Generation Umhängetasche

Mechthild Blum

Martin Reichert, geboren 1973, fühlte sich jung genug, das Leben noch nicht so richtig ernstnehmen zu müssen. Er dachte, das habe noch Zeit. Und auf einmal war er über dreißig. Wie so viele aus der "Generation Umhängetasche", die vermeiden wollen, erwachsen zu werden. Warum das so ist, darüber sprach der Journalist mit Mechthild Blum.



Herr Reichert, ist Ihre "Generation Umhängetasche" ein Großstadtphänomen?

Das würde ich nicht so sagen. Ich sehe diese Menschen auch in Freiburg. Auf dem Land in gewachsenen Verbindungen mag das anders sein. In Berlin allerdings ist diese Gruppe der 30-Jährigen schlicht tonangebend. Schauen Sie sich nur mal auf dem Prenzlauer Berg um. Man kann sich natürlich fragen: Was ist Attitüde, was ist Wirklichkeit? Eins aber ist sicher: Eine Normbiographie werden Sie da kaum finden. Hier muss sich jeder neu erfinden. Die Lohas – Abkürzung für "Lifestyle of Health and Sustainability" – tun das eben in schickem Design auf der Basis von Gesundheit und Nachhaltigkeit. Die digitale Bohème gibt sich auch schon mit einer Dachkammer und einem Wurstbrot zufrieden, in der Hoffnung, dass ihr irgendwann schon der Sprung nach Silicon Valley gelinge.

Sind alle Gegenstände in der Umhängetasche symptomatisch für den Wunsch, nicht erwachsen werden zu wollen?

Ja, ich denke schon. Zum Beispiel die Zahnbürste, die Kondome, die Socken, der frische Slip. Das soll signalisieren: Keine Ahnung, wo es mich heute Abend oder über Nacht noch hinverschlägt. Und das tragen selbst solche mit sich herum, die seit Jahren fest liiert sind. Aber die ziehen nicht zusammen. Die halten sich lieber eine Alibiwohnung wegen der Unabhängigkeit. Darüber freuen sich natürlich die anderen Mieter: Wenn der Nachbar so gut wie nie zu Hause ist, macht er auch keine Umstände. Oder das Moleskine-Notizbuch mit dem Schriftstellermythos für die ach so kreativen Einfälle seines Besitzers. Oder das Bloggen mit dem weißen MacBook, Symbol der digital Kreativen: Zu jeder Zeit an jedem Ort mitzuteilen, was man gerade denkt und erlebt – diese Gier nach Wahrnehmung, das ist das eigentliche Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom.

Und der Schlüssel...

...zur Wohnung der Eltern. Genau. Der soll heißen: Da kann ich immer noch hin, wenn’s nicht klappt mit dem Leben. Oder: Später erbe ich mal die Immobilie und dann mach’ ich meinen eigenen Laden auf. Dabei werden die Eltern ja älter, vielleicht sogar pflegebedürftig oder wollen in ein Seniorenheim umziehen. Und dann brauchen sie das Geld selbst. Das ist den meisten nicht bewusst. Oder sie schränken tatsächlich den Lebensstandard ihrer Eltern ein, weil sie es unzumutbar finden, eine Arbeit "unter ihrem Niveau" anzunehmen. Manche sind darüber 40 oder 50 Jahre alt geworden.

Eltern haben ja auch selten den Schlüssel zur Wohnung der Kinder.

Eben. Das zeigt das Kindverhalten.



Wollen oder können so viele Ihrer Meinung nach nicht erwachsen werden?

Junge Menschen heutzutage haben immer weniger das, was man Planungssicherheit nennt. Vor allem in beruflicher Hinsicht. In unserer Generation hat man ja häufig bis 30 studiert, danach musst du dich erstmal im Beruf festkrallen und überlegst dir erst mit Mitte 30, ob du ein Kind willst. Alles schiebt sich nach hinten. Außerdem: Erwachsenwerden gilt als etwas Negatives. Niemand will wirklich erwachsen sein.

Das gesellschaftliche Umfeld diktiert einen "Jugendwahn"?

Jugendlichkeit ist in vielen Fällen ein Muss. In der Werbebranche zum Beispiel ist man mit 40 Jahren raus aus dem Geschäft. Jugend ist ein Kapital, ganz klar. Es verspricht Entwicklung zu allem Möglichen. Um in unserer Gesellschaft als vielversprechend zu gelten, ist man nahezu gezwungen, "Jugend" zu repräsentieren: flexibel sein, bereit sein, in andere Länder und Städte zu ziehen, seine Bezugspersonen wechseln, neue Techniken lernen, sich auf neue Moden einlassen. Wenn man das auf Dauer darstellen will, kommt man allerdings an einen Punkt, wo der Körper ganz andere Signale aussendet. Dann wird das lächerlich.

Auch in der Generation der heute über 50-Jährigen haben viele so lange studiert und bis zu diesem Zeitpunkt selten eine Familie gegründet.

Erwachsenwerden funktioniert aber heute nicht mehr so wie bei unseren Eltern, auch wenn die eine verzögerte Adoleszenz hatten. Meine Generation hat in den 1990er Jahren das "Anything goes" erlebt. Und dachte, das funktioniert – arbeitsmäßig zum Beispiel. Jetzt sehen sie, dass eben nicht alles geht. Sie leben in einer Warteschleife und hoffen auf das "eigentliche" Leben. Das liegt auch an wirtschaftlichen Veränderungen. Anfang der 1990er fing das mit dem Internet an. Und alle setzten auf den großen Medien- und Internet-Hype. Aber der ist komplett abgesoffen. Trotzdem tragen sie in ihrer Umhängetasche noch immer das MacBook mit sich herum.

Menschen in Handwerk, Industrie, Verwaltung oder kaufmännischen Berufen haben damit eigentlich doch weniger zu tun.

Klar, damit meine ich schon die Kinder des bürgerlichen Mittelstandes, wenn man so will, die ja eigentlich auch vom Abstieg bedroht sind. Nicht jene, die eine Lehre machen. Die dann einen definierten Beruf haben und mit Glück auch in einem Betrieb unterkommen. Auch nicht die, die ohne einen Schulabschluss keine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben. Dennoch: Die Homosexuellenszene hat Bob Dylans "forever young" in den 90er Jahren vorgelebt – Jugendlichkeit, keine feste Beziehung und trotzdem ein gutes Leben. Das ist jetzt im Mainstream angekommen. Übrigens: Auch die sogenannte Funktionselite ist nicht mit meiner "Generation Umhängetasche" gemeint. Die folgt nämlich sozusagen schon von klein auf einem Lebens- und Businessplan.

Sie sind schon etwas mehr als 30 Jahre alt. Sind Sie jetzt erwachsen?

Ich bin immer noch damit beschäftigt. Ernsthaft. Erwachsenwerden, das sind kleine Schritte. Ich habe erst vor kurzem zum ersten Mal in meinem Leben Regale an die Wand gedübelt. Früher hatte ich wegen vieler Umzüge die Kisten erst gar nicht richtig ausgepackt und auch sonst habe ich nichts ernst genommen. Das ändert sich gerade. Weil das Leben eben nicht immer nur lustig ist. Ich bin auch bereit, Verantwortung zu übernehmen und laufe nicht immer wie ein 20-Jähriger herum, der gerade vom Indie-Konzert kommt. Ich kenne aber viele, die in meinem Alter immer noch nicht so recht wissen, wie es weitergeht. In jedem Fall ist es ein Thema, das alle in meinem Umfeld umtreibt.



Wenn Sie wirklich "groß" sind – was machen Sie dann?

Dann zieh ich nach Freiburg und baue mir ein Niedrigenergiehaus in Ebnet! Nein, im Ernst: Wenn man älter wird, sehnt man sich nach einer verlässlichen Struktur. Man muss ja nicht gleich zum Gartenzwerg werden.

Was raten Sie denen, die nicht erwachsen werden wollen?

Mein Buch ist vielleicht eher die Travestie eines Ratgebers. Eigentlich greife ich auf, was ich sehe und formuliere das in gestrenge Anweisungen, um für eine Jugend, die mit dem Versprechen – und dem Anspruch – auf Selbstverwirklichung aufgewachsen ist. Mit der Verheißung eines glücklichen Lebens, einer kreativen Verschmelzung von Leben und Beruf. Das wird in Zukunft immer weniger gelingen. Sich davon frei zu machen und die Realität zu akzeptieren ist ein schmerzlicher Prozess. Auch weil es heißt, sich von bestimmten Gruppen verabschieden zu müssen. Jeder muss sich aber selbst fragen, was er erreichen will – und realistischerweise erreichen kann.

Wann haben Sie gemerkt, dass es Zeit wird, erwachsen zu werden?

Als ich mit dem Studium fertig wurde. Bis dahin hatte ich auch ganz viele verschiedene Jobs. Und dann ist mir mit einmal alles, aber auch wirklich alles weggebrochen. Ich hatte nichts mehr. Und plötzlich wurde mir klar: Warten ist nicht mehr. Jetzt musst du einfach handeln. Du musst dein Leben in die Hände nehmen. Zu sagen: Hey, wir leben ein ganz unkonventionelles Leben...also ich weiß ja, wie das endet. Also fragt man sich: Will ich eine Familie gründen? Will ich eine solide Partnerschaft? Habe ich jahrelang studiert, um keinen vernünftigen Beruf zu finden, mit dem ich mein Leben selbst finanzieren kann? Unserer Generation sagt man gerne nach, dass sie völlig unpolitisch ist und keine Verantwortung übernehmen will. Und das stimmt auch zu weiten Teilen. Momentan liegen die Geschicke dieses Landes jedenfalls in den Händen von ganz anderen Menschen und die "Generation Umhängetasche" hat überhaupt nichts zu melden. Die haben ein Projekt, hören Musik und trinken Gin Tonic, aber es passiert nichts. Das führt nirgendwo hin.



Das werden die 30-Jährigen schon noch selbst merken, denke ich.

Gut. Es geht schon auch darum, in Würde...

. . . zu altern? Das ist aber ein alter Hut!

...in den nächsten Lebensabschnitt hinüberzugehen. Es wird ja immer behauptet, Erwachsensein sei spießig und Jugendlichsein cool. Ich halte das für eine Lebenslüge. Wenn du erwachsen wirst, musst du ja nicht automatisch deine Ideale über Bord werfen und zu einem Megaspießer mit Reihenhaus werden. Wer sagt das denn? Aber hängt das wirklich an Klamotten, Attitüden und Behauptungen? Ich glaube das nicht.

Sie reden so ernst. Dabei muss man beim Lesen Ihres Buchs dauernd laut lachen. Hat es Ihnen nicht Spaß gemacht, sich und Ihresgleichen mal so kräftig durch den Kakao zu ziehen?

Na ja, vor allem ist es auch so eine Art Bilanz meines bisherigen Lebensstils. Wie gesagt: Ich gehöre ja dazu.

Die Tasche ist also geräumt. Auf welchen Gegenstand konnten Sie am leichtesten verzichten?

Auf's Mac Book. Das muss ich wirklich nicht immer mit mir herumtragen.

...und auf welchen am schwersten?

Blöd. Ja. Das war der Schlüssel zur Wohnung meiner Eltern.

Zur Person

Martin Reichert, Jahrgang 1973, zog 1996 nach Berlin, studierte Geschichte und zog jedes Jahr um. Währenddessen hatte er zahlreiche Jobs. Heute ist er Redakteur der Berliner Tageszeitung "taz".

Mehr dazu:

Buch: Martin Reichert, "Wenn ich mal groß bin. Das Lebensabschnittsbuch für die Generation Umhängetasche ", Fischer, 235 Seiten, 8,95 Euro