikaner. Sie ziehen sich in eine Nische zurück und lächeln nur selig, wenn Ghana zu einer Chance kommt. Die Deutschen sind genauso reglos, trinken ihr Bier und rauchen. Sie haben schwarze T-Shirts an, mit bunt blinkenden Deutschlandfahnen. Schräg, denke ich, und frage, woher sie das Gadget hätten. Vor vier Jahren hätten sie’s irgendwo aufgetrieben und seitdem sei das quasi ihr Fantrikot. Jeder Raver würde vor Neid erblassen.

„Jesses Gott!“ und „Herrgott sack!“ entfährt es meinem Nebenmann. Langsam kommt nicht nur die Partie sondern auch er in Fahrt und macht mit seinen Flüchen jedem Süditaliener alle Ehre. Die Skatbrüder tauen auf. „Du bisch au’ zum erschten Mal do,“ wird mir gegenüber festgestellt. Ja, gestehe ich. Man hat mir gesagt, hier sei was los, hier könne ich was erleben. „Haja, vielleicht komme’ se ja no’,“ wobei nicht klar ist, wer mit „sie“ gemeint ist.

Vielleicht das illustre Trio, das irgendwann die Kneipe betritt. Ein Russe, ein Marokkaner, ein Deutscher. Der Russe fängt sofort an, das Spiel zu kommentieren. 26. Minute, Lahm rettet auf der Linie. „Der scheiß Neuer! Zum Ball gehen!“ höre ich von links. „Njicht scheiße,“ hält der Russe entgegen. „Jist locker. Jist von Schalke.“ Fünf Minuten später schläft er ein. Im Sitzen. Bis zum Ende des Spiels.



Halbzeit. Hans-Peter aus Wildtal spricht mich an: „Den Ghanelen geht die Puste au’ ned aus.“ Beipflichtung, Smalltalk, Spielanalyse. Dann meine Frage, wo denn die ganzen Afrikaner heute seien. „Die sin’ schlaff,“ antwortet er. „Die komme’ nie zu die Spiele.“ Und warum er in den Schwarzen Diamanten komme? „Um mit der Assana Französisch z’schwätze.“ Hans-Peter trägt ein Poloshirt mit Argentinien-Aufdruck, unter dem ein argentinisches Fußballtrikot hervorlugt. Was es damit auf sich habe, will ich wissen. „Ich bin gern in Spanien,“ bedeutet er mir – und ich versuche, die Logik zu verstehen.



Zweite Halbzeit, jetzt muss was passieren! Nur, Deutschland scheint ideenlos. „Mon dieu,“ flucht Hans-Peter zu meiner Rechten und setzt noch ein weltbürgerliches „Madre mia“ drauf. Dann: die 60. Minute. Özil wird von Müller zentral angespielt, nimmt Maß und semmelt das Ding mit links in den Winkel! Das reißt sogar die Skatfreunde vom Hocker, lässt sie in die Vuvuzela tröten und gleich noch mal ein Pils bestellen. „Des isch gelungene Integration,“ meint Hans-Peter; der Russe träumt immer noch von langbeinigen Moskowiterinnen.


Doch Ghana erzielt noch fast den Ausgleich. „C’est pas possible!“ entäußert Assana. „Soviel Pech,“ pflichtet ihr der Marokkaner bei, der parallel am Spielautomaten zockt.



Dann ist’s aus und Deutschland ist weiter. Ghana auch, doch das scheint hier egal. Ich zahle und verabschiede mich und suche mein Afrika anderswo. In der Innenstadt. Hölle, Autokorso. Und inmitten des schwarz-rot-goldenen Meeres eine einzelne ghanaische Siegesflagge.

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