Geheimsache Götz Alsmann

Matthias Cromm

Vielredner, Schnellsprecher, Doktor der Musikwissenschaft, Funk- und Fernsehunterhalter, musikalischer Querdenker, Multiinstrumentalist, Schallplattenenthusiast, kleiner schwarzer öliger Vogel, Stilwunder, Krawattenbrillenmanndesjahres und Blue Note Recording Artist: all das und noch viel mehr gastierte in Form des wie immer wohl frisierten Götz Alsmann am Freitag im Paulussaal zu Freiburg.



Ich war noch nie im Paulussaal, meine schlimmen Befürchtungen werden schwer enttäuscht. Foyer und Saal präsentieren sich im kühlen, gepflegten aber dennoch leicht abgeschabten Stil der Ära des Wirtschaftswunders. Das ist charmant, ehrlich und auf seine Weise passend zum Anlass. Die Aufforderung, hier bitte nicht zu Rauchen, steht in einzelnen, polierten Alulettern an der Wand, die Saaldecke ist mit skurrilen Formen in diversen Farben abgehängt, der Holzfarbton der Bestuhlung erinnert mich stark an die Kommode im Flur meiner Großeltern. Ist das nicht Palisander?


Alles um mich herum ist ein Relikt der Zeit ,als die Worte Schlager und Jazz noch eine Provokation für die ältere Generation waren und Götz Alsmann als hochmodern, bei den Teens wahrscheinlich als dufte gegolten hätte.



Das Publikum ist durchmischt. Rastazopf, KulturbürgerInnen, ältere Herrschaften, hier und da ein junger Herr mit Pomade im Haar und gut sitzendem Anzug, vollbärtige Geisteswissenschaftler, ein paar Familien mit ihren Teenager-Sprösslingen. Man setzt sich, Licht aus, Spot an. Die Band steht auf der Bühne, Herr Alsmann wird lauthals angekündigt, alles alte Schule.

Seit Götz Alsmann 1972 im zarten Alter von 15 Jahren als Banjospieler der Kraftjazzformation „Heupferd Jug Band“ beigetreten ist, steht er auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Man merkt sofort, hier wird dem Wort Unterhaltung der fade Beigeschmack ausgetrieben, der Anzug und jedes Wort sitzt perfekt. Des Geständnisses, dass er den Mund nicht halten könne, er rede viel, sehr viel, hätte es nicht bedurft. Wer das nicht schon vorher wusste, der ist nicht von dieser Welt oder wäre zumindest nicht jetzt im Paulussaal.



Das Programm heißt "Mein Geheimnis", ergo gibt Götz Alsmann in seinen ausufernden Ansagen seine münchhausesken Geheimnisse preis, Schwänke aus seinem erfüllten Leben, die tiefsten und dunkelsten Geheimnisse über den Deutschen Jazzschlager, seine Schwester Gretel, die größten Verheißungen des Glücks, das zerrissene Foto im Papierkorb seines Hotelzimmers, seine schlimmsten Albträume und – natürlich – die anwesende Götz Alsmann Band.

Bassmann Michael Müller begleitet Götz Alsmann schon seit den späten 70ern als Mitglied der Rockabilly Combo Götz Alsmann & the Sentimental Pounders. Markus Paßlick, das Küken und Percussionist der Band, ist schon seit Ende der 80er mit dabei. Man entwickelte sich immer weiter Richtung Jazz und Swing und seit 1989 steht die Götz Alsmann Band für Jazzschlager allererster Kajüte. Am Schlagzeug sitzt Rudi Marhold und seit einigen Jahren ist Vibraphonist Altfrid Sicking an Bord.

Die Songs lassen teilweise das Tanzbein ordentlich kribbeln und ich verfluche die Bestuhlung, in Abwechslung mit charmanten Balladen, die an die glücklicheren Tage des deutschen Schlagers erinnern, und ich möchte meinem Sitznachbarn den Kopf auf die Schulter legen und hauchen, "Ah wie schön". Musikalische Perfektion, nie zu viel, nie zu wenig, trifft auf scheinbar leichte Unterhaltung.

Die Band gibt sich bescheiden, immerhin sind die Herren die erste deutsche Band auf dem legendärsten und ältesten Jazzlabel der Welt, Blue Note. Obendrein hat man bereits so ziemlich alle relevanten Jazzpreise verliehen bekommen. Allerdings scheinen der Band auch noch nicht alle Ausführungen ihres wortgewandten Häuptlings geläufig zu sein, während Götz mal warm und weich, mal aufgeregt mit rotem Kopf und hervortretender Halsschlagader nonchalant seine Geheimnisse offenbart, lacht sich die Band hinter seinem Rücken schief und krumm.



Nach der Pause gibt’s ein paar charmante Songs von Götz und seiner Ukulele, Markus Paßlick darf auch ein paar Schwänke über sich und die Band zum Besten geben. Zugaben werden großzügig gegeben, das Publikum ist begeistert und die Band macht einen zufriedenen Eindruck.

Vieles hat uns Götz Alsmann verraten, nur eines wird wohl ein ewiges Rätsel bleiben: wer zur Hölle war der Herr mit Pomade im glänzenden schwarzen Haar und dem perfekt sitzenden 20er-Jahre-Anzug, bei dem Herr Alsmann seinerzeit die Empfangsbestätigung für die Noten und Texte seiner Songs unterzeichnet hat…?

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Web: Götz Alsmann - Offizielle Website [Fotos: Caro]