Gerichtsverhandlung: Biesen wurde mit Stein erschlagen

Philip Hehn

Gestern hat im Freiburger Landgericht der Prozess gegen einen 36-jährigen Mann begonnen, der im Verdacht steht, Anfang Januar 2009 auf dem Schlossberg den pensionierten Lehrer Hartmut Biesen mit einem Stein erschlagen zu haben. Das Motiv des Verdächtigen ist noch unklar. Das Gericht hält ihn für vermindert schuldfähig.



Halb neun. Der Angeklagte, groß, athletisch-schlank, nimmt Platz und wird von seinen Handfesseln befreit. Im Zuschauerraum sitzen hauptsächlich ältere Zuschauer, zwei Jurastudenten reichen ein Exemplar der Strafprozessordnung hin und her und unterhalten sich leise.


Die Verhandlung wird eröffnet. Der Beschuldigte, Mitte 30, Zahntechniker von Beruf, ist still, sitzt völlig ruhig da. Die Anklage wird verlesen. Es stellt sich heraus, dass auch die Staatsanwaltschaft von einer verminderten oder aufgehobenen Schuldfähigkeit des Beschuldigten zum Tatzeitpunkt ausgeht und die Einweisung in eine psychiatrische Klinik anstrebt.

Direkt nach Verlesung der Anklage, es ist gerade viertel vor neun, beantragt der Verteidiger, während der Befragung des Beschuldigten zu Person und Sachverhalt sowie während der Befragung des psychiatrischen Gutachters die Öffentlichkeit auszuschließen. Das Gericht gibt dem Antrag statt. Nach gerade einmal 15 Minuten marschieren die Zuschauer wieder aus dem Saal, ein Justizbeamter verschließt die Türen und hängt „Die Öffentlichkeit ist nicht zugelassen“-Schilder auf. Erst um 14 Uhr wird die Verhandlung wieder für die Öffentlichkeit freigegeben werden.



Das Opfer

Bei der Befragung der Zeugen nach der Mittagspause schält sich langsam ein Bild des Opfers heraus. Biesen wird als intelligent, belesen, kontaktfreudig beschrieben. Ein Mann, der sich mit Mitte 60 noch einmal jung zu fühlen scheint, nicht nur in gutbürgerliche Kneipen geht, sondern auch oft genug im Kamikaze auftaucht, dass sich Türsteher und Theker an ihn erinnern, wie ein Kriminalbeamter berichtet. Mit einem Türsteher sei Biesen ins Gespräch gekommen, weil sie beide Jäger gewesen seien. Großzügig habe Biesen Trinkgeld gegeben, an der Theke spontan neben ihm Stehenden Getränke ausgegeben. Zu seiner Homosexualität habe er sich offen bekannt. „Rechthaberisch“ sei er unter Alkoholeinfluss geworden, wird berichtet. Er habe sich dann auch mal gestritten.



Der Angeklagte

Der 30 Jahre jüngere Beschuldigte gerät dagegen um 2005 aus der Spur, kommt in psychiatrische Behandlung, bricht diese aber wieder ab, nimmt keine Medikamente. Er beendet ohne Abschluss ein Studium der Zahnmedizin, schläft teils auf dem Schlossberg oder in einer Gartenhütte.

Der Bruder des Beschuldigten, der von einem als Zeugen anwesenden Kriminalbeamten befragt worden war, berichtet, dass sie zeitweise kaum Kontakt hatten, dass sich beim Angeklagten extreme Gesprächigkeit und extreme Schweigsamkeit abgewechselt hätten. Einmal hätten sie bei einem Besuch Streit bekommen, in dessen Verlauf der Beschuldigte eine Glastür eingeworfen habe. Eine Vorwarnung?

Die Tat

Hin und wieder kommen dann doch Details, die aus der unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefundenen Befragung des Beschuldigten stammen müssen. Das Tatwerkzeug – ein kiloschwerer, spitzer Stein, mit dem der Beschuldigte gegen den Kopf des Opfers geschlagen habe, woraufhin dieses zusammengesackt sei. Der Beschuldigte habe am Hals des Opfers keinen Puls feststellen können und habe den Körper schließlich mit einer Schubkarre an die Stelle transportiert, wo im September dann der Schädel gefunden wird.

Die Befragung der rechtsmedizinischen Sachverständigen bringt noch etwas mehr Klarheit. Nüchtern referiert sie die technischen Details eines Todes. Es ist der Polizei nach Entdeckung des Schädels gelungen, einen Großteil des Skeletts zu finden. Bei der Untersuchung wurden Beifunde von Tierknochen aussortiert und sichergestellt, dass alle Knochen zum selben Individuum gehörten. Es sind bei der Untersuchung noch „Weichteilreste“ an den Knochen, auch Fraßspuren von Tieren finden sich.

Für den Tatverlauf relevant sind vor allem drei „Bruchsysteme“ am Schädel, davon ein „klaffendes“ am Hinterkopf und eine „Impressionsfraktur“ am Schläfenbein, die durch einen Schlag mit dem spitzen Stein gut erklärbar sei. Eine Sturzverletzung könne allenfalls für die Wunde am Hinterkopf nicht ausgeschlossen werden. Die Verletzungen können, so die Sachverständige, aufgrund von Verfärbungen der Bruchstellen von nach dem Tod entstandenen Knochenverletzungen unterschieden werden. Der Verteidiger möchte wissen, ob die Befunde mit dem vom Beschuldigten geschilderten Tatverlauf in Einklang zu bringen seien, was die Sachverständige bejaht.



Der Beschuldigte hat die Hände gefaltet, blickt geradeaus aus dem Fenster, blickt zu Richter, Staatsanwaltschaft und Verteidiger, die die Bilder des Opfers betrachten. Der Beschuldigte hat offenbar während der Abwesenheit der Zuschauer den Tathergang ausführlich geschildert – immer wieder nehmen Verteidiger, Richter und Anklage auf seine Aussagen Bezug.

Beträchtliche Zeit wird auf die Todesursache verwendet. Kann man noch die „Einwirkungsreihenfolge“ der Kopfverletzungen feststellen? Die Wucht, mit der die Schläge geführt wurden? Wie lange überlebt man mit solchen Kopfverletzungen? Sachverständige und Staatsanwalt gehen aus ihrer Praxis von „Überlebenszeiten mindestens im Minutenbereich“ aus, „wenn nicht im Stundenbereich“, mögliche Todesursachen seien „subdurale Hämatome“ oder Ersticken an Erbrochenem.

Der Beschuldigte ging vom sofortigen Tod des Geschädigten aus, sagt aus, er habe keinen Puls feststellen können, was die Sachverständige aufgrund des kräftigen Halses des Opfers für plausibel hält. Beim Beschuldigte wird nochmals nachgehakt: Gab das Opfer beim Transport Lebenszeichen von sich? Der Beschuldigte verneint.

Der letzte Zeuge wird entlassen, die erste Sitzung ist beendet. Die Informationslage ist, als sich die Prozessteilnehmer vertagen, gemischt. Einerseits punktuell sehr ausführliche Informationen aus den Aussagen der Sachverständigen und Kriminalbeamten, andererseits fehlen aber noch die wichtigsten Puzzleteile, um die Tat verstehen zu können. Wie und wann sich Opfer und Beschuldigter kennenlernten, wie es zu einer solchen Eskalation zwischen den beiden kommen konnte, darüber haben die Zuschauer noch nichts erfahren. Für den Prozess sind vorerst drei weitere Termine angesetzt.

[Fotos: Ingo Schneider]

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