Geld verdienen in Second Life

Christoph Müller-Stoffels

Geld verdienen. Die großen Möglichkeiten des zweiten Lebens ausschöpfen. Virtuell reich werden, um sich dann real zur Ruhe zu setzen. Second Life-Blogger Christoph erzählt von seinem Streben nach dem großen Geld in bequemen Stühlen, dem Metaversum und dem Jahr 1992. Und Sex natürlich.



Dass man seine erste Million auch über das zweite Leben verdienen kann, wurde an dieser Stelle schon mehrfach thematisiert. Auch bescheidenere Summen lassen sich erzielen. So schätzt Linden Lab, dass etwa 17.000 Bewohner von Second Life einen "positive cash flow" hätten, wovon etwa 450 rund 1.000 US-Dollar monatlich verdient.


Positive cash flow hört sich gut an, denke ich mir. Das will ich auch. Mein EnBW-Rucksack-Job hat bislang nicht den erwünschten Geldregen beschert. Bislang wächst mein Kontostand einzig durch die wöchentlichen Überweisungen, die Linden Lab jedem Premium-Account-Inhaber zukommen lässt.

Das ist natürlich besser als nichts, stelle ich fest, als ich mit einem Neuankömmling spreche. Er hat eine Basis-Mitgliedschaft gewählt. Kein Geld einbezahlt, kein Geld rausbekommen. Dabei würde er so gerne ins Kasino. Ich schenke ihm einen Joint und muntere ihn auf. "So kannst du wenigstens nicht Pleite gehen." Seine Einstellung ist eine andere. "Lieber verliere ich hier Geld, als in der wirklichen Welt."

Die Einstellung ist ebenso lobenswert, wie gefährlich. Denn dadurch, dass Second Life die Grenzen zwischen Realität und Virtualität verschwimmen lässt, kann einen auch der virtuelle Spieltrieb ins real-finanzielle Straucheln bringen. Spätestens dann nämlich, wenn man sich denkt, dass das Metaversum "um Klassen besser ist, als der beschissene U-Stor-It" und man sein Geld ebenso gut dort ausgeben kann. Das ist ein Zitat aus Snow Crash von Neal Stephenson. Das Metaversum ist eine virtuelle Welt, vergleichbar mit Second Life, der "beschissene U-Stor-It" ist die Realität des Protagonisten.

Ich habe das Buch gerade erst zu lesen begonnen, doch schon nach 60 Seiten fröstelt mich. Zu sehr erinnern die Beschreibung an meine Realität in der Virtualität. Dabei ist es bereits 15 Jahre alt. Im Mittelalter wäre das fast nichts gewesen, heute ist es eine Ewigkeit. Damals, 1992, wurde Kasachstan Mitglied der OSZE. Weiß das noch jemand? Das war am 30. Januar. Im gleichen Jahr ist Hans-Dietrich Genscher (der gelbe Pullunder mit den großen Ohren) als Außenminister zurückgetreten und Microsoft hat Windows 3.1 auf den Markt gebracht. Windows 3.1! Die Charts wurden damals beherrscht von Salt ’n’ Pepa und U96.

Aber ich wollte ja Geld verdienen. Etwas planlos gebe ich „Job“ in die Suche ein. Die ersten zwanzig der etwa 250 Möglichkeiten (darunter auch viele Avatare mit dem Vornamen Job) haben ausschließlich mit Sex zu tun. Begleitservice-Agenturen stehen hoch im Kurs. Das "Free Sex Paradise" quillt nur so über vor Fotos realer Geschlechtsteile, vor allem weiblicher. Viele Avatare laufen nackt herum, wobei sie aber sehr an gerade aus Ton geformte und lieblos gestaltete Paradiesvögel erinnern. Sie haben wohl nicht alle das Glück gehabt, gleich am zweiten Tag primäre Geschlechtsmerkmale geschenkt bekommen zu haben. (Oder sie sind schon am ersten Tag in den Sex-Tempel gerannt.)

Ich versuche mein Glück woanders und finde die berühmten Geldverdien-Stühle. Man setzt sich drauf und verdient. In diesem Fall sind es zwei Linden$ in zehn Minuten. Allerdings muss man alle zehn Minuten wieder seine Anwesenheit bestätigen. Außerdem sitze ich vor einem Spielautomaten, dessen Reiz ich schon nach kurzer Zeit erliege. Einmal kann man es ja ausprobieren. Natürlich verliere ich. Auch ein zweiter Versuch bringt nichts ein. Auf einen dritten Versuch verzichte ich. In den 20 verschenkten Minuten habe ich auch noch 16 Linden$ verloren, denn den vier verdienten stehen 20 verspielte gegenüber.

Positive cash flow. Mir war schon vorher klar, dass manche User verlieren müssen, wenn andere gewinnen. Aber ich hatte bislang nicht vor, dazu zu gehören... Dabei haben viele Menschen über Second Life schon einen realen Job gefunden, na ja, zumindest einen semi-realen. CNN berichtet darüber, wie manche Firmen neue Mitarbeiter direkt über Second Life anwerben. Die seien zwar oft keine Profis, aber durch ihre Erfahrung in SL zu Experten geworden.

Diese Experten schaffen nun nach und nach allen großen Unternehmen Niederlassungen im Metaversum Second Life, denn, so ist sich Brandon Berger von OgilvyInteractive’s Digital Innovation unit sicher, "someday...we’ll all have avatars". Auch Irving Wladawsky-Berger, Vizepräsident für "technical strategy" bei IBM, teilt diese Ansicht. "Virtuelle Welten sind heute auf dem Stand, auf dem Video und VCR in den frühen 1980ern war, oder das Internet 1993." Oder 1992. Windows 3.1.

Ich habe erst mal genug vom virtuellen Geldverdienen. 1750 Server sollen für SL zur Verfügung stehen. Die niederländische Bank ABN Amro eröffnete unlängst eine virtuelle Filiale. Etwa 65 Firmen sollen laut CNN den Sprung ins Metaversum gewagt haben. Wie mit anderen Angaben auch (2,6 Mio Bewohner, statt der tatsächlichen 3,2 Mio), dürften sich die Amerikaner auch hiermit verschätzt haben. Wahrscheinlich sind es bereits deutlich mehr. Viel Geld lässt sich da verdienen. Aber will ich das tatsächlich? Reales Geld in der realen Welt scheint mir gar keine so schlechte Alternative zu sein, positive cash flow inklusive. Second Life ist mir sowieso gerade wieder zusammen gebrochen. Ich habe die leise Hoffnung, dass das mit der realen Welt nicht passiert.