Fußballkunst sammeln und tauschen mit dem Tschutti Heftli

Daniel Laufer

Mit dem Schweizer Tschutti Heftli macht es endlich Sinn, Fußballer-Bildchen zu sammeln. Keine schnöden Fotos im lieblosen Panini-Style, sondern veritable Kunstwerke im Kleinformat - geschaffen von 32 Künstlern aus der ganzen Welt. Wer hinter den Sammelbilder steckt und wo man sie bekommt:



Franck Ribéry trägt rauchend eine Baskenmütze, Andrea Pirlo versteckt seine Mähne unter einem Schlapphut und Ottmar Hitzfeld macht den Tell – er wacht mit der Armbrust über seine Spieler, die einen Apfel auf dem Kopf haben. All das sind Stickermotive. Man sammelt sie und klebt sie in ein Album für die Fußball-WM. Nur, dass das Album nicht von Panini kommt, sondern Tschutti Heftli heißt. Erfunden haben es, klar, die Schweizer. „Tschutten“ – das heißt nichts anderes als „Fußball spielen“.

Das Tschutti Heftli ist keine Massenware, das Tschutti Heftli ist Kunst. „Der Fußball hat ja auch eine kulturelle Seite – und die wollten wir betonen“, sagt Projektleiter Silvan Glanzmann. „Wir haben früher zwar selbst Panini-Bildchen gesammelt, dann aber das Gefühl bekommen, dass sie immer liebloser werden.“

Zu der Weltmeisterschaft in Brasilien geben der Luzerner und sein Team schon die vierte Sammelbild-Auflage heraus. Drei Millionen Sticker haben sie diesmal produziert, einmal mussten sie schon nachdrucken. Der Absatz steigt, auch wenn das Tschutti Heftli kein kommerzielles Projekt ist. „Wir haben da keine Eile. Wir wollen lieber organisch wachsen, statt wie Panini über die verschiedenen Länder herzufallen.“

Jeder bringt seinen eigenen Stil ein

Rund 500 Künstler wollten eine der Mannschaften für das Tschutti Heftli umsetzen. Die Bewerbungsaufgabe: ein Porträt von Pelé. Am Ende saß der Weltfußballer selbst in der Jury und half, 32 Künstler auszuwählen, für jede Mannschaft einen. Sie kommen aus der Schweiz, aus Deutschland, aus China oder Brasilien – aus der ganzen Welt eben. Damit bringt jeder seinen eigenen Stil ein.

Glanzmann freut das. „Bei uns weiß man eben nie, wie Künstler das umgesetzt haben. Das ist noch mal ein zusätzlicher Spannungsfaktor, wenn man die Stickertüten öffnet.“ Groß ist dann die Vielfalt: Ghanas Stammelf besteht aus einem Bälle-Mosaik, Uruguays Spieler wurden detailgetreu mit dem Bleistift gezeichnet und die Engländer kommen im rotzigen Comic-Look daher.



Und die Schweizer? „Wir haben unsere Spieler gebeten, jeweils einen Stapel ihrer Sticker zu unterschreiben. Von Shaqiri haben wir sie nicht zurückbekommen – der wollte sie unbedingt behalten. Und die Spieler, die nicht porträtiert wurden, waren sehr enttäuscht.“ Zu denen haben auch die Schweizer Spieler des SC Freiburg gehört: Admir Mehmedi zum Beispiel hat es nicht in den Kader des Tschutti Heftlis geschafft. Aber vielleicht lässt Glanzmann ihn ja noch nachnominieren. „Falls Mehmedi jetzt im ersten Spiel drei Tore schießt, werden wir den Künstler sehr schnell anweisen, noch mal einen Sondersticker anzufertigen.“

Zuständig für die Schweizer war der Zürcher Illustrator Patrick Graf. Wie Mehmedi aussehen könnte? Er überlegt. „Der hat meistens ja schon so eine gewisse Coolness, wie man ihn von Interviews kennt.“ So genau kann er die Frage aber nicht beantworten, da müsste er ihn sich erst noch mal anschauen, wie groß die Nase ist und so weiter. „Vielleicht würde ich Mehmedi aber so ähnlich malen wie schon Ricardo Rodríguez.“

Jogis Fön-Frisur sitzt wie angeklebt

Die Deutschen sind, wie man das im Ausland kennt, bierernst. Gemalt hat sie der Berliner Künstler Hendrik Jonas, und das ziemlich schnörkellos auf türkisfarbenem Hintergrund. Jogis Fön-Frisur sitzt wie angeklebt, Klose schaut verschreckt, Lahm besteht aus zwei riesigen Augenbrauen, und auch Manuel Neuer versteht beim WM-Titel keinen Spaß.

Glanzmann findet die Darstellung interessant. „Durch die Technik und diesen Gesichtsausdruck bekommen die Fußballer vielleicht eine Tiefe, die man ihnen sonst gar nicht so zutrauen würde, weil sie oft den Ruf haben, etwas oberflächlich zu sein.“



Das Tschutti Heftli will eben nicht nur Kunst sein, sondern auch anspruchsvoll. Dazu gehört auch, beim Gesellschaftsphänomen Fußball auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam zu machen. Deshalb gibt es zur Heftmitte eine Doppelseite namens „The Dark Side“. Der brasilianische Illustrator Renato Moll macht auf die Verschwendung öffentlicher Gelder für die Weltmeisterschaft oder das Verbot von Straßenhändlern durch die Fifa aufmerksam. 10 Rappen pro verkauftem Stickerpäckchen gehen an die Organisation Terre des hommes Schweiz. Sie unterstützt soziale Projekte in Brasilien.

Während sich das Panini-Album an Kinder richtet, zielt das Tschutti Heftli eher auf Erwachsene ab, Glanzmann will sowohl Fußball- als auch Kulturinteressierte begeistern. „Es gibt einen Kern von Leuten, die von Anfang an dabei sind. Aber es kommen auch jedes Mal neue dazu“, sagt Glanzmann. Die treffen sich dann auf Börsen, trinken Bier, reden über Fußball und die Welt – und tauschen dabei Ronaldos gegen Özils.

„Wir wollen soziale Medien am Kneipentisch fördern, ein bisschen als Alternative zu dem, was online so abgeht.“ Die Bemühungen fruchten: Vor drei Jahren kam das erste Tschutti-Heftli-Baby zur Welt, erzählt Glanzmann. Das Paar hatte sich auf einer Börse kennengelernt.

Trotzdem hat mittlerweile auch das Tschutti Heftli mitgezogen. Es gibt jetzt eine App, über die man sich zum Tauschen verabreden kann. Für Glanzmann ist das kein Widerspruch: „Man muss sich dann ja immer noch persönlich treffen.“

Wo bekommt man das Tschutti Heftli?

Die Sammelbilder kann man samstags in Basel tauschen, zum Beispiel im Kulturbüro in der Florastrasse 1 (13 Uhr bis 14 Uhr) oder im Comix-Shop in der Theaterstrasse 7 (14 Uhr bis 17 Uhr). Das Sammelheft kostet dort  3 Franken, eine Tüte mit 10 Stickern 1,50 Franken. Unter DeinSportplatz.de/tschutti kostet das Sammelheft 3,50 Euro und die Stickertüte 1,50 Euro. In Südbaden gibt es keine Verkaufsstelle.

Mehr dazu:


Fotos: Tschutti Heftli

Tipp: Wartet einen Augenblick, bis die Galerie komplett geladen ist. Ihr könnt euch dann ganz bequem jeweils das nächste Foto anzeigen lassen, indem ihr auf eurer Tastatur die Taste "N" (für "next") drückt.