Gerichtsverhandlung: Axt-Attacke im Mundenhof

David Weigend

Ein Dreivierteljahr lang versetzte ein 22-jähriger Freiburger die Angestellten des Mundenhofs mit einer Einbruchsserie in Angst. Bevor er im August überwältigt wurde, griff er den Sohn eines Zoomitarbeiters mit einer Axt an. Heute hat die Amtsrichterin Barbara Prestel den Einbrecher zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Ein Bericht (mit Video der Überwachungskamera).



Der Täter

Franz L. (alle Namen von der Redaktion geändert) wird in Handschellen zur Anklagebank geführt. Gut zwei Monate saß er in Untersuchungshaft. Blass ist das Gesicht des 22-Jährigen. Er gibt zu Beginn der Verhandlung einen Abriss seines Lebenslaufs: Aufgewachsen in Freiburg, Hauptschulabschluss, die Schreinerlehre nach zwei Jahren abgebrochen, da er sich im dazugehörigen Wohnheim nicht an die Regeln hielt.

Danach konnte er im Berufsleben keinen erwähnenswerten Erfolg mehr verzeichnen. Franz lebte zusammen mit Mutter, Bruder und Schwester, der Vater starb 1998 an einer Krankheit. Fünf Vorstrafen handelte sich Franz ein: Unterschlagung, gefährliche Körperverletzung (Kopfstoß, Nierenquetschung etc), Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz, Diebstahl und Hehlerei, dazu kam ein Jugendarrest, weil er die Bewährungsauflagen nicht erfüllte.

Franz verkiffte fast täglich fünf bis zehn Euro Gras und da er keinen Cent verdiente, wurde es für ihn immer schwieriger, den Stoff zu bezahlen. Schulden hatte er sowieso: Einen Fernseher, DVDs und Spiele im Wert von 1300 Euro kaufte er sich von geliehenem Geld. Anstatt sich um einen Job zu kümmern, lungerte er zu Hause rum und machte nichts. Viel Stress mit der Familie und kein Geld in der Tasche. So kam ihm die Idee mit dem Mundenhof.



Die Einbruchsserie

Franz macht sich in einer Novembernacht 2008 bereit für den ersten Bruch, zieht sich den Kapuzenpulli und die schwarze Weste über, steckt Bolzenschneider und Schraubenzieher in den Rucksack. Gegen Mitternacht setzt er sich aufs Fahrrad und fährt zum Mundenhof. Dort scheint alles ruhig zu sein. Kein Mensch weit und breit. Er nimmt einen Betonklotz vom Boden und schlägt damit die Fensterscheibe des Bürogebäudes ein. Franz steigt ein, durchwühlt alle Schränke, findet acht Schlüssel.

Mit ihnen verschafft er sich in den folgenden Monaten Zugang ins Aquarium, ins Futterhaus, zu Verkaufsständen, in Pferdeställe. Auf unsinnige Art und Weise frönt Franz dem Vandalismus, knackt Vorhängeschlösser, schlägt Fensterscheiben ein, schneidet Fliegennetze auf, klaut Kleinigkeiten, indem er etwa die Spendenkasse im Aquarium aufhebelt. Franz nimmt, was er kriegen kann: einen DVD-Player, einen Laptop, ein Fahrrad, 300 Euro aus der Kasse der Gaststätte „Mundenhof“. Insgesamt zehn Einbruchsdiebstähle gehen auf sein Konto, der Schaden beläuft sich auf etwa 8000 Euro.



Viel schwerer wiegt jedoch die Angst, die Franz bei den Mitarbeitern und Anwohnern des Mundenhofs auslöst. Sie fühlen sich verunsichert und bedroht. Die jungen Töchter der Mundehofangestellten, die Tierpflegerinnen, sie trauen sich kaum noch, nachts mit dem Fahrrad heimzukehren. Man installiert Überwachungskameras, tauscht Schlösser aus, doch die Einbruchserie reißt nicht ab. Die Polizei reagiert auf Hilfsgesuche defensiv. Man sei überlastet und könne nicht mehr tun, heißt es.

So sehen die Angestellten des Tiergeheges keinen anderen Ausweg mehr, als sich selbst zu helfen. Nachdem sie sich vereinzelte Nachtschichten um die Ohren schlugen, ergreift Timo, der Sohn eines langjährigen Tierpflegers, die Initiative und legt sich in der Nacht des 10. August mit einem Freund auf die Lauer. „Ich wette, heute Nacht kommt er wieder“, hat ihm sein Vater gesagt.



Die Axt-Attacke

Um 0.40 Uhr erreicht Franz tatsächlich, wie immer radelnd, den Mundenhof. Zuerst dringt er in den Steinhauerschuppen ein, klaut zwei Meißel und einen Hammer. Mit diesem Werkzeug plus Bolzenschneider macht er sich anschließend an der Eingangstür des Futterhauses zu schaffen (siehe Video unten): Knack, die Tür geht auf. All das beobachten Timo und sein Freund Giovanni aus sicherer Entfernung.

Sobald sie sehen, dass Franz die Türe aufgebrochen hat, ruft Timo seinen Vater an, damit dieser die Polizei alarmiere. Dann läuft Timo, der das Gelände von Kindheit an kennt, in einem Bogen zur anderen Seite des Futterhauses. So wollen die beiden dem Einbrecher den Fluchtweg abschneiden und ihn stellen.



Franz ist derweil im Gebäude und schaut sich nach Diebesgut um. Erfolglos. Er will wieder gehen, öffnet die Tür einen Spalt weit. Da sieht er Timo, der einen Baseballschläger in der Hand hält. Sofort schließt er die Tür wieder. Panik. Was tun? Lag da nicht gerade eine Axt herum? Tatsächlich, dort unten, auf dem Schrank.

Franz packt mit seiner rechten Hand die Axt, öffnet die Türe und stürmt schreiend heraus. Im nächsten Moment holt er mit dem rechten Arm Schwung und versucht, Timo mit der Axt zu treffen. Die Axt gleitet ihm aus der Hand und landet auf dem Boden. Timo kann ausweichen und versetzt Franz mit dem Baseballschläger einen Hieb aufs Bein. Franz rutscht aus und fällt. Timo überwältigt ihn und fixiert seine Hände auf dem Rücken mit Kabelbinder. Franz versucht zu flüchten, die Hausherren halten ihn in Schach. Erst trifft Timos Vater ein, 15 Minuten später die Polizei.



Das Urteil

Nach einem recht umfassenden Geständnis und mehrmaligen Entschuldigungen wird Franz L. im Freiburger Amtsgericht zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt. Die Strafe wird für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Die Bewährungsauflagen: 150 Stunden gemeinnützige Arbeit; Franz L. muss sich außerdem ernsthaft um einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz bemühen und in regelmäßigen Abständen Urinproben abgeben, um zu beweisen, dass er keine Betäubungsmittel nimmt; außerdem ist er im zivilrechtlichen Sinne dazu verpflichtet, den angerichteten Schaden im Mundenhof auszugleichen.

Der Verurteilte hatte großes Glück, dass ihm der Staatsanwalt (der als Strafmaß im Übrigen zwei Jahre ohne Bewährung forderte) die Axtattacke nicht als versuchten Totschlag, sondern nur als versuchte, gefährliche Körperverletzung auslegte. Andernfalls wäre er keinesfalls mit einer Bewährungsstrafe davon gekommen.

[Fotos: Weigend, Mundenhof]

Mehr dazu:


Video: Der Axt-Angriff

Diese (geschnittene) Aufzeichnung stammt von der Überwachungskamera am Futterhaus und zeigt den Täter beim Einbruch, bevor er überwältigt wurde. Zwar geht am Ende alles sehr schnell, doch man kann zumindest einen Eindruck vom Geschehen gewinnen.