Einmal Festival spielen, bitte!

Felix Lüttge

MTV versprach mit der Campus Invasion eine Mega-Party auf dem Unicampus am Flugplatz. Was Felix dort am Samstag vorfand, glich jedoch eher einem Kindergeburtstag als einem Rock-Festival: Überraschend junges Publikum, lahme Stimmung und 08/15-Entertainment.



Die äußeren Bedingungen der Campus Invasion waren gar nicht so schlecht: Eine Flughafen-Wiese, Sonnenbrand verusachende UV-Strahlung statt des angekündigten Regens, Papp-Pizza, China-Nudel-Matsche, Beck's und dazu noch eine große Bühne mit viel Security; MTV lieferte alle Standards, um wahre Festivalstimmung aufkommen zu lassen.

Die freundlichen Jungs von der Security hatten sich auch gleich mit den obligatorischen Wasserschläuchen vor der Bühne positioniert, um den seit mindestens zwei langen Stunden in der Sonne brütenden Publikum sehnlichst erwünschte Erfrischung zu gewähren.



"Den Trick mit dem Wasser merken wir uns", erklärte Turbostaat-Sänger Jan. Und tatsächlich erfreuten sich die Wasserwerfer in manchen Momenten größerer Beliebtheit als die Musik der Punkrocker aus Flensburg.
Als erste Band hatten Turbostaat, die erst letzte Woche als Ersatz aufs Line-Up gekommen waren, keinen einfachen Start, denn vor mehreren hundert Bullet for my Valentine-Fans mit Enttäuschung in den Kajal-umrandeten Augen zu spielen, ist nun mal kein Zuckerschlecken. Turbostaat spielten ordentlich und bemühten sich redlich, aber rissen letztendlich weder die Bullet-Fans noch mich vom Hocker.

Itchy Poopzkid verwunderten im Anschluss so ziemlich jeden, der sie nicht schon von gemütlichen Fernseh-Nachmittagen mit MTV kannte. Ein selten bescheuerter Bandname muss nicht zwangsläufig mit Alber-Punk einhergehen. Das Trio aus dem tiefsten Schwabenland zeigte zwar nichts Neues, denn amerikanischen Skate-Punk haben wir alle schon gehört, brachte dafür aber ordentlich Power auf die Bühne.

Zwischen den Gigs vergnügten sich die jungen Festivalbesucher auf der völlig bescheuerten Singstar-Karaoke-Bühne mit Silbermond, Juli und Wir sind Helden-Songs. Fehlendes Talent stand einem Auftritt dort nicht im Wege, und der Moderator hielt sich mit zynischer Kritik nicht zurück.
Die Volljährigen holten sich derweil am Stand einer Zigarettenmarke Gratis-Kippchen und Käppchen ab. Wie die Präsenz eines Tabakkonzerns bei einer Veranstaltung auf einem Uni-Campus mit dem Konzept "Rauchfreie Uni" vereinbar ist, bleibt noch zu klären.

Perry Farrell, Ex-Frontmann von Jane's Addiction und Porno for Pyros, machte mit seiner Band Satellite Party zwei entscheidende Fehler: Zum Einen betrat er die Bühne in Leggins, über die er eine kurze Hose gezogen hatte, und zum Anderen brachte er eine blondierte Lady in blauer Corsage mit, die all das machte, was eine Stripperin so tut, den Auszieh-Teil weggelassen.



Arschschüttelnd, beineräkelnd und Luftküsse-werfend stolzierte sie ziemlich überflüssig auf der Bühne um den völlig betrunkenen Perry Farrell herum, der den Namen der Veranstaltung offensichtlich sehr ernst genommen hatte. Immer wieder kam er auf die Uni zu sprechen, konnte sich aber der Menge nicht so recht verständlich machen und verstand auch ihre Antworten nicht. "Who am I to give advice?" frage er. "A man that is known for stealing. Well don’t steal then." Danke, Perry, das hättest Du Dir sparen können.
Die Musik von Satellite Party kommt an die von Jane’s Addiction nicht heran; Die Zuschauer bekamen ziemlich nichtssagende Songs zu hören.

Moneybrother war für mich der beste Act des Tages, was in Anbetracht der Konkurrenz leider nur ein mittelmäßiges Qualitätsmerkmal ist.

Meine Freude am Gig wurde von den um mich herum stehenden kreischenden Mädels gedämpft, die auf jeden der einstudierten Tricks von Anders Wendin und Band hereinfielen. Moneybrother scheint seit seinem letzen in Deutschland veröffentlichten Album Sexsymbol-Status erreicht zu haben, eine Entwicklung, die an mir vorüber gegangen ist. Danke, Frau Kuttner.

Die Schweden benutzten dieselben Gags wie schon im letzten Jahr auf dem Rheinkultur-Open-Air in Bonn, wo ich sie zuletzt gesehen hatte. Das ist verständlich, aber ziemlich  lahm, und überhaupt stand etwas weniger Kraft hinter den Songs als gewöhnlich.  Die Energie schien mehr in die Show als in die Musik gegangen zu sein.



Wir Sind Helden waren als Headliner auch die Lieblinge des Publikums. Es war die große Homecoming-Show für Frontfrau Judith, die ihre Kindheit und Jugend in Freiburg verbracht hat. Auch wenn die Musik der Berliner mich live genauso wenig begeistern konnte wie auf CD, wirkten sie auf der Bühne sympathisch und gut gelaunt.



Jenseits der Bühne schienen die Vier weniger gut gelaunt zu sein, denn in letzer Minute sagte die Band ein Interview ab, das MTV für fudder mit der Band geplant hatte. Schade.

Eins verwunderte mich beim Gig der Helden: Selbst für die Headliner des Festivals gelang es der Technik nicht, den Sound vernünftig zu mischen. Zu laute Drums, zu leise Vocals, und fast alles übersteuert. Aber auch schlechter Sound gehört ja der Legende nach zu jedem Festival dazu.

Die Campus Invasion in Freiburg hätte ein schönes, kleines Samstags-Festival werden können, doch bei mäßiger Musik wollte auf dem recht leeren Gelände keine Festival-Stimmung aufkommen.

Überhaupt schien die Veranstaltung nicht für Studenten interessant; Stattdessen war ein sehr junges Publikum zugegen, das eifrig MTV-Merchandise kaufte. Statt sich im Sandkasten zu treffen und Burgen zu bauen, spielte man auf dem Unigelände Festival.

Ebenfalls anwesend scheint Helga gewesen zu sein. Nach der Dame, nach der rituell bei jedem großen Festival gesucht wird, hat auf dem Campus keiner gerufen.



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Foto-Galerie: Dominic Rock & Carolin Buchheim

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