Gesine Schwan: Die protestantische Katholikin und ihr Eintopf zur Integration

Alina Ganter & Levon Kaplanian

Vergangenen Montag war Gesine Schwan, die ehemalige Bundespräsidentschafts-Kandidatin und heutige Rektorin der Europa-Universitäts Viadrina Frankfurt an der Oder, zu Gast im Freiburger Rotteck-Gymnasium. Vor mehr als 200 interessierten Besuchern stellte sie sich im Rahmen der Talkshow-Reihe 'Nachgefragt' den Fragen von Lisa Brücher und Julian Jürgenmeyer. Alina Ganter und Levon Kaplanian haben für fudder ihre Eindrücke aufgeschrieben.



Der beliebte Seminarkurs Nachgefragt des Rotteck-Gymnasium lud in diesem Schuljahr schon zum dritten Mal zu einem unterhaltsamen Gespräch zwischen Schülern und Prominenz ein.


Dieses mal fand die Talkshow jedoch bereits um 9:30 Uhr und somit „zu einer ungewöhnlichen Zeit, an einem ungewöhnlichen Ort, aber mit einem außergewöhnlichen Gast“ statt. Anders als die vorangegangenen Gespräche fand dieses unter erschwerten Bedingungen statt: Von der Aula in den Musiksaal vertrieben herrschte zwar etwas Platzmangel, aber dafür eine umso intensivere Stimmung.

Lisa Bücher und Julian Jürgenmeyer, die beiden Moderatoren aus der zwölften Jahrgangsstufe, fragten die Politologin über verschiedenste Facetten ihres Lebens aus: Von der vom Widerstand der Eltern geprägten Kindheit über die Schulzeit am französischen Gymnasium in Berlin und dem Studium in Freiburg bis hin zum heutigen Alltag als Universitäts-Direktorin, die immer um die innereuropäische Verständigung bemüht ist.



Schnell wurde im Gespräch klar, dass Gesine Schwan stark von ihrer Kindheit und Jugend geprägt ist: Die Mutter strenggläubige Katholikin, die „immer unterwegs, immer in der Stadt war und entweder eine Frauen- oder eine Friedenspartei gründete“; der Vater Protestant, der zur Zeit des Nationalsozialismus ein jüdisches Mädchen versteckte und sich amüsierte, als die kleine Gesine von dem stinkenden Weihrauch in der Kirche berichtete.

"Für mich, subjektiv, war das eine ideale Art, aufzuwachsen."  Später, zur Zeit der 68er, hatte Gesine Schwan nichts mit Widerstand anfangen können, dessen Ziele zu sehr aus dem Negativen gezogen waren. Sie hatte unter anderem in Freiburg und Warschau zuerst Humanistik, dann aber Romanistik, Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft studiert. Frau Schwan wendete sich schmunzelnd an das meist junge Publikum: „Das ist lange her, da wart ihr alle noch im Vorhimmel.“ 

Ob die schlesische Herkunft ihre Mutter mit ihrer Begeisterung für Polen zu tun hätte? Ja, sicher!

Polen läge ihr sehr am Herzen, sagte Gesine Schwan und leitete damit den nächsten Gesprächsblock ein, denn kaum geantwortet holte Lisa Brücher ein schwarzes Säckchen von der Nebenbühne – der Angreifbar- in dem der Gast zwei Kartoffeln ertastete: Eine Anspielung auf die TAZ-Karikatur, die die Kaczynski-Brüder als Kartoffeln dargestellt hatte.

Zwar lese sie die TAZ, erzählte Frau Schwan, doch von diesem Beitrag hätte sie erst über einige Anrufe erfahren. Was sie von der Karikatur halte? Nicht viel, denn sie sei „nicht sehr intelligent“, sondern "kränkend und unsinnig".

Sie gab zu, dass es in Polen eine Regierung geben könnte, die sich besser mit Deutschland verständige: "Die Kaczynski-Brüder zeichnet ein hohes Misstrauen aus", und der Rückhalt in der Gesellschaft geht zurück. Zu einer neuen Regierung mochte sich der hohe Gast dann jedoch nicht äußern. Aber trotzdem, so beteuerte Frau Schwan, mache ihr die Arbeit als Vermittlerin zwischen den beiden Ländern immer noch Spaß, immerhin hätte man vorallem mit den Menschen zu tun, die sich wirklich für die Integration engagieren.

Integration war auch der Stichpunkt für den nächsten Gesprächsblock. Denn an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt a.d. Oder scheint es auch Integrationsbedarf zu gehen: Von den Studenten aus insgesamt 70 verschiedenen Ländern  nehmen von sich aus nur 20% an internationalen Exkursen, Seminaren und Projekten teil.

„Die Menschen haben alle eine Portion Trägheit, sie müssen nur einen Anstoß bekommen.“

Gesine Schwan berichtete von gemeinsamen Wochenenden, an deren sich die Studenten aus den unterschiedlichen Nationen besser kennen lernten und auch in Zukunft mehr Kontakt bekamen. Dafür stellte sie sich auch mal an den Herd, um für ein internationales Proseminar einen Eintopf zu kochen.



Und was rate sie uns Schülern, fragte Julian Jürgenmeyer in Anbetracht der schlechten Berufschancen in den geisteswissenschaftlichen Fächern.

Frau Schwan antwortete entschieden, man solle doch das wählen was einen am Meisten interessiert und dann noch Möglichkeiten suchen. Diese Wahl fiele leichter, wenn man sich vor dem Studium durch viele Praktika informiere.

"Macht immer das, was euch interessiert."

Neben Integration, liegt Frau Schwan auch der Vertrauensverlust der Gesellschaft am Herzen.

"Vertrauen ist nicht blinder Gehorsam, es ist ein Grundvertrauen, dass Kontrolle nicht ausschließt." Der Vertrauensverlust der Gesellschaft in die Politik zum Beispiel sei zwar höher, doch das direkt auf die Politik zu beziehen sei falsch, denn das politische Engagement sei nicht geringer als früher. Es ginge viel mehr um die Qualität der Politik und diese hänge wiederum von der Qualität der Gesellschaft ab. Da Schuldgefühle automatisch auch das Selbstwertgefühl beeinträchtigen, sei es schwierig sowohl anderen als auch sich selbst zu vertrauen. Dieses mangelnde Vertrauen überträgt sich auf die gesamte Gesellschaft Das Vertrauen innerhalb der Gesellschaft, das dann zu einer Qualitätssteigerung der Gesellschaft führe, sei nicht ausreichend vorhanden. Beim letzten Programmpunkt, der Angreifbar, ging es dann trotz Zeitdruck, wie gewohnt lustig und locker zu. Die beiden Moderatoren reichten Schwan drei Säckchen, deren Inhalt ertastet werden musste.

Im ersten Säckchen befand sich eine kleine Krone: Nach der Umwandlung eines bekannten Liedtextes - "Das alles und noch viel mehr würde ich tun wenn ich Gesine von Deutschland wär'" - wurde sie von einigen Studenten als Königin von Deutschland gekrönt. Die Frage ob sie über den Konjunktiv in diesem Satz enttäuscht sei, gleichbedeutend mit der Niederlage bei der Wahl zum Posten der Bundespräsidentin, verneinte sie jedoch ausdrücklich.

Trotzdem habe die Präsidentschaftskandidatur ihre Reize gehabt. Durch den Mythos 'Kandidatur' konnte sie Dinge ansprechen die sie für wichtig hielt und auch die Viadrina war bekannter geworden. Im zweiten Säckchen: kleine Kühe und Ziegen aus Plastik, die auf die afrikanische Sitte anspielten, mit der ihr Bruder und ihr zweiter Ehemann um den Brautpreis gefeilscht hatten. Wieviel Ziegen und Kühe sie heute wert sei wusste Frau Schwan leider nicht zu beantworten. "Für welche meiner Tugenden er am meisten bezahlen würde müsst ihr ihn schon selber fragen", scherzte die Universitäts-Direktorin. Im dritten Säckchen befand sich eine CD mit einer persönlichen Stellungsnahme Frau Schwans, in dem sie über ihr jetziges Domizil, Frankfurt an der Oder berichtete. Sie beschrieb die Begeisterung der Menschen die sie in dieser unsaturierten Stadt spüre, ganz im Gegensatz zu großen Westdeutschen Städten wie München in denen sie das Gefühl habe man achte nur auf die Schickeria. Zwar wurde Baden-Württemberg ebenfalls als saturiert bezeichnet, in Freiburg hingegen herrsche eine andere Lebensweise. "Hier spürt man die geistige Prägung und die freundliche Kultur, hier hat man viel mehr das Gefühl man sei unterwegs."



Was assoziiert Frau Schwan heute mit Freiburg? "Die Uni, der Kuppelsaal in dem ich meinen Mann kennenlernte, selbstverständlich das Münster, die wundervolle Innenstadt im Frühling, den Schlossberg, Kammerkonzerte, und zu meinem eigenen Erstaunen auch die Sonne, das ist für mich Freiburg”.  Zum Schlossberg gehört natürlich auch der Wein der Region, der dem Gast als kleines Präsent inklusive einer CD des Freiburger Barrockorchesters überreicht wurde. Die beiden Moderatoren Lisa Brücher und Julian Jürgenmeyer bedankten sich bei ihrem Gast Gesine Schwan für ein interessantes und tiefgründiges Gespräch und baten zum gewohnten Abschlusszeremoniell um eine Unterschrift auf der hellerleuchteten 'Angreifbar'.

Nach einem abschließenden Plausch mit Beteiligten und Presse und einer kleinen Stärkung, verließ Gesine Schwan die Schule auch schon zum nächsten Termin beim SWR.



Mehr dazu:

Am Mittwoch, 2. Mai, wird das nächste Mal nachgefragt: Um 19.00 Uhr stellt sich Sönke Wortmann, deutscher Produzent und Regisseur, bekannt für “Deutschland – Ein Sommermärchen” und “Das Wunder von Bern” , im Rotteck-Gymnasium den Fragen von Alina Ganter und Franka Lohmann stellen.

Was: Nachgefragt mit Sönke Wortmann
Wann: Mittwoch, 2. Mai 2007, 19 Uhr
Wo: Rotteck-Gymnasium, Lessingstraße 16, Freiburg