Gestatten: Hönke, Eishockeytorwart beim EHC Freiburg

Manuel Lorenz

"Eishockeytorwarte haben alle einen an der Klatsche", sagt Fabian Hönkhaus. Der 21-Jährige muss es wissen: Er ist selbst Goalie beim EHC Freiburg und spielt dort mittlerweile seine fünfte Saison. fudder-Redakteur Manuel hat die Aussage neugierig gemacht. Und so hat er sich auf die Suche nach dem Verrückten im "Hönke" begeben.



Auf den ersten Blick: keine Anzeichen von Irrsinn. Aber auch: keine Anzeichen von Fabian Hönkhaus. Die Schutzausrüstung verhüllt jegliche Körpermerkmale, die Maske verhindert den Blick ins Gesicht. Man kann nur erahnen, wer unter all dem steckt. 1,77 Meter groß, 87, Kilo schwer. Kommt hin. Muss er sein. Auch die Maske des EHC-Torwarts ist alles andere als verrückt: Sie erinnert weder an Hannibal Lecter, noch an Jason aus „Freitag der 13.“. Hinten ist sie blau, über ihre Vorderseite zieht sich ein magentafarbenes Ahornblatt – eine Reminiszenz an die kanadischen Ursprünge des Eishockeys. Kein Wolfskopf, der seinen Schlund aufreißt, um dem Gegner zu drohen und ihm Angst einzujagen.


Früher, in den Anfangszeiten des Eishockeys, trugen Torwarte noch keine Maske. Vielleicht rührt daher ihr Ruf, lebensmüde zu sein. Immerhin wiegt ein Puck circa 160 Gramm und erreicht Geschwindigkeiten von bis zu 170 Kilometern pro Stunde. Das war damals sicher nicht viel anders. Die Folge: immer wieder Platzwunden und Knochenbrüche im Gesichtsbereich. Und Zitate wie jenes der kanadischen Torwartlegende Patrick Roy: „Die furchterregendste Sache ist es, deine Maske zu verlieren.“

Vielleicht verbirgt sich das Verrückte im „Hönke“ – so Fabians Spitzname – ja in seiner persönlichen Eishockeygeschichte. Diese klingt aber eher idyllisch als schräg: Als Fabian fünf ist, fahren seine Eltern mit ihm zum Winterurlaub an den Chiemsee. Der ist zugefroren, und auf ihm spielen Kinder Eishockey. Fabian will sofort auch, und ein paar Tage später gehen seine Eltern mit ihm zum damaligen Topspiel Rosenheim gegen Köln. Da ist’s endgültig um ihn geschehen. Zurück zu Hause, in Wipperfürth im Bergischen Land, fährt seine Mutter ihn jeden Tag nach dem Kindergarten an einen zugefrorenen Weiher, wo er Eislaufen lernt. Dann melden ihn seine Eltern beim Eishockey an: zuerst in Köln, dann in Wiehl, wo er sich mit sechs zum ersten Mal ins Tor stellt. Mit 14 wechselt er dann nach Iserlohn.

Es ist doch so: Wenn jemand zulange alleine ist, fängt er an, mit sich selbst zu sprechen. Das muss aber nicht gleich heißen, dass er den Verstand verloren hat. Und Fabian spricht nicht mit sich selbst, da draußen, auf dem Eis, im Tor, sondern mit seinen Abwehrspielern, die er zurechtweisen muss, wenn sie falsch stehen. Er ist der einzige, der das Spielfeld ganz im Blick hat. Er muss das Spiel lesen und von hinten ordnen.



Und alleine ist er auch nicht die ganze Zeit über, auch wenn es für Außenstehende so aussieht: Während die Feldspieler beim Training herumwuseln und Schabernack miteinander treiben, steht Fabian unbeweglich zwischen den Pfosten. Unbeweglich? Na ja, er trägt halt eine 10.000 Euro schwere Ausrüstung, die ihn unbeweglich aussehen lässt und die sich bis auf die Schwitzunterwäsche komplett von der Ausrüstung der Feldspieler unterscheidet. Schlittschuhe, Beinschoner, Blocker, Fanghandschuh, Schläger, Brustpanzer, Maske. „Die vielen Bewegungen sieht man darunter halt nicht“, so Fabian. Verrückt? Eher nicht. Eher logisch, das alles.

Als der Iserlohner EC im Jahr 2007 seine Junioren auflöst, sucht Fabian in ganz Deutschland nach einem neuen Verein. Er ist 17, der EHC Freiburg spielt noch in der Oberliga – und Fabian wird sein dritter Torwart. „Das Umfeld stimmte, die Perspektiven waren bestens.“ Er wohnt im Internat des Olympiastützpunkts in der Karthäuserstraße – gemeinsam mit Fußballerinnen, Ringern und Triathleten. Drei Jahre später legt er an der Max-Weber-Schule sein Wirtschafts-Abi ab. Eigentlich will er jetzt mit dem Eishockey Geld verdienen. Aber noch während seines Zivis in der Röntgenstation des St. Josephkrankenhauses gehen die Wölfe insolvent. Fabians neuer Plan: neben dem Eishockey Geschichte und irgendwas auf Lehramt studieren. Aus irgendwas wird Theologie, und zum Wintersemester 2011/12 schreibt er sich an der Uni Freiburg ein.

Ein Eishockeyspieler, der studiert! Wie verrückt ist das denn! „Gar nicht“, sagt Fabian und zuckt mit den Schultern. Er kann daran nichts Besonderes finden. „Wenn man’s genau nimmt, muss man fürs Eishockey sehr intelligent sein.“ Spielverständnis sei beim Eishockey genauso wichtig wie Koordination, Technik, Geschwindigkeit und natürlich Fitness. Eishockey habe sich innerhalb der letzten Jahrzehnte stark entwickelt – genau wie Fußball. „Da haben mittlerweile auch viele ein Abitur und studieren.“ Und tatsächlich: Zumindest der EHC Freiburg bestätigt Fabians Aussage. Von 25 Spielern sind immerhin fünf an einer Hochschule eingeschrieben. Das sind ganze 20 Prozent. Und so eignet sich also auch der „Studi-Torwart“ nicht, um Fabian für verrückt zu erklären.

Auf dem Eis spielt sein Studium ohnehin keine Rolle. Hier gehen ihm keine Jahreszahlen durch den Kopf, keine Althebräischvokabeln und kein Kirchenrecht. Hier sieht er nur den Feldspieler am Mittelpunkt des Spielfelds. Der nimmt sich einen Puck und steuert aufs Tor zu. Penaltytraininig beim EHC Freiburg. Fabian geht in die Hocke und wartet. Er ist angespannt aber ruhig. Ruhe, das ist eine seiner wichtigsten Eigenschaften. Der Feldspieler kommt immer näher, und Fabian geht noch tiefer in die Hocke. Jetzt ist der Feldspieler kurz vorm Tor. Er legt sich den Puck auf rechts und zieht ab. Aber Fabian ist hellwach. Seine linke Hand schnellt nach links oben. Dann schaut er in seinen Fanghandschuh, sieht den Puck, lässt ihn aufs Eis fallen und schießt ihn weg.  „Hönke“ greift sich an die Maske und rückt sie gerade. Und entweder er verbirgt darunter erfolgreich, dass er ein ganz normaler verrückter Torwart ist. Oder das Verrückte ist, dass er ganz normal und dennoch erfolgreich ist.



Heute, Freitag, 3. Februar 2012, 20 Uhr, spielt der EHC Freiburg in der Franz-Siegel-Halle gegen die Heilbronner Eisbären.

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[Fotos: David Cibis]