Geschichte, nachgespielt: Abschalten auf dem Schlachtfeld

Philip Hehn

Kriegerische Szenen spielen sich ab in Deutschland: Säbelschwingende Reiter bedrängen Fußsoldaten in napoleonischen Uniformen, die wiederum versuchen, andere Infanteristen am Überqueren einer Brücke in Neuf-Brisach zu hindern. Musketenschüsse krachen, Säbel und Bajonette blitzen durch den Schwarzpulverqualm. Wir schreiben das Jahr 2009 und dies ist kein Film. Nikolaij Lankoff ist ein ganz normaler junger Mann aus Oberrotweil im Kaiserstuhl. Er ist 20 Jahre alt. Er ist gerade mit dem Abi fertig. Er ist bei der Feuerwehr. Und er ist Kavallerist. Bitte was?



Nikolaij hat ein ungewöhnliches Hobby: Er ist Mitglied bei den Badischen Husaren. Dort verkleiden sich Menschen als berittene Soldaten aus dem napoleonischen Zeitalter und nehmen so an Stadtfesten und anderen Veranstaltungen teil. Dabei werden vom Zelt bis zum Holzschuh originale napoleonische Zeltlager aufgebaut – „bis auf den Schlafsack, das ist der einzige Luxus den wir uns gönnen“ – und kleine Gefechte nachgespielt.  Reenactment ist der englische Fachbegriff dafür. Nikolaij ist als Adjutant seines Leutnants dabei. „Das macht so Spaß“, begeistert er sich.


Die echten Badischen Husaren waren eine Mischung aus Militär und berittener Landpolizei, bis sie 1806 zu einer reinen Militäreinheit umgewandelt wurden. Nikolaij ist zwar geschichtsinteressiert, aber es ist keineswegs der lokalhistorische oder -patriotische Aspekt, der ihn zu den Husaren brachte. Er legt auch Wert auf den Hinweis, dass es nicht das Militär oder Waffen sind, die ihn faszinieren.



Auf die Husaren gestoßen ist Nikolaij (Bild oben) eher durch Zufall und was ihn an ihnen reize, kann er nur schwer  beschreiben. Seiner Einheit gehört er einfach an, weil sie in der Nähe seines Wohnortes ist. Sie trainieren einmal in der Woche, „wenn alle Zeit haben“. Ein bisschen Nostalgie sei aber schon dabei und die Leinenhemden nach historischem Vorbild seien in der Hitze sogar bequemer als die neueren aus Baumwolle.

Anfahrt mit dem Auto, moderne medizinische Versorgung sowie der Schlafsack im ansonsten historisch korrekten Zelt – Nikolaij wird durch sein Hobby bewusst, was für Vorteile das Leben im 21. Jahrhundert bietet. In einer echten Schlacht dabei sein möchte er schon gar nicht: „Wir machen das so ein bisschen aus Spaß, aber die Leute sind ja damals wirklich in den Tod gerannt. Ich hätte das nicht gemacht.“

Aber so ein Schlachtfeld ist auch dann gefährlich genug, wenn der Feind nicht in böser Absicht handelt, sondern lediglich ein bisschen aufgeregt und ein wenig unaufmerksam ist. Nikolaij erzählt mit dem Grinsen des Dabeigewesenen und Davongekommenen von historischem Schwarzpulver, das das gesamte Schlachtfeld vernebelt, Infanterieformationen mit sehr spitzen Bajonetten, Kollisionen mit anderen Reitern, von gespaltenen Ohren und aufgeschnittenen Händen („bisschen doof“). Das Sahnehäubchen: „Wir schießen immer ohne Kugeln, aber manche lassen den Ladestock in der Muskete. Wir machen Spaß, und plötzlich pfeift uns so ein Ding um die Ohren. Aber das Schöne ist, dass man dann rübergehen und fragen kann: ,Wer von euch hat keinen Ladestock mehr?’“

Die Pferde der Husaren sind ständigen Reizen ausgesetzt und müssen trainiert werden. „Musiker sind das Schlimmste auf dem Schlachtfeld. Flaggen, Feuer, Schießen, das ist für mein Pferd alles kein Problem. Aber Musiker, da ist Schluss. Deswegen ist mein Training, dass wir auf den Reitplatz gehen, dort das Auto abstellen und das Radio einschalten. Türen auf und dann geht’s los.“ Nikolaij  war schon Reiter, bevor er zu den Husaren gekommen ist. Sein Pferd  dazu zu bringen, ihm zu vertrauen und unter seiner Anleitung Dinge zu wagen, vor denen es von sich aus zurückscheuen würde, reizt ihn. „Wir leben ganz gut miteinander“, sagt er. Der Stolz ist ihm anzumerken, wenn er erzählt, wie er mit dem Pferd arbeitet. „Es ist immer ein Risiko, das man eingeht, wenn man mit dem Tier ins Gelände geht. Da muss es einfach funktionieren.“

Die Badischen Husaren sind  Mitglied beim Freundeskreis Lebendige Geschichte.   Dort haben sich viele sogenannte Darstellungsgruppierungen, die Reenactment betreiben, zusammengetan. Darunter auch Gruppen, die Einheiten aus dem amerikanischen Bürgerkrieg sowie preußische und französische Truppen darstellen. Der Tonfall untereinander ist allerdings nicht militärisch streng, sondern freundschaftlich.



Bei den Schlachten versuchen die gegnerischen Parteien, sich mit napoleonischen Taktiken gegenseitig auszumanövrieren. Als nationalistisches Stimulans ist das napoleonische Zeitalter nüchtern betrachtet ohnehin wenig geeignet. Bei den Events stehen sich zwar Franzosen und Alliierte gegenüber, aber als badischer Husar kann man auf beiden Seiten stehen. „Je nachdem, wer dem Fürsten mehr Geld gegeben hat“, erzählt Nikolaij nüchtern.

Noch mehr als bei einer echten Schlacht sind nach einer gespielten Schlacht hinterher beide Seiten geneigt, sich als die Sieger zu betrachten.Die Teilnehmer marschieren und reiten durch den Pulverdampf und jagen sich gegenseitig hin und her. Punkte werden keine vergeben, mit simuliertem „Abmetzeln von Menschen“ hat das nichts zu tun.

Nikolaijs Begeisterung ist ansteckend. Für ihn sind die Schlachten ein soziales Ereignis, bei dem man Leute aus anderen Gegenden und Ländern trifft,  einander aushilft, gemeinsam kocht, sich unterhält und abends am Feuer sitzt.  „Es ist wirklich hart, je nach Witterung, aber es macht Spaß. Nach einem Wochenende habe ich vergessen, wie das Passwort von meiner Datenbank war. Ich bin wirklich entspannt.“