Geschichten von der Freiburger Mauer

fudder-Redaktion

Keinen Freiburger hat der Zaun quer durch die Innenstadt unberührt gelassen. Jetzt ist die Hälfte der Bauzeit rum. Wie die Stadtgänger in den ersten zwei Monaten auf Lärm, Schmutz und Umwege reagiert haben:



Geschichtsstunde

Freitagnacht um zwölf Uhr an der Mauer: Schwankend rennen vier Jungs an der Sperrholz-Barriere entlang. Der größte und dünnste von ihnen hat eine Colaflasche dabei - darin ist eine klare Flüssigkeit enthalten. Der Lange nimmt einen Schluck, springt vor seine Freunde und schreit: ”Ich, ich, ich hab eine Idee.” Dann erhebt er seine Hand, schlägt mit der flachen Hand rhythmisch gegen die Repressalie und beginnt im Takt zu brüllen: “Die Mauer muss weg, die Mauer muss weg.“

Johlend kommen ihm seine Freunde zu Hilfe, zu viert stehen die Jugendlichen schließlich trommelnd und brüllend an der Wand. Ein älterer Herr mit Regenschirm kommt vorbei, blickt die vier Jungs an und krittelt:: “Darüber macht man sich nicht lustig. Wisst ihr, dass viele der Demonstranten damals gestorben sind?” Die Jungs ziehen lachend davon. [Marius Buhl]



Touristenfalle

Sie haben sich ganz jämmerlich verirrt. Jetzt stehen die Touristen unter den Arkaden und werfen mit ratlosen Blicken um sich. Einer von ihnen klammert sich noch am Stadtplan fest, sucht nach Antworten. Erster Lösungsvorschlag: Das war’s, zurück ins Hotel, gute Nacht.
Doch die Touristen haben Glück: Sie begegnen dem Freiburger.
“Entschuldigung”, räuspert sich eine Frau tapfer. Na bitte: Der Kontakt zum Einheimischen ist hergestellt. “Wo geht’s denn hier in die Innenstadt?
Gute Frage. Jetzt wirkt auch der Freiburger ratlos. In die Innenstadt?

“Dorthin, wo etwas los ist - in die Innenstadt halt”, sagt die Frau. Der Freiburger schweigt. Wie soll er es ihnen sagen? Die Touristen sind von weit her angereist, wollen in der schönsten Stadt Deutschlands jetzt was erleben, am besten nochmal so richtig auf die Kacke hauen. “Wir wollen in die Innenstadt!” Es klingt jetzt fast trotzig, der Freiburger hat dafür Verständnis. Im Grunde hat die Gruppe alles richtig gemacht: Sie steht ja schon vor dem Bertoldsbrunnen. Nur hat halt irgendwer eine Mauer hochgezogen. Also: Weiterlaufen, hier gibt’s nichts zu sehen. Und nächstes Jahr dann vielleicht gleich Gundelfingen. [Daniel Laufer]



Die Ungläubigen

In der Universitätsstraße zwischen Rathausplatz und Bertoldstraße konnte man sie wochenlang besichtigen: Die Ungläubigen. Baustellenopfer, die erst dann merken, dass sie wirklich nicht weiterkommen, wenn sie direkt an der Absperrung stehen und persönlich festgestellt haben, dass diese an beiden Straßenseiten bis zur Hauswand reicht.
Nicht mal die täglich neuen Schilder, halbseitige Barrieren, ja sogar ein signalroter Teppich über die Straße überzeugten sie. Anstatt die deutlich gekennzeichnete Umleitung durch den Bursengang zu wählen, gingen sie lieber weiter bis zum bitteren Ende, nur um dann, oft genug mir, die unvermeidliche Frage zu stellen: „Geht es hier nicht weiter?“ – Darauf muss man erstmal eine kluge Antwort finden!

Eine besondere Untergruppe des Ungläubigen war übrigens Mitte Juli der Deutschlandzwerg: Gerade erst Weltmeister im Fußballgucken geworden, wollte er doch so gern am Bertoldsbrunnen feiern. „Da ist Baustelle.“ „Na und?“ „Nein, ich meine, da ist die Baustelle. Da geht‘s nicht weiter“. Und natürlich stiefelte er los. Und natürlich kam er wenig später zurück. „Da geht‘s ja nicht weiter!“ Ach.

Die Baustelle mit ihren Holzwänden und bisweilen wirklich engen Engstellen stellt vor allem eine Eigenschaft des Innenstadtfußgängers auf die Probe: die Treue zur gewohnten Wegstrecke. Es gibt tatsächlich Leute, die eine geschlagene Viertelstunde im Fußgängerstau auf dem Weg vom Bermudadreieck durchs Martinstor verbringen, obwohl es ein paar Meter weiter die Abkürzung durchs Casino gibt. Wie ich das herausgefunden habe? Gewohnheit. [Konstantin Görlich]



Mehr dazu:

[Foto 1: Rita Eggstein, Foto 2 & 4: Miroslav Dakov, Foto 3: Ingo Schneider]