Gastmutter erzählt von Austauschschüler aus Hongkong

Sebastian Klaus

Teil 3 unserer Asienserie: Marc Chak Man Yap (17, rechts) aus Hongkong hat ein Jahr lang das Friedrich-Gymnasium besucht und wohnte bei einer Gastfamilie in Herdern. Gastmutter Angelika Fabry-Flashar erzählt uns, wie es war, mit Andrew zusammenzuleben: Zum Naseputzen ging er ins Bad, Anordnungen von einer Frau nahm er nur widerwillig entgegen und blauen Himmel sah er erstmals im Schwarzwald. Erinnerungen an ein Genie.



Frau Fabry-Flashar, bitte beschreiben sie ihren ersten Eindruck von Marc.

Er war ganz anders als die beiden Austauschschüler aus Griechenland und Russland, die wir in den Jahren zuvor bei uns aufgenommen hatten. Er war klein, schmächtig und wirkte auf den ersten Blick viel jünger, als er mit seinen fast 18 Jahren wirklich war. Auch hatte ich das Gefühl, dass er sein Bewerbungsprofil geschönt hatte, vielleicht sogar von einem professionellen Ghostwriter hat schreiben lassen.

Wieso soll er das gemacht haben?

Seinen Eltern war es sehr wichtig, dass Marc nach Deutschland kommt. Sie wollten ihn nach seiner Rückkehr auf eine internationale Schule in Hongkong schicken, die ein hohes Renommee hat. Ein Aufenthalt in Deutschland, inklusive guten Empfehlungsschreiben von seinen Lehrern hier, sollte bei der Bewerbung um einen der begehrten Plätze helfen.

Wie sahen die ersten Tage mit Marc aus?

Gleich am ersten Wochenende sind wir mit ihm raus in den Schwarzwald. Dort hat er zum ersten Mal blauen Himmel gesehen. Er war davon total begeistert. Als ein Flugzeug über uns vorbeiflog, meinte er, er höre in Hongkong jeden Tag Flugzeuge, konnte sie aber aufgrund des Smogs nie sehen.

Was für eine Person war Marc?

Ein Genie. In nur sechs Wochen lernte er sehr gut Deutsch. Im Laufe des Jahres kamen noch Latein, Altgriechisch und Französisch hinzu. Englisch konnte er schon. Außerdem brachte er sich während des Aufenthalts Bratsche- und Orgelspielen bei. Er wollte in jeglicher Hinsicht besser sein als der Allerbeste. Das ist in seiner Kultur wichtig. Andrew hat den Aufenthalt dazu genutzt, sich so viel Wissen wie möglich anzueignen. Er sog alle Informationen auf wie ein Schwamm. Ein richtiger Maniac. Manchmal bin ich nachts an seinem Zimmer vorbeigegangen und hörte ihn noch Vokabeln pauken.



Wie können wir uns ein typisches Abendessen mit ihm vorstellen?

Er saß immer voller Vorfreude am Tisch, wollte einfach alles probieren. Wie mit allen Dingen ging es ihm dabei hauptsächlich ums Lernen. Vor allem liebte er Käse. Aber er war unser westliches Besteck nicht gewohnt, deshalb musste ihm immer mein damals 14-jähriger Sohn Bruno die Käsebrote für die Schule schmieren. Alleine konnte er das nicht. Bei aller Begabung, aber da hatte er zwei linke Hände. Er schmatzte und schlürfte. Das war ein bisschen unangenehm.

Wie reagierten Sie darauf?

Ich habe ihn einige Male darauf angesprochen, dann wurde es besser. Aber man kann einem jungen Menschen nicht in wenigen Monaten all das abtrainieren, was er in 18 Jahren zu Hause gelernt hat. Zum Naseputzen ging er in sein Zimmer oder ins Bad, da dies in seiner Kultur als unschicklich gilt. Da halfen auch unsere guten Worte nichts.

Wie gut konnte er kochen?

Überhaupt nicht. Einmal stellte er einen Beutel Tütensuppe in die Mikrowelle. Andrew wusste nicht, dass man Wasser hinzufügen muss. Bevor er zurück nach Hongkong flog, wollte er für uns kochen. Wir wunderten uns alle, wie er das anstellen wolle. Schließlich brachte er uns Essen von einem Hongkong-Restaurant mit – inklusive der Teller und Tassen aus dem Restaurant, damit es möglichst authentisch wirkt. Den Abwasch und das Geschirrzurückbringen durften dann allerdings wir erledigen.

Hatte er Freunde?

Lange Zeit nicht. Zumindest keine in seinem Alter. Er hatte nie Besuch. Manchmal trank er mit seinen Lehrern einen Kaffee. Sein Klassenlehrer fand ihn einmalig. Mit Schwester Inge, der ehemaligen Besitzerin vom Einlädele hat er oft philosophiert und sich über Religion unterhalten. So etwas mochte er. Wenige Wochen vor Ende seines Aufenthalts spielte er Klavier beim Schultheaterstück „Emil und die Detektive“. Dafür hat er sich mit viel Gel einen Oldschool-Scheitel frisiert. Mit einigen Teilnehmern des Stücks freundete er sich an. Dann erst schien er zu begreifen, wie wichtig Freundschaften sind. Denn er sagte uns: „Hätte ich das früher gewusst, hätte ich mich früher um Freunde bemüht.“ Zwei dieser Freunde kamen dann bei seiner Abfahrt sogar zum Bahnhof – sie waren die Einzigen.



Was ist bei ihm von der deutschen Kultur hängen geblieben?

Er war besessen von Musik. Johann Sebastian Bach war der Größte für ihn. Er kaufte sich auf Flohmärkten alle Schallplatten von Bach, die er finden konnte. Beim Abflug war sein Koffer dann so voll, dass er ordentlich Übergepäck hatte.

Wo sehen Sie die größten kulturellen Unterschiede?

  Das Rollenverständnis der Geschlechter ist ein total anderes in Hongkong. Er verehrt seinen Vater sehr. Diese dominante männliche Rolle gab es bei uns in der Familie nicht, schließlich sind wir emanzipiert. Er machte schon das, was ich ihm auftrug, allerdings merkte man ihm an, dass er nur widerwillig die Anordnungen einer Frau befolgte. Am schlimmsten war für ihn der Kloputzdienst. Das war unter seiner Würde.

Haben Sie heute noch Kontakt zu Chak?

  Nein. Mein Sohn hat ihn vor Kurzem auf facebook gefunden. Er wohnt jetzt in Portland, Oregon. Wir haben ihm geschrieben, aber er hat nie geantwortet.

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