Geschichtetes Glück

Dirk Philippi

fudder-Kolumnist Dirk ist im Urlaub den griechischen Bränden entkommen und nach der Landung in Berlin über eine Transitstrecke der ehemaligen DDR zurück nach Freiburg gereist. Dort, wo heute die "blühenden Landschaften" zuhause sind, suchte er erfolglos nach den Interspargeschäften und VoPos, die damals den Wegesrand säumten, und schrieb noch im Zug ein neues [hübsch leben] über einen Tag aus seinem Leben im alten Deutschland.



„All I want is a little Peace & Quiet”
The Rifles

"Wer zu spät handelt, den bestraft die Geschichte!“, orakelt Martin in die Hörmuschel unseres orangenen 70er-Jahre-Telefons und klingt dabei nicht weniger überzeugt als Genosse Gorbatschow sechs Wochen zuvor. Martin ist einer, der im einen Moment „Wir fahr´n in Puff nach Barcelona“ singen kann, um einen Moment später die Welt so stimmig und tiefsinnig zu erklären, dass man ihm glaubt – und zwar alles. Jetzt ist es Donnerstagnacht, 9. November ´89, kurz vor Mitternacht, als Martin anruft und mich zu einer spontanen Berlin-Fahrt überreden will.


Ich habe keine Ahnung, was ich den Tag über gemacht habe, ob es kalt war oder vielleicht für einen November zu warm. Vermutlich bin ich wie immer zu spät aufgestanden, mit dem Roller zur Schule gefahren und werde mir während des Deutschunterrichts überlegt haben, wie ich hier raus kommen könnte. Mittags werde ich keine Hausaufgaben gemacht haben, weil ich mich mit Holger, Anne, Rick und Katja getroffen habe, um im Jeep von Katjas Vater zum Lindenplatz zu fahren und nichts zu tun. Mit ziemlicher Sicherheit verbrachten wir die Zeit, indem wir rauchten, tranken und gemeinsam warteten, dass etwas anfing oder dass das, was war, endlich aufhörte. Geredet werden wir, wie immer, nicht sehr viel haben und abends haben Anne und ich dann bestimmt geknutscht und uns auf ein Wiedersehen in der Schule vertröstet.



Martins Stimme bleibt vollkommen ruhig und gelassen, als er vom Politbüro erzählt, von Günter Schabowski, vom italienischen Journalisten und von Oberstleutnant Harald Jäger, dem MfS-Zöllner, der vor einer halben Stunde ohne Befehl den Grenzübergang Bornholmer Straße geöffnet hat. Martin spricht, als würden ihm die Sätze beim Einschlafen aus der Boxershorts fallen, und selbst als er die historischen Worte des Italo-Schreiberlings imitiert, ist wenig von Enthusiasmus zu spüren: „Glauben Sie nicht, dass es war ein großer Fehler, diesen Reisegesetzentwurf, das Sie haben jetzt vorgestellt vor wenigen Tagen?“ – Keine Ahnung, denke ich und eigentlich müsste ich jetzt mein Haar nach hinten werfen, den Zeigefinger über die Oberlippe legen und, den Kopf schief, etwas Bedeutendes von mir geben. Oder aber zumindest laut lachen. Ich aber sage … – nein, ich warte, warte hübsch ab und sage … – nichts.

Ich sei ein „Ost-West-Cocktail“, hatte ich meinen Onkel einmal zu Tante Erika sagen gehört, „eine Geburt der Geschichte“, wobei mich nie sonderlich interessierte, was meine Verwandten, mit Ausnahme von meinem Großvater, erzählten. Die harten Fakten, die kannte ich, und um mehr Wissen kümmerte ich mich nicht. Mit einem Schild um den Hals haben sie meine damals elfjährige Mutter zusammen mit ihrem jüngeren Bruder kurz vor dem Mauerbau in den Zug nach Basel gesetzt. Dort wurden sie von einer Bekannten aufgenommen und dort warteten sie auf meine Groß-, ihre Eltern. Die sind aus Lichtenow bzw. einem Kuhkaff namens Langenlipsdorf geflüchtet, als Ulbricht zum ersten Mal das Wort „Mauer“ in den Mund genommen hatte und es eigentlich schon zu spät war. Bis heute hat mir mein Großvater nicht erzählt, warum gerade er verfolgt wurde, und ehrlich gesagt, habe ich ihn auch nie mehr danach gefragt. Ich war jetzt und hier, und ich sollte hier bleiben. So oder so.



„Seit Juli fliehen Hunderte Mandys und Ronnys in die Ständige Plantage nach Ost-Berlin und die Botschaften in Ungarn und der Tschechoslowakei inserieren neuerdings bei Neckermann-Reisen“, mimt Martin den Proll, um – wie gehabt – bierernst nachzulegen: „Die wollen tatsächlich alle zu uns. Verstehst Du das?“ Nein, verdammt, ich verstehe nicht. Ich verstehe wirklich nicht, was die hier wollen. Martin will sofort fahren. Katja darf nicht, Rick will nicht, aber Anne und er seien dabei. Was ist mit mir? – Ja verdammt, was ist mit mir? Mein Blut besteht vom Nachmittagsgelage noch zu zwei Dritteln Martini und einem Drittel aus Tabakresten, ich bin müde und Anne hat auch schon mal besser geküsst. Ich habe vorhin kurz die Tagesschau gesehen, bin dann mit SLIME auf den Ohren eingeschlafen und sitze jetzt da und will mich nicht entscheiden. Vor allem aber will ich nicht funktionieren – nicht so wie es genau jetzt alle von mir erwarten.

Seit Jens Weissflog hatte sich mein Verhältnis zur DDR rapide verschlechtert und trotz einiger Hausbesetzer-Freundschaften und Sozi-Flirts war es ehrlich gesagt schon seit Jahren ziemlich im Arsch. Dass ich selbst ein halber von denen bin, war mir nie bewusst, obwohl es den Zorn vielleicht geschmälert hätte, wenn wieder ein GDR vor dem FRG im Olympia-Medaillenspiegel rangierte und der oberlippenbeflaumte Ski-Tiefsegler jenseits der kritischen Marke detonierte. Sollen sie doch machen, was sie wollen. Mir doch egal. Ich hatte als Kind ohnehin nie verstanden, warum nicht wir Deutsche DEMOKRATISCHE Republik heißen. Das Monotone der Zeit hat auch sein Gutes, denke ich, es gibt keine Höhepunkte in unserem Leben, aber auch keine Tiefschläge, man wird schlicht nicht unangenehm überrascht – außer die Mauer fällt.



Die Leitung des Telefons wird getrennt und ich verschlafe Geschichte – die in der ersten Schulstunde auch. Stattdessen schaue ich mir die geistigen Stützradfahrer im Frühkotzfernsehen an. Einer nach dem anderen schlingern sie schwadronierend durch die Grenz-Love-Parade und erbrechen Fragen, die man sonst nur von dickbäuchigen Weißbierfässern am Spielfeldrand kennt: „Wie fühlen Sie sich jetzt?“- „Was ist das für ein Moment für Sie?“ – „Hätten Sie damit gerechnet?“ Da plötzlich flimmert Martins Schädel über die Mattscheibe: „Also gerechnet hätte ich damit nicht, aber hebt man den Blick, dann sieht man keine Grenzen!“ – Das hat er jetzt nicht wirklich gesagt, oder? Das war jetzt nicht wirklich mein Martin? Doch, er legt nach: „Blöd nur, dass alle auf den Boden der Kasse schauen!“, spricht´s und schlägt einem vorbei fahrenden Trabbi ein neues Schiebefenster ins Dach. Das ZDF schaltet zum Golem von Oggersheim.

Bis heute weiß ich nicht, ob der 9. November 1989 ein Zeichen dafür ist, dass am Ende doch immer alles gut wird. Heute weiß ich nur, dass ich nicht gefahren bin, sondern an meiner eigenen Geschichte weiter geschrieben habe. Auf unserem Schulhof redete man über die Geschehnisse der Nacht und Martins Auftritt wie über eine neue Doku-Soap und der dicke Erwin aus der Elften trällerte die „Internationale“ so laut, dass er einen Verweis bekam. In Musik lehrte man uns neue Kirchenlieder und in Geschichte erzählte uns der Eddie-Argos-Imitator von der Niederlegung der Kaiserkrone durch Franz II..



Von meinem Leben war das alles hübsch weit weg und als Martin, Anne und ich auf der Fahrt zum Lindenplatz das Radio einschalten, hören wir, wie Momper spricht: „Gestern Nacht war das deutsche Volk das glücklichste Volk auf der Welt.“

Mehr dazu:

[hübsch leben]-Kolumnen auf fudder

Bonustrack:

Rifles - Peace & Quiet:

I don't see how another days gonna make us change our minds
So why don't we go separate ways ad save us a bit of time
We can't go on trying living behind this worn out and thin disguise
I don't want to try talking it out I don't need another fight
It just won't work when

All I want is a little peace and quiet (...)"