Generation Praktikum? Ein Mythos!

Philipp Barth

Zukunftsangst gehört zum Alltag fast aller Studierenden. Denn wie es nach dem Abschluss weitergeht, das scheint heute so unsicher wie nie zuvor. Nach dem Studium drohen heute aneinander gereihte Praktika, die nicht bezahlt werden sowie prekäre Lebensverhältnisse. Das behaupten zumindest Journalisten in immer wiederkehrenden Geschichten über die "Generation Praktikum". Aber keine Angst, die Lage ist halb so schlimm. Denn die vielzitierte Generation gibt es gar nicht.



„Informatiker machen kein Praktikum nach dem Studium! Ich kenne keinen und habe noch von keinem gehört, der so etwas machen würde.“ Michael Janczyk steht kurz vor seinem Informatikdiplom an der Universität Freiburg. Unbezahlte Kettenpraktika, ausgenutzte Absolventen? Die Diskussion um die „Generation Praktikum“ war unter seinen Kommilitonen nie ein Thema. Der Übergang ins Berufsleben läuft für den 30-Jährigen problemlos, der Job in einem Forschungsprojekt ist ihm fast sicher.


Von einer sicheren Anstellung kann Isabel Heine hingegen nur träumen. „Die Diskussion um die Generation Praktikum spricht mir aus dem Herzen“, sagt die 23-Jährige. Im vergangenen Frühjahr hat sie in Freiburg ihren Bachelor in Frankomedia gemacht, ein Studiengang, der Medientheorie und Französisch kombiniert. „Es war mir vor dem Studium bewusst, dass die Jobsuche schwierig würde. Vielleicht war ich naiv, aber ich dachte, das wird schon.“ Zurzeit beendet sie gerade ein unbezahltes Praktikum bei TV Südbaden. Es ist schon ihr zweites nach dem Abschluss.

Unbezahlte Praktika und prekäre Verhältnisse nach dem Studium sind kein Massenphänomen

Von seiner eigenen Odyssee als Praktikant in den Medien berichtete vor rund fünf Jahren der Autor Matthias Stolz in der Wochenzeitung „Die Zeit“. Die Überschrift„Generation Praktikum“ lieferte das Schlagwort für eine Diskussion über Hochschulabsolventen, die vermeintlich von Praktikum zu Praktikum und von prekärer Arbeit zu prekärer Arbeit wechseln, ohne Perspektive auf eine Festanstellung. In fast jedem Medium war das Problem plötzlich präsent.
Die meisten Artikel basierten auf allgemeinen Eindrücken aus dem Umfeld der Journalisten und kamen anfangs ohne wissenschaftliche Daten aus. Selbst ernannte Vertreter der „Generation Praktikum“, wie der Verein Fairwork e.V., organisierten unter großem medialen Interesse den Protest.

Mit einer Titelgeschichte im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ Ende Juli 2006 war der Höhepunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit erreicht. Durch die aufgeregte Berichterstattung entstand der Eindruck eines gesellschaftlichen Massenphänomens.

Die Fakten jedoch sprechen eine andere Sprache. Alle wissenschaftlichen Studien haben bisher deutlich gemacht, dass Praktika nach dem Studium kein Massenphänomen sind und nur ein geringer Teil der Absolventen im Anschluss ans Studium dauerhaft prekär beschäftigt ist. Das zeigten bereits im Frühjahr 2007 die Ergebnisse der deutschlandweiten Absolventenstudie des Hochschulinformationssystems (HIS) aus Hannover. Knapp 12.000 Studienabgänger des Jahrgangs 2005 standen Rede und Antwort. Von ihnen hatten insgesamt 12 Prozent der Fachhochschulabsolventen und 15 Prozent der Universitätsabsolventen direkt nach dem Studienabschluss ein Praktikum gemacht. Ein Jahr später waren es nur noch zwei, beziehungsweise vier Prozent mit Praktikantenstatus.

Eine Studie des Internationalen Zentrums für Hochschulforschung (INCHER) bestätigte 2009 diese Ergebnisse. Die Befragung von deutschlandweit 35.000 Absolventen aus 48 Hochschulen zeigte zugleich, dass es keinen Trend hin zu einer Zunahme von Praktika gibt.
Von den erwerbstätigen Hochschulabsolventen des Jahrgangs 2007 waren demnach unmittelbar nach Studienabschluss nur vier Prozent als Praktikanten beschäftigt.

Zum Zeitpunkt der Befragung, eineinhalb Jahre nach Studienabschluss, waren es nur noch ein Prozent. Absolventen brauchen laut der Studie im Durchschnitt nur drei Monate, um eine Stelle zu finden. „Generation Praktikum Ade“ brachte Projektleiter Harald Schomburg die Ergebnisse auf den Punkt.

Ganz so rosig sieht es allerdings nicht für alle Absolventen aus. Geisteswissenschaftler hatten laut der HIS-Studie mehr als doppelt so oft Praktika gemacht wie der Durchschnitt der Befragten.
Diese Tendenz kann auch Elisabeth Zenkner von der Berufsberatung der Universität Freiburg bestätigen. „Die Geisteswissenschaftler haben große Probleme beim Berufseinstieg, ganz im Gegensatz zu den anderen Studienrichtungen. Das ist wie Schwarz und Weiß.“

Viele hätten während des Studiums verpasst, die Weichen zu stellen. Der Markt sei aber schon in den letzen Jahren schwierig gewesen und nach wie vor heiß umkämpft, besonders in den Medien. „Die Praktikumskultur kommt vor allem aus dem Journalismus und dem Verlagswesen.“
Tatsächlich spricht vieles dafür, dass die Medien mit der „Generation Praktikum“ vor allem sich selbst meinten.  Seit der Zeitungskrise um die Jahrtausendwende wird in Redaktionen und Agenturen gespart, Praktikanten waren und sind allgegenwärtig. Das in der Medienbranche überdurchschnittlich viele Praktikanten arbeiten, bestätigt die HIS-Absolventenstudie: Vom Absolventen-Jahrgang 2005 arbeitet demnach jeder neunte Praktikant in den Medien, aber nur jeder 30. regulär Angestellte. Absolventenstudien aus den Medienstädten Köln und Berlin zeigen außerdem, dass dort im Vergleich deutlich häufiger und länger Praktika gemacht werden.

Journalisten bestätigen in Gesprächen, dass in Redaktionen nicht selten die Praktikanten selbst über die Problematik schreiben durften, wenn sie das Thema nicht sogar vorgeschlagen hatten.
Diese unmittelbare Betroffenheit war die Basis dafür, dass sich die These von der „Generation Praktikum“ schnell verbreitete. Ist ein Thema erst einmal in Leitmedien wie Spiegel oder der Süddeutschen Zeitung präsent, dann ist der Druck für jede Zeitung groß, selbst auch darüber zu schreiben. Denn die Leser erwarten, über öffentliche Debatten auch in ihrem Blatt informiert zu werden. Schon entsteht ein weiterer Artikel, der mit dem Schlagwort „Generation Praktikum“ spielt, einem Logo, das wie geschaffen ist für die Medien: Kurz, knackig, zugespitzt.

Mit der  „Generation Praktikum“ meinten Journalisten  vor allem sich selbst

Das alles wäre schnell wieder eingeschlafen, hätten nicht Organisationen wie fairwork e.V. die Debatte mit medienwirksamen Ereignissen wie Demonstrationen oder Petitionen geschickt am Leben erhalten.

Der letzte Praktikantenstreik im Herbst 2009 in Berlin wurde sogar direkt von Praktikanten der tageszeitung (taz) organisiert. Die Debatte um die „Generation Praktikum“ ist ein schönes Beispiel, wie sich Medien um sich selbst drehen können. Auch wenn die Diskussion im Nachhinein etwas aufgesetzt wirkt, so ist unbestritten, dass sich die Arbeitswelt  verändert. Schwierigkeiten im Berufseinstieg zeigen sich dabei allerdings eher in Form von befristeten Beschäftigungsverhältnissen oder schlechter Bezahlung und weniger in ausbeuterischen Praktika.  Von jungen Absolventen wird Flexibilität erwartet, während sich die Phase bis zur ersten „richtigen“ Arbeit verlängert.

Isabel Heine, die Frankomedia-Studentin aus Freiburg, hat ihre Hoffnung auf eine feste Stelle nach dem Bachelor allerdings aufgegeben. In der vergangenen Woche hat sie einem Musikjournalismus-Master in Karlsruhe zugesagt. „Ich bin richtig erleichtert, denn jetzt ist erstmal wieder Ruhe angesagt.“

Zumindest für zwei Jahre.

fudder-Autor Philipp Barth hat im Jahr 2008 am Arbeitsbereich Absolventenforschung  der FU Berlin seine Diplomarbeit zum Thema geschrieben: „Die ’Generation Praktikum’ in den Medien – Karriere eines Mythos? – Erklärungsansätze für eine umstrittene Debatte.“

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