Gerichtsverhandlung: Häftling geht mit Hantel auf JVA-Beamte los

Dominik Schmidt

Mit der Begründung "Ich bin frustriert und wollte freikommen" ging im Mai 2009 ein nigerianischer Häftling in der JVA Freiburg auf zwei Justizvollzugsbeamte los. Bewaffnet mit einer herumliegenden Hantel und einem brennenden T-Shirt. Nun wurde der Fall am Amtsgericht behandelt.



Ein grüner VW-Bus der Justiz fährt um 14.45 Uhr vors Amtsgericht Freiburg. Durch die Gitterstäbe erkennt man Obafemi Amouda (25; Name von der Redaktion geändert). Er lehnt sich am Fenster an, scheint fast zu dösen. Vielleicht ist es ihm egal, wie das Gericht urteilt. Vielleicht fehlt ihm sowieso eine Perspektive für die Zeit nach der Haft.


Der Täter

Amouda lernte nie seinen Vater kennen. Noch bevor er in Nigeria auf die Welt kam, verließ dieser seine Mutter, die daraufhin nach Italien zog. Amouda wuchs mit seinem Onkel im Haus der Großmutter in Benin City auf. Die Verhältnisse waren äußerst ärmlich. Dennoch schaffte er einen mittleren Schulabschluss, danach brach er die Schule ab, um zu seiner Mutter nach Verona zu ziehen. Alles schien einigermaßen gut zu laufen, er bekam eine Aufenthaltsgenehmigung in Italien, fing eine Ausbildung zum Elektriker an und hatte keinerlei Konflikte mit dem Gesetz.

Im Herbst 2007 saß Amouda in einem Zug von Dortmund zurück nach Italien. Er kam von einem Besuch und wollte wieder nach Verona, als er in Freiburg von Polizisten aus dem Zug geholt wird. Die Papiere sind nicht in Ordnung, glaubten die Beamten. Später auf der Wache stellte sich das als falsch heraus. Die Papiere waren in Ordnung, aber Amouda war gestrandet. Das Ticket nicht mehr gültig und der Geldbeutel leer.

Seitdem wurde Amouda dreimal straffällig, saß die meiste Zeit im Gefängnis oder in der Psychiatrie. Abgeschoben kann er nicht werden und die Italiener wollen ihn auch nicht wirklich. Sein letzter Ausraster passierte am 11. März 2009, während seiner Haftzeit in Freiburg und war nun Gegenstand der Verhandlung.



Die Tat

Es war ein Mittwoch, der Hofgang in der JVA Freiburg hatte gerade erst begonnen, als Amouda beschloss, dass er keine Lust mehr auf Gefangenschaft hat. Er zog ein Feuerzeug aus seiner Tasche, zündete ein T-Shirt an, packte eine im Fitnessbereich herumliegende Hantel und ging entschlossen auf zwei JV-Beamte zu. Auf die Nachfrage der verdutzten Richterin, warum er sein T-Shirt anzündete, meint er nur, dass er es sowieso nicht mochte. „I didn’t like that shirt.“

Amouda wirft das brennende Hemd vor den zwei Beamten auf den Boden. Mit der Hantel im Anschlag, stürmt er auf einen Beamten zu, der Verstärkung über Funk ruft.

„Er hatte einen Tunnelblick, als würde er neben sich stehen“, sagt der Beamte aus, der dazwischen sprang und den Schlagarm von Amouda packte. Beide fielen zu Boden. Es entwickelte sich ein Ringkampf. „Für mich ging es um Leben oder Tod“, sagt der Beamte aus, der sich bei dem Kampf zahlreiche Hämatome und Schürfwunden zuzog.

Nach anderthalb Minuten und der Hilfe weiterer JV-Beamten kann Amouda fixiert werden.

Das Urteil

Der geistige Zustand von Amouda spielte eine wichtige Rolle in der Urteilsfindung. Ein psychologischer Gutachter bescheinigte eine Psychose bei Amouda. Ob eine schwerwiegende Störung vorliegt, konnte er nicht sicher sagen. Jedenfalls sieht er bei Amouda nicht direkt die Absicht, anderen Schaden zufügen zu wollen, er befände sich in diesen Situationen in einem anderen, paranoiden Zustand. Die Richterin sah dennoch eine Gefahr von Amouda ausgehen und lehnte eine Strafe auf Bewährung deswegen ab. Einerseits habe sie Verständnis für die schwierige Situation, über zwei Jahre in einem fremden Land und ohne Kenntnisse der Landessprache zu sein. Andererseits sieht sie es als mehr als fragwürdig an, ob Amouda seine stimmungsstabilisierenden Medikamente ohne Kontrolle weiter einnehmen würde.

Das Urteil lautet sieben Monate Freiheitsstrafe für vorsätzliche, versuchte Körperverletzung. Amouda schien es gelassen hinzunehmen. Was er machen wird, wenn er frei kommt? Als Künstler arbeiten. Musik machen in Deutschland oder vielleicht auch wieder in Italien.

[Fotos: Ingo Schneider]

Mehr dazu: