Gebetswache auf dem Lindenberg

David Weigend

Nicht weit von Freiburg, bei Sankt Peter im Schwarzwald, halten Männer rund um die Uhr Wache. Sie stehen in der Wallfahrtskapelle auf dem Lindenberg und beten. Ein Blick in das Leben von Männern, für die eine Marienerscheinung ein unübertreffbares Erlebnis darstellen würde.



Der Mensch trägt die Sehnsucht nach Glück in sich. Jeder hat eine andere Vorstellung von Glück. Viele finden es im Gebet zu Gott. Auf dem Lindenberg, einem Wallfahrtsort zwischen Stegen und Freiburg, beten die Pilger zu Maria. Einige Männer tun dies rund um die Uhr. Sie halten Gebetswache.


Einer von ihnen ist Heinz Veser. Er ist 77, war früher Maler, kommt vom Bodensee und ist nun Obmann von der 17-köpfigen Gebetsgruppe Radolfzell. Am Samstag sind die Männer angereist, um in der Wallfahrtskapelle vom Lindenberg Gebetswache zu halten. Bevor Veser erklärt, warum er das macht, gilt es zu erläutern, woher diese eigentümliche Tradition kommt.

Die Gebetswache

1955 war Konrad Adenauer Bundeskanzler und es war ihm ein Anliegen, sich für die Freiheit der rund 10.000 deutschen Kriegsgefangenen einzusetzen, die sich noch in der Sowjetunion befanden. Adenauer wusste, dass er allein auf das Entgegenkommen und die Milde der russischen Regierung hoffen konnte. Bevor er zu Verhandlungen nach Moskau reiste, bat der gläubige Christ Adenauer die Deutschen darum, zu beten. In Freiburg bildete sich eine Gruppe von 30 Männern um den Prälaten Stiefvater. Sie sagten: „Wir gehen nach Flüeli in die Schweiz und beten dort rund um die Uhr für die Mission des Kanzlers.“ So machten sie es, in der Heimat des Schweizer Friedensheiligen Nikolaus von Flüe.

Adenauers Unterredungen in Moskau waren schwierig, es sah nicht nach einer Freilassung aus. Am 12. September 1955 wollte Adenauers Delegation abreisen. Chruschtschows Unterhändler Nikolai Bulganin lud Adenauer jedoch zu einem letzten Gespräch. Die Russen lenkten ein, die deutschen Kriegsgefangenen kamen frei. Adenauer hat dieses Einlenken auch dem Gebet der Deutschen zugeschrieben.



Die Gebetsmänner aus Freiburg nahmen Adenauers Dank in Empfang und sie entschlossen sich dazu, weiterzubeten: „Es gibt der Anliegen viele, für die es zu beten lohnt.“ Die Gruppe um Stiefvater suchte in der Freiburger Diözese einen Ort für die Fortführung des Gebets. So fanden sie den Lindenberg bei Sankt Peter, einem Pilgerort seit über 500 Jahren. Ein abgeschiedenes Refugium auf 750 Meter Höhe. Zunächst kamen die Männer für nur einige Monate im Jahr. Inzwischen sind es über 1000, die sich das ganze Jahr über Woche für Woche ablösen. Jeden Samstag wechseln die Gruppen. Das katholische Männerwerk in Freiburg koordiniert den Plan.



Ekstase

Heinz Veser, der seit dem Jahr 2000 stets für eine Woche im Jahr hierher kommt, trägt ein weißes Hemd und einen roten Pullunder. Er sitzt im Speisezimmer, schaut hinab ins Dreisamtal. Sein Blick schweift ab gen Zastler und Feldberg. Es ist viertel vor 12. Heute Früh um Acht war er zuletzt dran mit der Gebetswache, gemeinsam mit zwei anderen, drüben, in der Kapelle. Um 14 Uhr wird er seine Kameraden wieder ablösen für eine Stunde, dann wieder um 22 Uhr. Wie ist es, nachts dort zu stehen und zu beten? „Tagsüber sind meist andere Gläubige da, die in Stille beten wollen. Also verbringen auch wir unser Gebet in Ruhe. Aber nachts, da singen wir. Wie die Lerchen, stehend vorm Altar.“

Maria dich lieben, Stella Maris, golden strahlst du Maria. „Männer mögen Marienbilder“, sagt Veser. Er hat eine konkrete Vorstellung davon, wie die Muttergottes aussieht. „Sie hat sich ja oft gezeigt, in vielen Erscheinungen. Anhand der Augenzeugenberichte fertigten Schnitzer, Bildhauer und Maler ihre Abbilder.“ Veser spricht davon so nüchtern, als würde er die Arbeit eines Phantombildzeichners beschreiben. Für ihn besteht kein Zweifel daran, dass es diese Visionen gegeben hat.

Er spricht von genauen Aufzeichnungen und von Marias Wandlungsfähigkeit. Mal zeige sie sich im Strahlenkranz, mal mit Hut oder Mütze, wie etwa in Frankreich. Maria spricht, als lebendige Statue. Mit Kindern, mit Bauern.



Ich muss mich ein wenig überwinden, Herrn Veser, dem Vater zweier erwachsener Kinder und Großvater von vier Enkeln diese Frage zu stellen: „Wünschen Sie sich, dass Ihnen Maria erscheint?“ Veser antwortet, als sei es eine ganz alltägliche Frage: „Natürlich. Das wäre das non plus ultra.“ Allerdings gelinge nicht jedem Menschen eine Begegnung mit ihr. „Ein möglicher Weg ist, dass man sich ganz tief in sein Gebet versenkt und dann in eine Art Ekstase gerät.“

Die Gebetswache von Obmann Veser und seinen Freunden hat auch eine weltliche Funktion. Ihre Aufgabe ist es, das Allerheiligste zu schützen, die Monstranz und die Reliquie. In der Wallfahrtskapelle steht die Figur der Strahlenmadonna, eine auf der Weltkugel stehende Maria Königin mit Zepter in der Rechten, auf dem linken Arm den Jesusknaben. Dieser trägt um den Hals an einer Kette eine im Jahre 1700 gefertigte ovale Silberkapsel mit Kristalldeckel. Sie enthält jenes kleine Spankreuz, das Maria in einer Vision dem Bauern Hans Zähringer überreicht haben soll.

Auf dieses Ensemble richten alle Besucher der Kapelle ihren Blick – oftmals in stillem Gebet. „Wir beten für die Opfer von Katastrophen, die ganz aktuell die Welt bewegen. Für die Menschen, die im Krieg leben müssen. Aber ich trage Gott auch meine ganz eigenen Anliegen vor“, sagt Veser. „Wenn ich im Zweifel bin oder unzufrieden mit Dingen in meinem Leben.“



Bevor der Geräuschpegel im Speisezimmer steigt – die Gebetsbrüder versammeln sich um 12 Uhr zum Mittagessen – fügt Veser mit einem Lächeln an, dass er auch viele Jahre Zunftmeister des Radolfzeller Narrenvereins war. „Ein bisschen ein Narr sein, das gehört doch auch zu einem richtigen Beter.“

 



Wie ein Baum, der geschüttelt wird

Wir lassen die Beter speisen und treffen uns an der alten Standuhr mit dem wohlklingenden Stundenschlag zum Gespräch mit Schwester Oberin Bonaventura, die verantwortlich ist für die Geschicke und Exerzitien auf dem Lindenberg. Die 71-jährige Franziskanerin vom „göttlichen Herzen Jesu“ in Gengenbach lebt hier oben seit 13 Jahren und sieht die Delegationen der Gebetswächter Woche für Woche Kommen und Gehen. „Als ich hier angefangen habe, gab es noch Männer der ersten Stunde. Sie waren 90 Jahre alt. Wer einmal Gebetswächter ist, springt in der Regel nicht ab. Es sei denn, er wird krank.“

Schwester Bonaventura steht stets um 5.45 Uhr auf. Ihr Tagesablauf ist klar gegliedert: Morgengebet, geistliche Lektüre, Rosenkranz, Vesper mit den Männern der Gebetswache, Organisation der Exerzitien.



Spürt sie etwas von dem Misstrauen, dass ihrer Institution dieser Tage vielerorts entgegengebracht wird? Nein, sagt sie. „Zumindest nicht hier oben.“ Dann hält sie inne und zeichnet mit dem rechten Zeigefinger kleine Kreise auf die Tischdecke. „Natürlich wird die Kirche durch diese Vorfälle erschüttert. Da haben Menschen, die unsere Institution tragen, ihre schlimmsten Schwächen ausgelebt.“

Schwester Bonaventura vergleicht die Folgen der Missbrauchsfälle in der Kirche mit einem Baum, der kräftig geschüttelt wird: „ Da fallen die dürren Äste ab. Aber der Baum fällt nicht um.“ Die Franziskanerin ist überzeugt davon, dass die Kirche gerade in unserer Zeit, in der das Materielle zu wanken beginnt, von den Menschen gebraucht wird. „Glauben ist ja nichts für Leute, die bescheuert sind.“



Ein Satz, der sich dem Gegenüber vollends erschließt, wenn er die Wallfahrtskapelle betritt. In einem kleinen Seitenflügel befindet sich ein von Opferkerzen erhellter Raum, der mit Votivtafeln geschmückt ist. Sie tragen Aufschriften wie „Maria hat geholfen in Arbeitslosigkeit!“ oder „Danke Maria für Heilung in schwerer Krankheit“. Es findet sich auch ein Behältnis für Gebetsanliegen. Ein Ort der Demut.



Durch die geschlossene Türe dringen die monoton betenden Stimmen von sechs Menschen, die vor den Kirchenbänken stehen. Wir treten ein. Die zwei rechts stehenden Männer gehören zur Gruppe aus Radolfzell. Sie lesen abwechselnd aus dem Kolosserbrief vor, die vier links sitzenden und knienden Senioren setzen in bestimmten Pausen mit ihrem Gebet ein.

Einen gewissen Reiz hat die Vorstellung, dass just in diesem Augenblick draußen in der Welt das Leben rast, Menschen von anderen Menschen Leistungen fordern, Geschäfte machen, Informationen zwitschern bis zur Besinnungslosigkeit. Und hier oben in der Kapelle sind Leute, die einfach nur beten und in sich ruhen.



Der Wegweiser

Bevor wir den Lindenberg verlassen und wieder hinabsteigen ins Tal des Treibens, stellen wir eine letzte Frage an Schwester Bonaventura. Es ist eine ganz einfache Frage: „Worum geht es im Leben?“ Die Schwester Oberin schaut mich einen Moment lang an. Der Blick ist prüfend, aber frei von Hochmut. Sie sagt: „Es geht nicht darum, dass man viel besitzt, alles weiß und möglichst viel erreicht. Es geht darum, zu erkennen, dass die Begabungen, die jeder einzelne von uns mit auf den Weg bekommen hat, einen Sinn haben für die anderen Menschen, mit denen wir leben. Diesem Sinn sollte man folgen.“

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