Gemütlichkeit galore: Ein Besuch im Omacafé

Helena Barop

In Freiburg gibt es sie noch, diese hübsch gepolsterten Cafés, die hauptsächlich von Seniorinnen mit abenteuerlichen Kopfbedeckungen besucht werden. Helena ist 20 und hat sich einfach mal dazu gesetzt. Eine Reportage aus dem Café Schmidt in der Bertoldstraße.



Ich betrete das Café Schmidt und könnte schon vom Kaffee-Kuchen-Sahnegeruch satt werden, der in der Luft steht. Vorbei an dem Riesenregal mit Schokoosterhasen, die, sorgfältig in Plastik verpackt, die Schwarzwälderkirschtorte bewachen, folge ich Aufforderung des Schilds: "Kommen Sie in unser Café im 1. Stock!". An einem der dunkelbraunen Holzfurniertische lasse ich mich auf einem altrosa-grün-gepolsterten Stuhl nieder und bestelle Kakao. Aber bitte mit Sahne.

Wo bin ich hier bloß gelandet? Das Café liegt mitten in der Innenstadt, wenige Luftlinienmeter trennen mich von Uni, Orsay und Theater, doch das normale Leben scheint weit entfernt. "Wie geht's deinem Sohn? Ist er unterwegs? Ach, im Mai kommt er wieder?" Durch den Holzvertäfelungsblickschutz, der den Raum in zwei Teile teilt, dringen Gesprächsfetzen. "Das Stadttheater mag ich gar nicht. Da kostet die Karte 15 Euro und dann sitzt man so schlecht". Beleuchtet von vergoldeten Wandlampen trinken ältere Leute Kaffee aus 50er-Jahre-Tassen mit braunmeliertem Zierstreifen. Strickjacken, rosa Perlenketten auf Sonnenbankhaut, Gesundheitsschuhe. Ich entdecke ein pinkes Pillentupperdöschen zwischen angeknabberter Sahnetorte und österlichem Entenschmuck.




Am Nebentisch rechnen zwei Freundinnen ihre Rentenansprüche aus. "Wenn der Werner vierzig geboren ist, dann... also hab ich ja früher aufgehört als der...". Vierzig geboren. Ich trinke meinen Kakao und fange an zu rechnen. 2007 minus 80 gleich 1927. Die goldenen Zwanziger, der erste Weltkrieg vorbei, Weimarer Republik. Die Frauen liefen mit kurzen Kleidchen und Zigarettenspitzen durch Berlin und tanzten in verrauchten Bars zu neuem Jazz. Von Hitler hatte noch kaum jemand etwas gehört. Wenn die Dame da vorne am Fenster achtzig ist, war sie 1939 zwölf Jahre alt.

Plötzlich ärgere ich mich über mich selber. Natürlich sind mir diese Leute fremd, mit ihren Sorgen, Gesprächsthemen und Haarnadelfrisuren. Uns trennen schließlich viele Jahrzehnte. Als ich mich zu einer Dame an den Tisch setze, fragt sie mich, ob mein Aufnahmegerät ein Handy sei. Sie trinkt am liebsten Schokochino und beobachtet an der Zimmerpflanze vorbei die Leute, wenn sie hier sitzt. Manchmal wird sie dann ein bisschen traurig, denn viele kommen alleine her. Sie auch. Sie ist achtzig.

Wir beobachten einen älteren Herrn im Hemd mit Fliege, zwei Tische weiter. Immer wenn die junge Kellnerin kommt, steht er auf, ein Gentleman. In einer einzigen Stunde trinkt er drei Kännchen Kaffee. Seine ostereiförmigen Plätzchen isst er mit Messer und Gabel. Und dann steht er auf, kramt unter seinem Nadelstreifensakko große Ohrenschützer hervor, setzt sie auf und macht seine Runde durch den Raum. In jeder Ecke dreht er sich einmal um sich selbst.

Sowas sieht man hier manchmal. Meine Tischnachbarin zuckt die Schultern: "So ist das eben, wenn man älter wird." Dann muss sie weg, auch Rentner haben Termine. Ich kehre zu meinem Platz zurück und bestelle die Rechnung.



2,30 Euro kostet mein Kakao. Zwei Erkenntnisse aus dem Café Schmidt: Altwerden macht unter Umständen wenig Spaß und kann sehr einsam sein; trotzdem oder vielleicht gerade deshalb lässt es sich mit Achtzigjährigen prima plaudern. Als ich das Regal mit den Räuber-Hotzenplotz-Kaffeemühlen passiert habe und ich mich wieder auf die nasskalte Bertoldstraße wage, nehme ich mir vor, meine Oma in Bonn bald wieder zu besuchen.