Gayromeo: Schwules Leben im Blauen Salon

Tom Lissy

Seit 2002 gibt es das schwule Chat- und Datingportal Gayromeo. Fast eine halbe Million User benutzen die Kontaktbörse um sich auszutauschen und kennen zu lernen – auch im biblischen Sinn. Im Gegensatz zu "Second life" ist Gayromeo, trotz der hohen User-Zahlen, allerdings kein Thema, auf das sich uninspirierte Feuilletonisten wie wild stürzen würden. Schade eigentlich. Denn: Gayromeo ist heute aus dem schwulen Leben nicht mehr weg zu denken.



Wie funktioniert Gayromeo?

Gayromeos wichtigste Nutzungsbedingungen: Keine User unter 18 Jahren, keine reinen Heteros und, natürlich, keine Frauen. Weit entfernt von anderen Single- oder Kontaktbörsen wie match.com, neu.de oder StudiVZ ist Gayromeo aber auch nicht.

Gut an Gayromeo: Die Site ist leicht zu handhaben und navigieren, und die Anmeldung geht schnell und einfach. Man sucht sich einen Usernamen aus, gibt einen kurzen Profil-Text ein und lädt ein paar Bilder hoch. Im Idealfall zeigen die auch einen selbst. Dann kann man auch schon loslegen.

Was unterscheidet ein schwules Dating-Portal von einem Dating-Portal für Heteros?

Bei Schwulen handelt es sich logischerweise um Männer, auch wenn das von heterosexuellen Männern gerne mal  ausgeblendet oder lächerlich gemacht wird. Auch das huschigste Kerlchen dieser Welt hat die Tendenz gelegentlich an Sex zu denken; Angeblich soll das bei Männern ja zu 90 Prozent ihres Lebens der Fall sein. Und weil schwule Männer in der Regel eher weniger Gedanken an Fußball oder Autos verschwenden, haben sie noch mehr Zeit dazu.

Gayromeo wird von den Nutzern ("Romeos") übrigens liebevoll "Der Blaue Salon" genannt oder als "Die blauen Seiten" bezeichnet. Manche reden auch gleich vom „schwulen Einwohnermeldeamt“. Zwar sind nicht alle Homo- und Bisexuellen dort angemeldet, aber manchmal kommt es einem, gerade in einer relativ kleinen Stadt wie Freiburg, schon so vor.

Es gibt nicht den Romeo-User. "Heinz68", der eine Olivenplantage in Spanien hat und nach Leuten sucht mit denen er sich über das Leben als entspannter Rentner unterhalten kann, gibt es dort genau so wie "Neuling18", der befürchtet, er könnte schwul sein, weil er in einen Mitschüler verliebt ist und sich bei Gayromeo Rat und Hilfe erhofft.



Geht's bei Gayromeo nur Sex?

Für viele Romoes bietet das Portal die Möglichkeit sich mit Gleichgesinnten zu unterhalten oder benutzen Gayromeo, um per Messenger- und Mailfunktion den Kontakt zu Freunden aufrecht zu erhalten oder um sich in Clubs auszutauschen.

Die Clubs unterscheiden sich nicht großartig von den Interessengruppen bei StudiVZ: Von Achterbahnfans über Gartenfreunde bis hin zu Fußballfans gibt's da fast alles. Für andere ist Gayromeo aber der größte Männerkatalog der Welt.

Männerkatalog? Das hört sich gruselig an.

Gayromeos hat eine ausgefeilte Suchfunktion, die den Usern die Suche nach dem vermeintlich idealen Chat-, Sex- oder gar Lebensabschnittsgefährten erleichtern soll.

Du suchst eine mindestens 1,95m Transe, die sich vegan ernährt und das Wort "Pudel" im Profil erwähnt? Sollte diese Person existieren und bei Gayromeo angemeldet sein, dann findest Du sie!

Du suchst einen alleinstehenden, dummen Menschen ? Gib "Singel" in die Suche ein, und Du bekommst 267 Treffer! Das ist dann wirklich gruselig.

Die Stichwort-Suche ist tatsächlich aber eine der besten Sachen am "Blauen Salon". Man kann durch sie sehr viel über die Gesamtheit der Romeos lernen und gern aufgestellte Behauptungen empirisch untermauern.

So erzielt  "Madonna" deutschlandweit über 600 Treffer (mehr als 600 Treffer werden allerdings nicht angezeigt; Madonna dürfte wahrscheinlich mehrere tausend Treffer haben) während Bloc Party noch 214 Treffer bringt und Maximo Park mit 11 Treffern weit abgeschlagen sind.

Und wo wir bei den Klischees sind: In Freiburg benutzen 92 User das Wort "Lesen" in ihrem Profil, 49 das Wort "Buch", 71 das Wort "Ficken" aber ganze 399 das Wort "Sex".



Also alles nur Poppen 2.0?

Es ist verdammt leicht, sich über Gayromeo jemanden für Sex zu angeln.

Da man beim Einloggen genau eingeben kann, nach was man sucht (Date, Freunde, Chat, Nix, Beziehung oder eben Sex) weiß jeder sofort,  wonach der jeweils andere sucht.

Natürlich ist auf diese Weise ein Sexdate nicht garantiert, aber die viel zitierte Anonymität des Internets bringt nicht wenige User dazu, ausschließlich einzelne Körperteile als Bild online zu stellen.

Das macht auf eine zugegebenermaßen nicht gerade dezente Weise klar, dass man sich während des Chats nicht in erster Linie mit dem Kopf auseinander setzen möchte. Manche User führen, neben ihren offiziellen Profilen, auch noch reine Sexdate-Profile mit wenigen harten Fakten und ohne Bild.

Sind alle immer ehrlich in ihren Profilen?

Gayromeo ist ein Internet-Dating-Portal für Männer: Natürlich sind da nicht alle ehrlich. Das ist ein bisschen paradox: Jeder hasst es, verarscht zu werden, und doch stellt irgendwer die Fake-Profike mit gegoogelten Bildern und den wildesten Eigenschaften im Profil ein. Wer sich auf ein Date mit einem Fake-Romeo eingelassen hat, merkt es nicht selten erst dann, wenn er eine Stunde alleine am abgemachten Treffpunkt herumsteht und vergeblich wartet. Ich schätze, dass mindestens die Hälfte aller Romeos schon einmal auf ein Fake-Profil hereingefallen ist.

Die Romeos sind allerdings auch sehr willig und leichtgläubig: Wenn man selbst schon mal, nur zum Spaß natürlich, ein möglichst übertriebenes Profil einstellt, staunt man nicht schlecht, wer darauf so alles reagiert. Die Community-Kontrolle seitens der Gayromeo-Administratoren funktioniert allerdings recht gut: Die meisten Fake-Profile werden entlarvt und dann gesperrt. Und damit es richtig schön weh tut, kommt das echte Profil gleich noch dazu.



Was bedeutet Gayromeo für den schwulen Alltag?

Wenn man in einer relativ kleinen Stadt wie Freiburg oder in einem waschechten Dorf aufwächst und merkt, dass man mit Mädels vielleicht gut klar kommt, aber eben in erster Linie weil man mit denen prima einkaufen gehen und über Frisuren plaudern kann, ist das meistens ganz schön schwierig. Für Schwule, die ihr Coming out in den dunklen Zeiten vor Gayromeo hatten, gab es eigentlich nur eine Möglichkeit andere kennen zu lernen, denen es auch so geht, und das war der schwere Schritt in die schwule Szene, von der es gar nicht mal so leicht war zu wissen wo sie stattfindet. Wenn man dann da war, musste man sich noch dazu überwinden, einen Wildfremden anzusprechen.

Gayromeo erleichtert da schon vieles, denn die Kontaktaufnahme im virtuellen Raum ist nun einmal einfacher als im wirklichen Leben. Während man noch vor ein paar Jahren mit pochendem Herz die Tür zu einem einschlägigen Lokal"  öffnen musste, braucht man sich heute nur bei Gayromeo einloggen und ein Profil einstellen. Einer wird sich schon melden!

Manche sehen darin den größten Nachteil von Gayromeo: Sie meinen, Gayromeo zerstöre die schwule "Szenekultur", weil immer mehr Schwule sich eher virtuell als in der Kneipe ihres Vertrauens treffen würden, und man nicht mehr nach einer Telefonnummer fragt, sondern nach dem Gayromeo Profil und sich dann im Blauen Salon "sieht".

Inwiefern das tatsächlich stimmt, kann man bei einer so kleinen Szene wie der in Freiburg allerdings schlecht beurteilen. Was allerdings öfter mal auffällt, ist das viele eher den Profilnamen als den wirklichen Namen eines Menschen kennen.
Während man im Les Garecons sitzt heißt es dann durchaus mal: „Schau mal da drüben. Ist das nicht xtrem_dicker_dödel25FR?“

Mehr dazu:

Gayromeo: Website