Gedenkminute bei gefühlten 60 Dezibel

Aljoscha Harmsen

Strömender Regen begleitete das Gedenken an die Verstorbenen des Hugstetter Bahnunglücks. Fast wie damals, vor 125 Jahren, als infolge eines schweren Wolkenbruchs vermutlich unterspülte Schienen zu dem schwersten Bahnunglück bis Eschede führten. Rund 30 mit Regenschirmen gerüstete Gäste gedachten gestern Nachmittag der 65 Unfallopfer, für die der Bürgermeister durch einen Gärtner am Morgen einen Kranz niederlegen ließ.



Die Endhaltestelle der Linie 1 in Landwasser. Ein Blick auf die Elsässer Straße, an der die Gedenkstätte für das Hugstetter Bahnunglück irgendwo sein muss.


Links und rechts der stark befahrenen Straße dämmen Bäume und Sträucher einer Mauer gleich den Blick ein, sodass außer dem Grau der Straße und dem Grün der Bäume nichts zu sehen ist. Nach rund 200 Metern stadtauswärts auf der bürgersteigfreien Schnellstraße unterbrechen etwa sechs auf beiden Seiten der Straße parkende Autos die Baummauer und deuten an, dass hier die Gedenkstätte sein muss. Beim Näherkommen trotzt ein Halbkreis aus bunten Regenschirmen dem seit Stunden anhaltenden, grauen Regenwetter. Unter den Schirmen stecken gealterte Gesichter unter einer mit Kruzifix gekrönten Gedenktafel.

Gerlinde Schrempp, zweite Vorsitzende des Bürgervereins Landwasser, Stefanie Hasebrink, Pastorin der Zachäus-Gemeinde Landwasser und Wolfgang Klinger, Schatzmeister des Bürgervereins, sprechen jeweils einige erinnernde und vorausschauende Worte.

Allerdings erschwert nicht nur der Regen die Anteilnahme, sondern auch die Tatsache, dass sich die Gedenkstätte direkt an der stark befahrenen Elsässer Straße befindet. Schon in der zweiten Reihe ist der Wortlaut der drei Repräsentantenreden nur noch zu raten. Als Pastorin Hasebrink dann zur Gedenkminute aufruft, gelingt es den wenigsten Gästen, in sich hinein, statt auf die vorbeifahrenden Autos zu hören.

Die anwesenden Journalisten lockern die wegen des Lärms ohnehin nur mühevoll bedächtige Veranstaltung durch ihre Regieanweisungen beim Fotographieren unfreiwillig auf. Die Regenschirme müssen beim Foto schließlich weg, damit sie nicht das Denkmal verdecken. Die anfängliche Unsicherheit, wer welchen Regenschirm halten soll, führt zu Verlegenheitsschmunzeleien.

Bedächtigkeit und Leichtigkeit wechseln in absurder Art hin und her. Hinterher sprechen einige Gäste nicht vom dem Unglück, sondern eher von der Tatsache, dass die Gedenkstätte so unglücklich nah an der Straße liege.



Dass heute noch eines Unglücks gedacht wird, das 125 Jahre zurück liegt und mittlerweile von der Katastrophe von Eschede überrundet wurde, begründet Schrempp damit, dass wir es den Verstorbenen einfach schuldig seien, uns ihrer zu erinnern. „Es macht einem deutlich, wie schnell das Leben vorbei sein kann“, sagt Klinger. Für den hauptberuflichen Katastrophenschützer hat das Unglück eine besondere, nachdenklich stimmende Wirkung. Er selbst erinnert sich, wie er früher bei Schulausflügen nach Frankreich schon mit der Erinnerung an die Unfallopfer in Berührung kam.

Direkt Betroffene gibt es nicht mehr. Das Unglück steht an dieser Straße eher wie ein abstraktes Gemälde für einen Gedanken und eine Pflicht. Weniger für Menschen, die an der einige Meter hinter dem Denkmal im dunklen Wald verlaufenden Bahnstrecke ihr Leben verloren.
Dass hinter dem Denkmal überhaupt außer Wald noch Bahngleise verlaufen, die den Standort der Gedenkstätte überhaupt erst nahelegen, wurde bewusst, als überraschend eine Bresigau S-Bahn während der Veranstaltung vorbeifuhr und einen Lärmausgleich zu dem Verkehr auf der Elsässer Straße darstellte.



„Ein Grund, dass wir heute noch an das Unglück erinnern, sind sicher auch die seit 1960 wieder besseren Beziehungen zu Frankreich“, sagt Schrempp. Zur Zeit des Unglücks war die Ländergrenze nicht am Rhein, weiß Schrempp, und es gab beiderseits des Flusses Hinterbliebene, sodass noch zum 120. Gedenktag auch Franzosen gekommen waren. Dass dieses Mal keine dabei sind, führt sie auf das schlechte Wetter zurück.

Mehr dazu:

  • Staufener Wochenblatt aus der Unglückswoche: Titelblatt