Gegen die Großstadtblasiertheit

Markus Steidl

Heute Abend eröffnen die großartigen Bowel Function für den weniger großartigen Krokus im Jazzhaus. Unser Autor Markus Steidl hat sich eine ganze Woche Zeit genommen, um das neue Album der Freiburger Rockband Bowel Function auf sich wirken zu lassen. Hier sein lesenswerter Bericht aus der Hauptstadt und von der Reise dorthin.



Es ist jetzt vier Uhr morgens. Ich bin seit 20 Stunden wach, aber jetzt einzuschlafen wäre nicht sinnvoll. In 40 Minuten soll ich in Offenburg das erste von fünf Malen umsteigen: „Nimm Nahverkehrszüge nach Berlin, und ein Wochenendticket“, haben sie gesagt. „Das ist billiger“, haben sie gesagt. Dass es jedoch vierzehn Stunden dauert, glaube ich zwar ebenso gehört zu haben, aber wenn, dann nur in einem Halbsatz und mindestens mit dem Appendix „aber das macht nicht so viel“.


Meine Sitznachbarn stört es augenscheinlich, dass sie die Musik aus meinen Ohrknöpfen mithören müssen. Es läuft Bowel Function, das neue Album. Das trägt noch keinen Namen, weil es regulär erst im Dezember (auf Jazzhaus Records) erscheint. Da ich aber meinen Mund nicht halten konnte und mir angemaßt habe, zur Platte etwas Wertvolles und Nützliches sagen zu können, darf ich sie jetzt schon hören.

Wie kritisiert man jetzt ein Album von Leuten, mit denen man zusammen arbeitet und sich auch hie und da mehr oder weniger gepflegt betrinkt? Wie macht man es, dass das Ganze nicht nur zur Lobeshymne wird? Am besten nimmt man sich Zeit, dachte ich, packte die Musik auf den Mp3-Player und beschloss, meine Urlaubswoche in der Hauptstadt dazu zu nutzen, um mich mit diesem Album zu beschäftigen. Im Zug funktioniert die Scheibe schon mal sehr gut. Als Wachmacher und -halter. Das passt mir gut in den Kram.

Nachdem mir die Bandmitglieder erzählt hatten, was während und zwischen den Aufnahmen vor zwei Wochen alles passiert ist, klingt das Album für mich schon nicht mehr nur wie ein simples Produkt, sondern fühlt sich ein wenig an wie dabei gewesen. Etwas über einen idealen objektiven Eindruck zu sagen, den die Platte hinterlässt, fällt mir daher schwer, viel mehr muss ich grinsen, wenn mir das von der Band in der Recording-Zeit sehr häufig gebrauchte „Ist halt abgezockt“ einfällt, wenn ich darüber nachdenke, was ich jemandem antworten würde, der mich fragt, warum das jetzt eine gute CD sei und nicht eine banale. Gut ist sie nämlich.

Was schon einmal bewundernswert ist: Aufgenommen wurde die Platte in einer Rekordzeit von fünf Tagen. Der Grund mag sein, dass schlichtweg nicht mehr Zeit eingeplant war. Aber jetzt bettnässerisch zu behaupten, dass nach so kurzer Zeit ja wohl kaum ein mehr als halbgares Stück Musik entstehen könne, sollte nur jemand tun, der Wert darauf legt, von mir für einen Naivling gehalten zu werden. Halbgar ist da nichts.

Alles daran klingt passend, im Sinne von: „da, wo das ist, gehört es auch hin.“ Das Schlagzeug sitzt wie angegossen, und die ebenfalls sitzenden Gitarrensoli, Bassläufe und Gesangsparts sind eben grundständig und unversetzbar. Abgezockt eben. Dass man sich nicht einem angeberischen, vorher nie da gewesenen, alles über den Haufen werfenden Klangmonstrum in der Tradition einer Protz-Prog-Combo wie The Mars Volta konfrontiert sieht, muss klar sein, stört aber nicht im Geringsten, sondern ist äußerst erfrischend, was auch simpel zu erklären ist.

Berlin ist, wie jedes Mal, wenn ich hier bin und darüber nachdenke, allem gegenüber offen, aber darum auch allem gegenüber ein wenig ignorant. Man hat das Gefühl, dass jeder alles schon gesehen hat, niemand mehr zu überraschen ist, alle abgebrüht sind. Ich sehe im BabYlon-Kino am Kottbusser Tor den neuen Michel Gondry-Film „The Science Of Sleep“ und bin mir sicher, dass die Berliner Zuschauer lächelnd und angesichts dieser überbordenden Bildhaftigkeit immerhin bis an die von der Großstadtblasiertheit gesetzten Grenzen zufriedengestellt aus dem Kino und eine Bionade trinken gehen, oder eine ähnliche, aus der Mischung aus Fitnesswahn und Trendsucht entstandene Erfindung. Ich allerdings bin leicht enttäuscht von dem Streifen und finde erst in einem Ausspruch Moe Szyslaks, seines Zeichens Barkeeper in der Animation-Comedy-Serie „The Simpsons“ meine Meinung teilweise wieder: „Post-modern. Weird for the sake of being weird.“

Bowel Function sind vielleicht alles, aber nicht das. Mit Michel Gondry trinke ich bestimmt nie einen Kaffee, einfach aus Angst, ich könnte meschugge werden. Mit der Band da, allerdings, freut man sich regelrecht darauf, zu trinken, ob Kaffee oder anderes, ist egal. Man freut sich, weil man weiß, dass alles auf dem Boden, aber vor allen Dingen nachvollziehbar und angenehm bleibt. Man möchte dann völlige Zustimmung für ihren Plan äußern, weil man zugegebenermaßen leicht euphorisiert ist. Auch ich bin dann so, dass ich in der ersten Reihe stehen und „Bowel Function!“ skandieren will, obwohl derlei Gröhlerei eigentlich gar nicht so mein Stil ist, und obwohl ich genauso die Berliner Studenten mag, die, wie eine Autorin, ich glaube es war Juli Zeh, einmal gesagt hat, aus Süddeutschland hierher gezogen sind, weil sie die Stadt mit einer Berufung verwechselten und Aufregung in ihr Leben bringen wollten. Wenn man den Leuten hier Bowel Function vorspielt, verdrehen sie bestimmt die Augen und sagen „Hard Rock eben.“, um sich dann für eine Untergrundparty mit viel Koks und Minimaltechno am Prenzlauer Berg oder so ähnlich frischzumachen. Vielleicht übertreibt meine Fantasie da aber auch.

Aber: Sogar aus den Mündern meiner imaginären Berliner hört man trotz dieser ignoranten Bewertung immerhin so etwas wie: „aber trotzdem ganz gut gemacht, die Musik.“ Was wohl das höchste ist, was man von dieser Einbildung erwarten kann.

Man muss von mir sagen, dass ich zwar auch nicht postmodern, aber eigentlich immerhin post-heavy-rock bin, mittlerweile. Und trotzdem reißt diese ganze Geschichte mit. Dass man in einem Musikgeschäft steht und sich vorstellt, dass es verdammt gut aussähe, wenn da jetzt eine BF-Platte im Regal als Empfehlung stünde. Das ist nicht nur Sympathie (es wäre albern, Musik nach Sympathien zu beurteilen), sondern die Freude daran, dass so ein gutes Produkt langer Arbeit von Menschen kommt, die man kennt.

Obwohl das jetzt mehr Lobeshymne war, als ich eigentlich ausschreiben wollte: Hören! Jetzt. Oder mindestens auf der Record-Release-Party im Jazzhaus am 22. Dezember. Dürfen von mir aus auch Berliner hingehen.



Bowel Function: Website& MySpace
Krokus: Website & MySpacebr>

Was: Krokus & Bowel Function
Wann: Montag, 23.10. 2006, 20 Uhr
Wo: Jazzhaus, Freiburg

Was: Bowel Function Record Release Party
Wann: Freitag, 22.12. 2006
Wo: Jazzhaus, Freiburg