G-Hot und die Hip-Hop-Homo-Hetze

Felix Lüttge

Bling bling, dicke Autos und Ärsche und Waffen sind im deutschen HipHop inzwischen genauso häufig zu sehen, wie im amerikanischen. Jetzt haben zwei Rapper aus Berlin etwas Neues entdeckt: Rassismus und Homophobie.



Mehrmals ist in den letzten Tagen ein Video bei YouTube hochgeladen worden, um kurze Zeit später wieder von den Administratoren herausgenommen zu werden. Das Video ist ein neuer Song des Rappers G-Hot.


In dem Song „Keine Toleranz“ rappt G-Hot hart gegen Schwule und ruft zur Gewalt gegen Schwule auf: Schwule hätten kein Recht auf Leben, sein Vater würde ihn mit einer Eisenstange verprügeln, wenn er selbst schwul wäre und auf dem Christopher Street Day sollte man schwer bewaffnet erscheinen und Schwule einzelner Körperteile berauben.

Ähnliche krasse Töne schlägt auch Rapper B-Tight an. Im April 2007 veröffentlichte er ein Album und einen Song mit dem Titel „Neger, Neger“. B-Tight, ein nicht ganz unwichtiges Detail, ist afro-amerikanischer Herkunft und meint mit "Neger" in dem Song sich selbst.
Sein Label, Aggro Berlin, kündigt ihn gelegentlich als B-Tight alias Der Neger“ an. "Der Neger" aus B-Tights Track zeichnet sich vor allem durchs Kiffen und sexuelle Missachtung sowie Benutzung von Frauen aus. Nicht alle verstehen, dass B-Tight den Song auf sich selbst bezieht. Höchstwahrscheinlich ist auch nicht allen Dreizehjährigen, die in ihren Hängehosen aussehen, als versteckten sie Windeln darunter, bewusst, wer besagter "Neger" ist und welche Wirkung ihr Zitieren des Songs auf Leute hat, die mit der Rap-Szene nicht vertraut sind.

Die Political Correctness ist lange zurückgeblieben im HipHop. Rap hatte auch nie das Ziel, sich in den Grenzen gesellschaftsfähiger Umgangsformen zu bewegen (was wäre HipHop ohne „Motherfuckerz“ oder Battles?), aber eine derartige Missachtung anderer Menschen, wie sie jetzt B-Tight und G-Hot äußern,  hat nicht nur außerhalb der Rap-Community zu Kopfschütteln geführt.

Schon im Jahre 2001 begannen die Brothers Keepers mit ihrem Song „Adriano Letzte Warnung“ ihren musikalischen Kampf gegen den Rassismus. Alberto Adriano war ein Deutscher afrikanischer Abstammung, der im Sommer 2000 in Dessau von rechtsradikalen Tätern ermordet wurde.
Die Vereinigung vorrangig, aber nicht ausschließlich afro-deutscher HipHop-, Soul- und Reggaekünstler hat sich der Bekämpfung von Rassismus, Sexismus und jedweder Diskriminierung in Deutschland und vor allem im Deutschen HipHop verschrieben. Die Sisters Keepers,  das weibliche Pendant zu den Brothers Keepers geben sich selbst das Motto "Künstlerinnen für Toleranz und Demokratie".



Aktuell fordern die Brothers Keepers (Bild oben) auf ihrer Homepage ein Ende des Vertriebs von und der Promotion für B-Tights Album.

"Das Wort 'Neger' ist eine rassistische Beleidigung", schreiben die Brothers Keepers auf ihrer Homepage. Es stünde für die Herabwürdigung und Entmenschlichung schwarzer Menschen und sei Teil des beleidigenden Vokabulars der faschistischen Mörder von Alberto Adriano, der NPD und auch des Nazi-Regimes. "Es geht hier nicht um formelhafte Political Correctness, sondern um Respekt und um Verantwortung. B-Tight repräsentiert in keiner Weise die schwarze Community in Deutschland, sondern allein seine eigenen gewinnmaximierenden Interessen und die seines Labels Aggro Berlin. Seine Sprachwahl und Herkunft können und dürfen nicht herangezogen werden, um rassistische Begriffe zu legitimieren", schreiben die Brothers Keepers in ihrer Petition mit dem Titel "Das Schweigen brechen".

Aggro Berlin lehnt sämtliche Vorwürfe der Brothers Keepers ab und B-Tight sagte, er wolle sich von "solchen Heuchlern" nichts gefallen lassen.

Auf Aggro Berlin war auch G-Hot mit seiner Musik zu Hause. Das Label hat sich, weil nach wie vor Anfragen bei ihm eingingen, von G-Hot distanziert. In der Pressemeldung des Labels heißt es, G-Hot sei schon seit Herbst 2006 nicht mehr bei Aggro Berlin unter Vertrag und man wolle sich klar von den Aussagen in G-Hots neuem Song abgrenzen: "Nachdem er und sein Partner vor ein paar Tagen den Titel 'Keine Toleranz' im Internet veröffentlichten, haben wir ihm mitgeteilt, dass wir jede weitere Zusammenarbeit ausschließen. Die gesamte Aggro Berlin Crew, Künstler und Mitarbeiter, distanzieren sich entschieden von den in jenem Titel geäußerten Ansichten und Äußerungen."



Bantu (Bild oben), einer der Mitbegründer der Brothers Keepers und deutsch-nigerianischer Musiker, der in seinen Songs Fuji, Funk, Dancehall und Afrobeat miteinander verbindet, hat sich bereits 2005 in seinem Song "Where Di Water, Where Di Lighter" das Problem der Homophobie thematisiert
"Es ist klar, dass wir Homophobie nicht dulden", sagte Bantu im Gespräch mit fudder. Zu HipHops aktuellem Problemkind G-Hot haben die Brothers Keepers noch kein offizielles Statement abgegeben und wollen sich auch nicht großartig in die Diskussion einmischen. Eine Meldung zu verfassen, sei jedoch geplant. "Aber Aggro Berlin haben sich nicht umsonst von G-Hot distanziert", so Bantu. Die Brothers Keepers hätten das Problem der Diskriminierung im HipHop ins Gespräch gebracht: "Es ist schon ein Erfolg, dass die Berliner sich distanziert haben", findet Bantu.

In mehreren Blogs und Internetforen findet sich eine angebliche Stellungnahme von G-Hots neuem Label, "Suppe inna Puppe". "Der Track 'Keine Toleranz' sollte niemals der Öffentlichkeit präsentiert werden, und diente nur Eigenzwecken. Nie sollte jemand damit beleidigt werden und nie sollte Volksverhetzung oder Aufruf zu Mord und Gewalt stattfinden. Suppe inna Puppe stellt sich frei von rassistischen Gedankengut."
Eine Homepage hat das Label nicht und sein MySpace-Account wurde im letzten Monat drei Mal gelöscht. Eine offizielle Stellungnahme ist daher nicht zu bekommen.

Eine Berliner Rapperin, die ungenannt bleiben möchte, hat G-Hot und seinen Kollegen Boss A alias "Die Kralle", der an dem Track beteiligt ist, angezeigt. "Das sind Naziideologien, die in unserer Gesellschaft nichts zu suchen haben und ich finde es schlimm, dass diese Leute Rap als Versteck und Plattform für ihren Hass, ihre Komplexe und Gehirnkrankheiten missbrauchen", wird sie von laut.de zitiert. Die Chancen, dass G-Hot zur Rechenschaft gezogen wird, stünden nicht schlecht. Das Landeskriminalamt soll ihr bestätigt haben, dass es sich bei dem Track um Aufruf zum Mord handelt.

Hoffnung macht ihr auch, dass in Deutschland schon mehrfacht Auftrittsverbote gegen Reggae- und Dancehallmusiker wie Beenie Man verhängt wurden, weil diese explizit zu Gewalt an Schwulen aufgerufen hatten.

Eine große Sorge der Rapperin ist, dass es sich bei G-Hot nicht um einen frustrieren kleinen Jungen handelt, der in seinem Zimmer rappt, sondern einen Plattenvertrag hat und auf MTV und Viva gesendet wird. 2006 haben die Leser der HipHop-Magazins „Juice“ G-Hot sogar zum Newcomer des Jahres gewählt. Im DeutschRap-Blog Blogsports #1 wurde die Aussagekraft der User-Awards allerdings bezweifelt: Gewinner seien nicht die beliebtesten Rapper gewesen, sondern die, die am meisten Voter mobilisieren konnten.

Seit kurzem gibt es bei YouTube eine Antwort auf den Homphobie-HipHop. 'Go Homo' heißt der Song einer Undergorund Rap-Crew, der sich textlich auf einem ähnlichen Niveau bewegt, wie der von G-Hot und den Spieß eigentlich nur umdreht.

An ein Statement von G-Hot zu der Aufruhr, die er verursacht hat, oder an ihn selbst ist nicht heranzukommen. Er macht sich, anders als die Berichte über ihn, rar im Internet: Keine Homepage, ein ziemliche leeres MySpace-Profil, nirgends eine Kontaktadresse.

Läuft da jemand vor ungeahnten Konsequenzen davon?

Mehr dazu:


Update 23h: Stellungnahme G-Hot (YouTube)