Ganz weit draußen – so abgelegen wie diese Freiburger WG wohnt niemand

Andreas Braun & Patrick Kerber

Eine kleine Gruppe Studierender hat sich bewusst für ein Leben im Hochschwarzwald entschieden. fudder hat die Schwarzwald-WG in ihrem abgeschiedenen Häuschen nahe Hinterzarten besucht.

Eines wird auf der Fahrt nach Alpersbach schnell klar: Ohne Auto ist man hier oben auf fast 1000 Metern Höhe aufgeschmissen. In dem kleinen Teilort von Hinterzarten fährt schon lange kein Bus mehr. Der nächste Bahnhof ist fast 5 Kilometer entfernt, zu Fuß braucht man rund eine Stunde, mit dem Auto zumindest 10 Minuten. Als Urlauber würde man kaum vermuten, dass hier zwischen Ferienhäusern und Bauernhöfen vier Studenten in einem kleinen mit Schindeln bedeckten Häuschen zusammen in einer WG leben.


So wohnen Freiburger Studierende in abgelegener Schwarzwald-WG


Bereits beim ersten Atemzug vor dem Haus der vier Studenten wird klar, dass hier einiges anders ist, als es die durchschnittlichen Freiburger Studierenden aus ihrem Umfeld in Studentenwohnheimen kennen: Die Luft ist frisch und sauber, nur selten kommt ein Auto an der hinter dem Haus gelegenen Straße vorbei. Und tatsächlich beginnt auch ein Hahn auf einem nahen Hof sofort zu krähen, als ich aus dem Auto steige. Er erinnert mich an lange zurückliegende Ferien auf dem Bauernhof.

Auf den ersten Blick klingt das nach einem ziemlich ungeeigneten Ort, um eine WG zu gründen, dennoch wohnen Katrin, Marcus, Felix und Hund Janosch seit 2015 hier. Vor kurzer Zeit ist auch ihr neuer Mitbewohner Mahmoud eingezogen. Während Katrin und Felix studieren, arbeitet Marcus bereits in Freiburg und Mahmoud, seit wenigen Monaten in Südbaden, hat hier in der WG ein neues Zuhause in Deutschland gefunden. Er pendelt ebenfalls zu seinem Deutschkurs nach Freiburg.

Vollkommen ungestört, von Natur umgeben

Eines wird im Verlauf unseres Gesprächs schnell klar: So unterschiedlich die vier auch sein mögen, sie leben alle gerne hier. Etwas abgelegener, dafür aber vollkommen ungestört und umgeben von Natur. "Hier juckt es keinen, wenn wir mal eine Party im Freien im eigenen Wald machen", sagt Katrin, denn "hier wohnt einfach niemand direkt nebenan. Wo es keine Nachbarn gibt, können einem auch keine Vorschriften von ihnen gemacht werden". Dass sie so frei leben können, verdanken die vier auch ihrem Vermieter, der nur wenige Meter entfernt in einem Schwarzwaldhof wohnt, ihnen Feuerholz gibt und zu dem sie ein freundschaftliches Verhältnis haben.

In ihrem gemütlichen Häuschen haben die vier erstaunlich viel Platz, rund 130 Quadratmeter Wohnfläche, aufgeteilt auf fünf Schlafzimmer, eine Küche, Wohnzimmer und Bad bewohnen sie insgesamt. Während in Freiburg ein Vermögen für die Miete eines solchen Hauses bezahlt werden muss, bewegen sich die Kosten hier im Hochschwarzwald mit 280 Euro Warmmiete pro Kopf auf demselben Niveau, wie so manches Studentenwohnheim. Die Küche im Erdgeschoss ist der gemeinsame Treffpunkt und der wärmste Raum in der, zumindest im Dachgeschoss, leicht luftigen WG. Hier treffen auch wir uns um uns über das Leben in der Schwarzwald-WG zu unterhalten.

Per Anhalter nach Hinterzarten

Für die vier Bewohner steht fest, dass ihre WG zwar an einem ungewöhnlichen aber dafür einmalig schönen Ort liegt. "Die Entfernung allein nach Freiburg ist eigentlich kein Problem", sagen alle vier. Um zum Einkaufen nach Titisee oder zum Bahnhof zu kommen, nutzen sie zwei Autos. Doch was machen sie, wenn sie nicht zeitgleich in der Uni sind oder verschiedene Termine haben? Auch das bekommen sie hin, denn Dank netter Anwohner, bei denen "die Studenten", wie sie in Alpersbach genannt werden, wohl bekannt sind, kommt Felix per Anhalter eigentlich immer bis nach Hinterzarten.

"Das Fahrrad habe ich auch schon mal genommen, um nach Hinterzarten zu fahren, aber den Berg zurück hinauf habe ich das echt bereut. Besonders ratsam ist es nicht, mit einer etwas kaputten Gangschaltung den doch schon ziemlich weiten und steilen Weg hier hoch zu fahren" fügt Marcus hinzu.

Rund eine halbe Stunde dauert die Fahrt nach Freiburg

Selbst Ende Februar finden sich hier im Hochschwarzwald noch Schneereste und die aufgetürmten Schneehaufen lassen trotz des sonnigen Frühlingswetters erahnen, dass die Anwohner hier oft weiße Weihnachten feiern können. Doch auch im Winter kommen die vier Studenten erstaunlich schnell zur Uni und nutzen dafür das Auto oder im äußersten Notfall auch schon mal die Langlaufskier (auch wenn alle zugeben, keine begnadeten Wintersportler zu sein). "Das war eine einmalige Aktion und würde ich auch eigentlich nicht mehr machen. Ich habe auf dem Weg zum Bahnhof gemerkt, dass sich die Straße nicht so wirklich eignet, um mit Skiern darauf zu fahren", sagt Felix.

Bis auf die Hin- und Rückfahrt zur Uni unterscheidet sich der Tagesablauf in der WG eigentlich nicht von dem anderer Studenten, findet Felix: "Wenn ich morgens um kurz nach 8 in der Uni sein muss, stehe ich um halb sieben auf. Dann nehmen mich entweder meine Mitbewohner mit oder ich stelle mich einfach an die Straße und warte darauf, dass ein Nachbar zur Arbeit fährt und mich ein Stück mitnimmt." Rund eine halbe Stunde dauert die Fahrt mit der Höllentalbahn von Hinterzarten nach Freiburg, insgesamt also auch nicht viel länger, als wenn man außerhalb in der Rheinebene wohnt und auf den Zug angewiesen ist.

Freiheit und Abgeschiedenheit schweißt zusammen

Obwohl nicht jedes Handynetz auf rund 1000 Meter reicht und sich Freunde, die in Freiburg leben, doch lieber zweimal überlegen, ob sie zu Besuch kommen sollen, haben die vier hier oben jede Menge Spaß. Egal ob draußen unterwegs, an regnerischen Tagen mit Brettspielen oder sonntagabends mit der eigenen Filmleinwand beim Tatort schauen. "Vor allem kurz vor der Klausurenphase kommen unsere Freunde gerne in unser Haus, um gemeinsam zu lernen" meint Katrin. So ruhig wie hier ist es eben auch nicht in der UB.

Für eine WG besonders außergewöhnlich ist der Ausblick, der sich vom Balkon im 1. Stock des Hauses bietet. Von hier aus so scheint es, kann man fast den halben Südschwarzwald überblicken. Über das Höllental hinüber in Richtung Breitnau reicht der Blick. Von Freiburg oder dem Verkehrslärm der B31 keine Spur.

So viel Freiheit und Abgeschiedenheit schweißt auch zusammen. Während sich Felix, Katrin und Marcus ganz bewusst im Verlauf ihres Studiums für ein Leben außerhalb der Großstadt entschieden haben und sich teilweise gar nicht mehr vorstellen können nach Freiburg zu ziehen, war Mahmoud nach langer vergeblicher Wohnungssuche in Freiburg froh, eine preiswerte Unterkunft gefunden zu haben.

Hilfe beim Deutschlernen

Vor wenigen Monaten kam der ehemalige Student nach Freiburg, nachdem er aus Syrien nach Deutschland geflohen war. Nachdem er Deutsch gelernt hat möchte auch er wieder studieren. Ganz nebenbei helfen ihm seine Mitbewohner auch bei der Integration und beim Deutschlernen. Mahmoud, der sich nicht hätte träumen lassen, eines Tages im Hochschwarzwald zu leben, möchte trotz der Abgeschiedenheit des Häuschens in Alpersbach wohnen bleiben. Warum? "Weil die Freunde im Haus so nett sind".

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