Gangbang, Neger, Amoklauf: Plädoyer für eine sensiblere Sprache

Fabienne Hurst

Eine Freiburger Hiphop-Crew bewirbt ihre Party mit dem Wort 'Amoklauf'. "Fresh", finden die Veranstalter. fudder-Autorin Fabienne Hurst ist anderer Meinung. Sie sagt: Wer so was tut, ist faul und dumm. Ihr Plädoyer für eine sensiblere Sprache:



Es sollte lustig sein. Irgendwie. Ein Nachrichtensprecher verkündet im hausgedrehten YouTube-Video einen Amoklauf in Freiburg. "Klub KGB steht am 2.3. im Visier der Täter." Im anschließenden Interview mit dem Gastmusiker heißt es: "Was erwartet die lebensmüden Besucher, die, trotz unserer Warnung, das KGB besuchen werden?"


Die Freiburger Hiphop-Veranstalter 'Release the Beats' benutzen "Amoklauf" als Synonym für eine ausschweifende Party. Sie sind nicht die einzigen, die sich derzeit krasse Wörter 'trauen'. Eine BMX-Gruppe aus Müllheim nennt sich 'Gang Bang Bikes', ein ganzer  Schwarm deutscher Sprachverteidiger giert seit neuestem danach, das hässliche 'Neger'-Wort verwenden zu dürfen. Amoklauf. Gang Bang. Neger. BÄM. Begriffe, die reinknallen. Ihre Verwender finden: Es sind doch nur Wörter.

Es sei nichts dabei, schreckliche Wörter für etwas Banales wie Werbung zu verwenden. Damit aktiv zu ihrer Verharmlosung beizutragen. In Kauf zu nehmen, andere Menschen - Opfer, Angehörige, Kinder - zu beleidigen, verletzen, verhöhnen. Dabei wissen auch sie: Amokläufe sind so 'fresh' wie Thor-Steinar-Pullis kuschelig sind.

Panoramablick auf die eigene Beschränktheit

Wer drastische Worte gebraucht, denkt zu wenig nach. Er oder sie will um jeden Preis Aufmerksamkeit erreichen, überschreitet breit grinsend die Grenzen des guten Geschmacks für ein Paar Augen und Ohren.

Ich nehme ihnen das nicht ab. Ich glaube nicht, dass Menschen gerne diesen hohen Preis zahlen. Sie sind sich auch nicht über ihren gänzlich irrelevanten Stolz auf die eigene Prollness bewusst. Sie sind einfach dumm und faul. Denn das Verwenden von Wörtern, ohne nachzudenken, hat im Prinzip nur ein Ziel: nicht mehr nachdenken zu müssen.

Stellt man diese Menschen zur Rede (schlimmer noch: in Frage), flüchten sie sich in ihre ewig wiederkehrende Stammtisch-Philosophien. Sie bilden Cliquen aus einem Gleich und Gleich, paradiesische Orte, an denen niemand sie kritisiert. Wagt es jemand, schreien sie nach Meinungsfreiheit. Davon haben sie in der 6. Klasse einmal gehört. Zusammen verspotten sie Verfechter einer sensibleren, gerechteren Sprache, weil den Denkfaulen selbst nur Dummgeschwätz einfällt. Wer sich um politisch korrekte Wortwahl Gedanken macht, ist ein (Achtung: Schimpfwort!) 'Weltverbesserer'. Ein Lutscher. Ein Waschlappen.

Es ist nicht nur ein Wort

'Nur' Wörter. Wie kommen sie auf dieses 'nur'? Sprache ist groß. Sie dient dem elementarsten Austausch zwischen Menschen. Sie macht Liebe genauso möglich wie Hass. Die Menschen in Newtown, in Aurora, in Winnenden, werden sagen: Amoklauf ist nicht nur ein Wort. Schwarze Kinder, die in der Schule das Neger-Wort lesen müssen, werden sagen: Es ist nicht nur ein Wort. 'Gangbang' bezeichnet ursprünglich Gruppenvergewaltigungen. Opfer solcher Gangbangs werden sagen: Es ist nicht nur ein Wort.

Ich glaube: Eigentlich stimmen die Denkfaulen dem Argument heimlich zu, dass man mit rhetorischer Vorsicht eine bessere Gesellschaft möglich macht. Sie selbst entrüsten sich über Kritik, die immer über Wörter stattfindet. Würden sie mehr nachdenken, müssten sie sich neue, feinere Ideen überlegen, kreativere Werbestrategien erdenken, sexy ohne vulgär, sexistisch oder pervers sein. Das ist anstrengend.

Was hat eine Hiphop-Veranstaltung mit Menschentöten, was haben Fahrräder mit Gruppensex zu tun? Die armen Denkfaulen wissen es nicht. Und wenn dann wirklich ein Amoklauf passiert, wie am Mittwoch in der Schweiz, verstummen sie. Sie wollen einfach provozieren dürfen. Lässt man sie, machen sie es handwerklich so dilettantisch, dass sie höchstens Mitleid erzeugen. Weil sie nicht genug überlegen, verpassen sie den Sinn fürs Wesentliche und geben einen Panoramablick auf ihre eigene Beschränktheit frei. Vielleicht brauchen sie einfach Hilfe.

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