Geboren am 11. September

Martin Jost

Was hast du am 11. September 2001 gemacht? Darauf haben die meisten Menschen sofort eine Antwort. Wo sie waren, als sie zum ersten Mal von den Terroranschlägen in Amerika erfuhren, wissen sie noch, als wäre es gestern gewesen. Helga Ritthaler aus Freiburg jedoch erzählt zuerst von einem anderen Ereignis: der Geburt ihre Tochter.



Muriel ist eine der letzten echten Bobbele: Am Sonntag vor zehn Jahren kam sie im Elisabethkrankenhaus zur Welt, das es längst nicht mehr gibt.


„Es war meine allererste Geburt, also war ohnehin alles ziemlich spannend“, sagt ihre Mutter Helga Ritthaler. „Mitten in der Nacht fingen bei mir die Wehen an. Wir riefen unsere Hebamme an und sie kam vorbei.“ Die Hebamme riet, gleich ins Krankenhaus aufzubrechen. „Noch im Dunkeln kamen wir im Krankenhaus an“, sagt Helga Ritthaler. „Aber die Geburt dauerte bis mittags um halb zwölf.“

Und wann hat sie zum ersten Mal davon gehört, dass Terroristen in den USA vier Passagierjets entführten, von denen zwei in die Zwillingstürme des World Trade Centers steuerten, einer ins Pentagon flog und einer in Pennsylvania zum Absturz gebracht wurde? „Ich versuche, mich zu erinnern. Es war wohl schon gegen Abend, als ich davon erfuhr. Ich glaube, mein Vater hat es mir am Telefon erzählt, ganz vorsichtig.“ Das erste Flugzeug war kurz vor 9 Uhr US-Ostküstenzeit in den Nordturm der Twin Towers eingeschlagen, in Deutschland war 15 Uhr.

Am Anfang war die Katastrophe nur eine schlimme Nachrichtenmeldung unter vielen für Helga Ritthaler, die von der Niederkunft erschöpft und gleichzeitig unendlich glücklich war, dass ihr ganz persönliches Weltereignis so reibungslos vonstatten ging: Muriel war gesund und munter.

„Wie schwer die Menschen die Berichte nahmen, wurde mir erst klar, als unsere Hebamme am nächsten Tag mit mir darüber sprechen wollte. Sie sprach von ihrer Angst, dass es einen Krieg geben würde. Da bin ich erschrocken.“ Muriels Vater Marco hatte auf dem Heimweg Nachbarn von der Geburt erzählt und war im Gegenzug von ihnen auf den neuesten Stand gebracht worden.

„Irgendwie surreal“

„Es war irgendwie surreal“, sagt Helga Ritthaler heute, „die Information drang überhaupt nicht richtig zu mir durch. Das andere, die Geburt von Muriel, stand so viel mehr im Mittelpunkt.“ Auch die vier Großeltern hatten sich sehr auf ihr erstes Enkelkind gefreut. „Aber als meine Schwiegereltern sagten, sie hätten es schwer gefunden, im Schatten der Ereignisse auf die Geburt anzustoßen, war ich erst ein kleines bisschen verletzt.“ Später hat sie verstanden, dass es sich nicht um eine Nachricht wie jede andere handelte. „Ich hatte und habe keinen Fernseher, deswegen habe ich die Bilder immer nur als Standfotos gesehen. Das ist wohl ein Unterschied zwischen mir und den meisten Leuten.“

„Mir ist noch eingefallen: Mit mir lag eine Frau auf Station, die am selben Tag oder am Tag davor eine Tochter bekam. Sie nannte sie Shanti, was Frieden bedeutet.“

Gibt es ein Ereignis aus Helga Ritthalers Lebenszeit, das sie genau so erschüttert hat wie viele die Anschläge vom 11. September? „Tschernobyl war etwas, das mich ewig lange erschüttert hat, was man aber nicht so richtig greifen konnte als Kind beziehungsweise Jugendliche.“

Für mich ist komisch, dass die Ereignisse vom 11. September 2001 so mit ihrem Datum verknüpft werden. Andere Katastrophen heißen immer nach einem Ort – wie Tschernobyl. Der 11. September heißt nun aber 11. September und das ist doch eigentlich der Tag, an dem wir Muriels Geburtstag feiern!“

Und Muriel? Ist sie genervt von dem Gedenktag, der alle Jahre wieder zu ihrem Geburtstag aufkommt? „Genervt ist sie nicht“, sagt Helga Ritthaler. „Sie hat wohl noch nicht so viel von dem Thema mitbekommen. Jetzt, wo sie zehn wird, kann sie langsam verstehen, was andere mit dem Datum verknüpfen. Ihr Geburtstag steht für sie trotzdem im Mittelpunkt.“

Zur Party am Sonntag kommen erstmal Familie und Muriels beste Freundin. Der Kindergeburtstag kommt danach. Muriels Schwestern, die siebenjährige Norea und die fünfjährige Sofia, feiern mit ihr. Denn für Familie Ritthaler ist der 11. September ein glücklicher Tag.


[von klinks nach rechts: Norea, Sofia & Muriel]

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