Geschmeido: Mut zur Harmonie

Carolin Buchheim

Geschmeido ist, wie Tele, eine Freiburger-im-Berliner-Exil-Band. Vor wenigen Wochen erschien ihr Album 'Auf Wiedersehn', gerade sind die vier Herren mit den neuen Songs auf Tour. Heute abend gastieren sie im Klub Kamikaze. Sänger Philippe Frowein hat Caro Rede und Antwort gestanden.



Philippe, wie würdest Du den Sound von Geschmeido einer tauben Person beschreiben.

Du meinst so wie bei den Untertiteln für Hörgeschädigte? Wenn da im Videotext-Untertitel steht '(Stimmungsvolle Musik)', wenn bei einem Film die Geigen los gehen, damit die Hörgeschädigten wissen, das da Musik losgeht?

Ja, genau. Du kannst auch sagen, was Du mit jemandem machen würdest, der nicht hören kann, und dem Du Eure Musik erklären willst.

Unsere Musik ist quasi ein Stabilo-Baukasten, den man mit verschiedenen Modulen zu verschiedenen Sachen zusammenbauen kann, und am Schluss sieht das dann aus wie ein wunderschöner Leuchtturm, der oben ganz stark glänzt aber auch so ein paar komische Ecken hat, die nicht ganz logisch sind. Unsere Platte hat, zumindest textlich, auch was mit dem Meer zu tun, zumindest im übertragenen Sinne, das ist eine Musik, zu der Mann sonst auch ganz gut Boot fahren könnte, Segelboot.

Woher kommen diese ganzen Meer-Metaphern?

Das hat sich einfach so ergeben. Ich wollte diesmal Texte machen, in denen nicht alle Sachen ganz genau gesagt werden. Nicht so 'Da, mit meiner Freundin...'.

Keine Befindlichkeitstexte mehr?

Doch! Gerne Befindlichkeitstexte, aber eben um die Ecke.Kryptisch?
Genau. Ich wollte alles nicht mehr so genau benennen, sondern mehr beschreiben. Irgendwann ist mir aufgefallen, dass es in der nautischen Sprache ein paar hübsche Bilder gibt, die man ganz toll verwenden kann. Anstatt zu sagen 'Ich hab Stress mit meiner Freundin' geht eben auch 'Ich bin in schwerem Seegang'. Ich finde, das trifft es ganz toll, so das hin und her und die Turbulenz, das hat mir sehr gut gefallen. Und weil die meisten Songs auf dem Album schon irgendwie Liebeslieder sind, hat sich das einfach so durch das Album durchgezogen. Nachdem das bei zweidrei Liedern schon so war, da hab' ich mir gedacht: Ach, jetzt muss das bei den anderen auch noch sein', und irgendwann war ich dann so total drin in diesem Seemanns-Ding. Und dann das Heimkommen und wieder zurück kommen, und solche Geschichten, die lassen sich halt super ausdrücken mit Meeres-Sachen. 'Schalt den Leuchtturm ein' um zu sagen 'Ich bin wieder da.' Das fand' ich eben cool. Und außerdem war es für mich auch angenehm, mich da so reinfallen zu lassen, mir nicht die ganze Zeit was neues einfallen lassen zu müssen sondern zu denken: 'Ich mach' jetzt eine Platte, da ist viel von der See die Rede. Und gut.'



Hast Du das früher anders gemacht?

Bei der letzten Platte war das so, da hatten wir noch zwei Wochen Zeit, und ich hatte noch keinen einzigen Text.

Und? Was hast Du dann gemacht? Einfach über die fertigen Songs ge-poetry-slammt?

Na, beinahe. Wir sind nach Freiburg gefahren, zum Aufnehmen, und ich saß dann immer in einer ganz furchtbaren Kneipe beim Martinstor, ich weiß gar nicht, ob es die noch gibt. Damals hieß die 'Monet', Grünwälderstraße oder so, das war so ein kleines Café, das hat ein Jugoslawe gehabt, und da hab ich dann immer gesessen und meine Texte geschrieben. Da war nichts los, da hatte ich meine Ruhe, und der Wirt hat mir Whiskey ausgegeben und ich hab' ihm die Texte zu lesen gegeben. (macht jugoslawischen Akzent nach) 'Ey, Mann, das verstehe ich nicht, das'is Scheiße, musst'u umschreiben!" (lacht) Das war schon gut, weil es spontan war, und ich einfach gemacht habe, aber es ist natürlich ausgeufert und so von links nach rechts, und am Ende in manchen Teilen auch ein bißchen unkonkret geblieben.

Und jetzt ist alles anders? In welcher Kneipe hast Du dieses Mal gesessen?

In gar keiner (lacht), Ich hab' alle Texte im Studio geschrieben. Was cool war dieses Mal: Wir haben Songs aufgenommen, bei denen ich schon so ein Gefühl hatte, was ich dazu erzählen könnte. Und dann habe ich sehr darauf geachtet, dass die Texte schon zur Musik passen, vom Gefühl her. Jedes Stück hat eine Vorgabe gehabt von der Stimmung her. 'In schwerem Seegang', zum Beispiel, das ist eher so ein fließendes Stück, das so ein bisschen hippiemäßig daherkommt, da muss man dann schon einen Text machen, der Wellen und See hat. Das haben wir früher nicht so gemacht, das Drauf-Achten, dass Texte und Musik zusammen passen.

Magst es so wie es jetzt ist lieber?

Ja, schon, aber ich kann nicht ausschließen, dass ich das auch mal wieder anders mache. Diese Platte war sehr arbeitsintensiv, wir haben viel an den Songs gearbeitet und an der Musik und ich habe lange an den Texten Sachen gemacht und dann nachgeliefert, und am Schluss habe ich alles noch mal neu gemacht. Mein Textbuch ist nicht so groß; Ich hab' alles verwertet, was drin stand. Das ist normalerweise ein gutes Zeichen. Ich hab alles verwertet was da war, nicht einen auf Hemingway gemacht und geschrieben, geschrieben, geschrieben und dann nur ein paar Perlen rauspicken; Ich hab alles formuliert und es dann gesungen. Auf Wiedersehen, der Titel-Track, hat zum Beispiel nur drei Sätze.

Echt? Das ist mir so bewusst gar nicht aufgefallen.

Ja, musst Du mal lesen! (lacht und zählt die Sätze durch) Gut, sind schon ein paar mehr, aber trotzdem wenig Sätze für einen Song, und ich mag das so.



In dem Track benutzt ihr Chorgesang. Gibt’s dafür einen speziellen Grund?

Wir haben viel gemacht mit Chören dieses Mal, das gibt so eine Art Gemeinschaftsgefühl, so eine Energie, die anders ist, als wenn nur ein Einzelner laut schreit. Das ist ein ganz einfacher Trick, aber da entsteht sofort so eine Power. Ohne die Chöre war das mehr so ein Beat-Stück, und dann haben wir die Chöre draufgepackt und waren selbst ganz überrascht, wie anders der Song dadurch wurde, was da passiert, wenn der Gesang fertig ist.

Was bedeutet Dir das neue Album?

Ich bin froh. Ich find's super, Ich bin sehr zufrieden mit dem Album, also mehr als bisher. Es ist sechs Jahre her, dass wir so was zuletzt gemacht haben, und es gab zwischendurch auch immer wieder Momente, wo gar nicht klar war, ob wir das überhaupt noch mal machen, ein Album, und dass es jetzt geklappt hat, das stellt alle sehr zufrieden. Als dann klar war, wir sind bei Tapete (Anmerkung: Ein Hamburger Indie-Label), dann ging es ganz schnell, mit der Grafik und ich bin sehr zufrieden, weil die zwar ein bisschen beknackt ist, aber einfach, und dann gab es auch noch eine schöne Vinyl-Ausgabe und überhaupt war das alles gut.

Wie waren denn diese sechs Jahre, in denen manchmal nicht klar war, was werden würde? Ist ja ganz schön arg, wenn man nicht weiß, ob es weitergeht mit der eigenen Band, oder?

Ja, da hast Du recht, das ist ganz schön arg. Aber Du weißt ja wie das ist, was man halt so macht, schwuppdiwupp sind sechs Jahre vorbei, ist ja nicht so, als hätten wir jetzt sechs Jahre an der Platte gearbeitet. Die eigentliche Arbeit an der Platte hat vielleicht ein halbes Jahr gedauert. Wir haben aber in der Zeit hier auch noch ein Studio gebaut, im Schweiße unseres Angesichts, das Tele auch mitbenutzen, und da haben Stefan und ich alles selbst gemacht, das ging sehr lange und hat bestimmt ein Jahr gedauert, mit Mauerarbeiten und Verträgen machen und Kabel verlegen und allem Kram. Außerdem sind ein paar von uns Väter geworden, und da wird man erwachsen. Und zack, so gehen sechs Jahre vorbei. Und außerdem waren wir nach der ersten Platte ziemlich ernüchtert, die hatte sich nicht gut verkauft. Erst später, lange danach ist es dann immer wieder passiert das andere Musiker oder Labels uns drauf' angesprochen haben. 'Eure Platte, die war echt toll, es war schon gut was ihr gemacht habt, macht weiter.' Und das haben wir dann gemacht. Jetzt sind wir wieder da.

Wie ist der Zuspruch zur neuen Platte? Auch so gut?

Da gibt es ein entweder oder: Entweder man mag das wirklich, oder man findet es ganz furchtbar und kann gar nichts damit anfangen. (lacht)

Da fällt dann sicher auch das böse Wort vom 'Indie-Schlager', oder?

Ja, ganz genau. (lacht). Aber andere benutzen da auch so Worte wie 'Grandios', da sind wir dann ein bisschen erschrocken, aber von uns aus gerne. Ich hab' ein gutes Gefühl, denn wir haben genau das gemacht, was wir wollten, wir sind sogar noch ein bisschen konkreter geworden. Das muss man auch erstmal lernen. Das Konkreter-Sein, das haben wir von Tele gelernt.

Für mich steht Eure Platte mit den neuen Platten von Tele, Anajo und Neue Virginia Jetzt! irgendwie zusammen, denn die sind sich alle auf eine Art sehr ähnlich. Harmonisch, sehr schön gemacht und perfekt produziert. Schöngeistig, irgendwie. Kommt Dir das auch so vor? Was meinst Du, gibt es dafür einen bestimmten Grund? Sehnt man sich nach Harmonie?

Ja, ich seh' das ähnlich, aber wo das herkommt weiss ich nicht. Vielleicht ist das einfach die Ruhe vor dem Sturm in der deutschen Produktionslandschaft. In Deutschland hat man manchmal Angst vor der Harmonie und dem Schönsein, weil dann alle gleich 'Iiiih, Schlager!' schimpfen. Aber was ist das überhaupt, Schlager? Das ist eine deutsche Kategorie! Ich bin ja halber Franzose, und Chanson, das ist eigentlich nichts anderes als Schlager, und einen Aznavour-Song findet auch jeder Indie-Franzose gut, wenn der Song denn gut gemacht ist. Man sollte da weniger verkrampft sein und nicht diese Geschmackspolizei im Kopf haben. Vielleicht hat es auch was damit zu tun, dass die Zeiten in der Musik so ein bisschen schwierig sind, da möchte man wenigstens in seiner Musik was Kuscheliges haben.

Tele waren vor ein paar Wochen beim Bundesvision Song Contest. Hättest Du das auch gemacht?

Ich hätt's gemacht, klar, einfach schon aus Spaß, das war bei Tele ja auch so. Ich hab's mir halt nicht angeguckt, weil mein Fernseher an dem Tag kaputt gegangen ist. Ist ja auch keine Schande, da mitzumachen. Ich mein' Stefan Raab ist doof, ich guck' auch seine Sendung nicht, aber andererseits spricht ja die Musik für sich. Man kann bei so was ja einfach sein Ding machen, man braucht sich ja nicht zum Affen zu machen, und wenn das dann auch noch jemandem gefällt, ist doch gut. Das Tele da nicht gewonnen haben, gut, das kam nicht unbedingt überraschend, aber ich hatte mir schon gedacht, dass Tele das hätten gewinnen können. Aber eigentlich hatte ich mit Jan Delay gerechnet. Aber Tele haben sich gut geschlagen, die haben nichts gemacht, was ich nicht auch gemacht hätte.

Mehr dazu:

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Was: Geschmeido
Wann: Dienstag, 10. April 2007, 21 Uhr
Wo: Klub Kamikaze

Video: Geschmeido: Auf Wiedersehn