Gerhard Polt: "Irgendwo piselt immer was raus"

David Weigend

Gerhard Polt gehört zu den großen deutschen Humoristen der Gegenwart. Heute Abend tritt er mit den Biermösl Blosn um 19.30 Uhr im Paulussaal auf (ausverkauft). Im Jahr 2000 hatte ich Gelegenheit, Polt in der Schwabinger Wohnung seiner Schwägerin zu treffen. Ein bislang unveröffentlichtes Interview über Humor - seine Grenzen, Techniken und Manipulation.



Herr Polt, warum lachen wir eigentlich?

Komik ist zum Teil ein Geheimnis, Gott sei Dank. Es gibt verschiedene Formen von Humor. Eine Technik ist zum Beispiel: Man verspricht etwas, das man dann nicht einlöst. Helge Schneider macht sowas. Man baut eine bestimmte Erwartungshaltung beim Publikum auf, und dann kommt nichts.

Und dann lachen manche im Publikum und andere nicht.

Die entscheidende Frage ist: Für wen ist etwas lustig? Was für dich komisch ist, muss für mich nicht unbedingt komisch sein. Wir können beide dieselbe Situation sehen und ich finde das Gesagte komisch, du aber den Ton oder die Stimme eines Menschen, die Gebärde, die Mimik, die Gestik.

Zum Beispiel?

Der erste erklärt dem zweiten was und der erste sagt: "Aha!" Möglicherweise sagt der dieses "Aha" so, dass der andere schon lachen muss. Weil an diesem "Aha" sozusagen der Zeitpunkt des Verstehens sichtbar wird. Man sieht dann richtig, wie sich das Gesagte, bis es ankommt, durch die Gehirnwindungen zieht. Humor ist abstrakt und nicht verifizierbar.



Wo stößt Humor an seine Grenze?

Für mich ist erst einmal das Wort "Grenze" interessant. Das kommt vom slawischen "Graniza". Der lateinische Begriff "frons", von dem sich das deutsche Wort "Front" ableitet, hat diesen absoluten Charakter: rechts von der Front schwarz, links weiß. "Grenze" bedeutet genau das Gegenteil: Der Übergang einer Farbe in die andere.

Zwischen den Germanen und Slawen gab es wohl keine Grenzpfähle...

...sondern eine Art gemischte Übergangszone. Jetzt zu der eigentlichen Frage: Ich glaube, jeder Mensch muss für sich selber wissen, ob bestimmte Dinge lustig sind oder interessant. Es muss auch jeder für sich beantworten, ob bestimmte Dinge geschmacklos sind oder nicht.



Was finden Sie geschmacklos?

Zu mir ist einmal einer gekommen mit einem Buch, das hieß "Der Witz in Auschwitz". Da habe ich zuerst gedacht, was ist denn das für eine Geschmacklosigkeit. Aber ich stellte dann fest, dass da sehr ernsthaft erzählt wurde, wie Leute in dieser Extremsituation mit billigsten Kalauern zum Lachen gebracht wurden, nur, um sich da geistig rauszuretten und abzulenken.

Wie Roberto Benigni in "Das Leben ist schön".

Ich kenne Juden, die dem KZ entronnen sind, die haben da auch Witze gemacht, über sich selbst, über die SS, über die ganze Situation. Das sind Witze, die klingen mitunter schrecklich. Aber das hat mit der Biographie der Leute zu tun. Der gleiche Witz klingt aus dem Mund eines Juden anders als aus dem eines Deutschen. Es kommt drauf an, in welchem Kontext und auf welche Weise jemand einen Witz erzählt. Quod licet Iovi, non licet bovi. Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Rindvieh noch lang nicht erlaubt.



Wer lacht über Ihre Witze?

Die Aufnahme der Dinge, die ich erzähle, hat mit Milieus zu tun. Wenn du aus dem bäuerlichen Milieu kommst, dann wirst du dich schwer tun, wenn du deine Erlebnisse bei Siemens erzählst. Die Leute kennen diese Welt nicht. Da entsteht kein Déjà-Vu-Erlebnis. Natürlich hat der Humor auch Assoziationsmöglichkeiten, die überregional funktionieren. Ist aber der Humor speziell auf Kulturspezifika ausgerichtet, dann bist du wieder mehr vom sozialen Milieu abhängig.



Viele so genannte Comedians benutzen heute das Fernsehen als Transportmittel für ihren Humor. Inwiefern wird durch diese Technik unser Lachverhalten beeinflusst?

Schön sind ja diese Lacher vom Band in den amerikanischen Comedy-Sendungen. Da habe ich vor 20 Jahren schon mit Christian Müller eine Satire drüber gemacht. Wir zeigten, wie das funktioniert. Da geht einer über die Bühne, und es ist stumm. Dann sagt er einen Satz. Und dann kommen so vereinzelte Lacher. Dann sagt er nochmal was, und dann bringt man so ein ganz lautes "Wa-ha-ha!" von ganz hinten.

Und dann sagt der Tontechniker, so, jetzt nehmen wir nochmal drei Lacher vereinzelt. Die komponieren das wie ein Konzert. Am Schluss ist das Publikum am Brüllen, stehende Ovationen.

Manipulation.

Ja. Das kann man alles leicht manipulieren. Genauso läufts doch auch bei diesen Warm-Ups in den Witzsendungen im Fernsehen. Wenn die Leute dann zu sehr lachen, sagt der Sendungsleiter: "Sie lachen zu laut, das gibt Irritationen! Warum lachen sie so, der Witzemacher macht doch gar nichts besonderes." Pure Manipulation. Bei einem Lach-Geräuschteppich soll man eben denken "Aha, das muss jetzt lustig sein, weil die Leute lachen."

Auch, wenn man sie gar nicht sieht.

Ähnlich verhält es sich bei Hintergrundsmusik. Du gehst in ein Lokal: Pausenlos dudelt irgendwo was. Akustischer Urin. Irgendwo piselt immer was raus.

Mehr dazu:

  • Wann: Heute, 11. Dezember, 19.30 Uhr
  • Wo: Paulussaal, Schreiberstr. 3 (ausverkauft)