Gewichtshalbierung auf Wolke sieben

Eva Hartmann

Mal wieder hat Gewichtshalbiererin Eva länger nichts von sich hören lassen. Diesmal hat sie aber wirklich einen richtig guten Grund: Sie hat sich verliebt. In ihrer heutigen Blogfolge erzählt sie deshalb von Schmetterlingen im Bauch - und von Schranken im Kopf.



„Hab'sch da vorrin rit'sch jehört?“ fragt die altbekannte Kassiererin der Drogerie hinter der Uni, „hamse jesacht, se wolltn det für „ihr'n Freund“ koofn? Den jibt's aber och noch nich so lange, wie? Der's wohl och erst jetzt jekomm', wo se soviel abjenomm' ham“.


Ganz schön ungewohnt, nach wasweißichwievielen Jahren wieder einen „Freund“ zu haben und Sätze zu bilden, in denen man sowas wie "mein Freund" sagt und von "wir" und "uns" redet. Seit sechs Wochen bin ich jetzt so richtig glücklich verliebt und kann mich noch immer nicht so recht daran gewöhnen. Auch habe ich deshalb recht lange mit der neuen Blogfolge gewartet, weil ich mir nicht sicher war, ob so ein privates Thema wie eine neue Beziehung überhaupt hierhergehört. Mittlerweile bin ich mir dessen recht sicher, denn ich glaube, dass die neue Liebe tatsächlich so einiges mit meinem Gewichtsverlust zu tun hat.



Während der letzten Jahre hatte ich mich – unter zelebrativer Selbstbemitleidung - schon fast damit abgefunden, dass ich einfach zu fett bin, als dass ich jemandem gefallen könnte. Aussehen ist, auch wenn viele das immer abstreiten, eben doch nicht ganz unwichtig, und ab einem gewissen Maß des Übergewichts wird es recht schwer, die äußerlichen Unzulänglichkeiten mit inneren Werten wieder wettzumachen. Nicht, dass das theoretisch nicht möglich wäre – es interessierte sich während der letzten Jahre nur keiner dafür, wie zuverlässig, ehrlich oder lustig ich bin oder wie gut ich Socken stricken oder Glühbirnen wechseln kann, weil ich alleine schon aufgrund meines körperlichen Umfangs rein optisch das Beuteschema nicht mehr erfüllte.

Klar, es gibt ganz sicher Ausnahmen. Aber in der Regel, möchte ich behaupten, ist es eben doch so. Darin bestätigt sehe ich mich zum Beispiel dadurch, dass sich proportional zu meinem Gewichtsverlust während der letzten Monate immer mehr Menschen für mich zu interessieren begannen. Ich hab mich noch immer nicht daran gewöhnt, dass Leute mich nett angucken und anlächeln, obwohl ich nun nicht mehr übermäßig fett bin, keinen offenen Reißverschluss, keinen Fleck auf dem Pulli habe und auch zwei zueinander passende Schuhe an den Füßen trage.



Seit den letzten 10 Kilo interessieren sich mehr Männer (und Frauen!) für mich, als je zuvor. Weil der Blick auf die vielbeschworenen „inneren Werte“ ja so viel leichter fällt, wenn das Äußere schon einigermaßen ansprechend aussieht, unterstelle ich. Das ist ziemlich ungewohnt und so sehr es schmeichelt, ich fühle mich noch nicht so recht wohl dabei. Ich muss erst noch üben, diesen nettgemeinten Blicken nicht mehr mit der aggressiven und ablehnenden 107,5-Kilo-Mine entgegenzutreten.

Andererseits musste ich leider feststellen, wie sehr diese Fixierung auf Äußerlichkeiten durch die eigenen Abnehmerfolge und durch all die schönen Körper, die man im Fitnessstudio so zu sehen bekommt, auch auf mich übergegriffen hat. Einer von denen, die zunächst nur guckten, hat sich dann nämlich tatsächlich in mich verliebt. Und das passierte natürlich genau jetzt, wo ich halbwegs nett aussehe, und nicht vor einem Jahr, als ich noch fett war. Was ich dazu während der letzten Wochen sehr oft gehört habe, war der Hinweis, dass das ja gar nicht an meinem Äußeren, sondern hauptsächlich daran läge, dass sich mein Selbstbewusstsein geändert habe: Weniger Kilos, mehr Selbstbewusstsein. Mag sein, dass das eine Rolle spielt. Aber ich glaube nicht, dass das alleine dafür verantwortlich ist.



Das konnte ich übrigens auch sehr anschaulich an meiner Reaktion auf diesen Menschen feststellen. Denn dass er äußerlich zunächst überhaupt nicht mein Typ war, lag auch daran, dass er einige Kilos zuviel mit sich herumträgt. Beschämend. Ausgerechnet ich, selber jahrelang der Mops vom Dienst gewesen und noch immer nicht wirklich schlank, störe mich daran, dass jemand übergewichtig ist. Zum Kotzen. Glücklicherweise hielt diese Irritation nur kurz an, denn er konnte mich dann doch davon überzeugen, dass er in etwa der tollste Mann auf der ganzen Welt ist, trotz – oder gerade wegen? – seines Bauches. Ich mag seinen Bauch. Und er meinen.

A propos Bauch: Der einzige Nachteil an diesem Verliebtsein ist, dass ich meinen Sport ganz sträflich vernachlässigt habe. Anstatt regelmäßig Kalorien zu verbrennen, habe ich mir fleißig welche angefuttert – der Mann und ich haben leider beide eine ziemlich große Schwäche für Schokolade und Ben&Jerrys- Eis. Wundersamerweise habe ich aber nur ein einziges Kilo zugenommen, kein Weltuntergang also. Meinen Plan, noch dieses Jahr unter die 80-Kilo-Marke zu kommen, werde ich deshalb aber nun wohl nicht mehr schaffen.  Das ärgert mich zwar etwas, lässt sich aber verschmerzen. Dann erreiche ich dieses Ziel eben etwas später – die neue Liebe ist es allemal wert!

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